Berlin - Die Bäckereifachverkäuferin lässt sich Zeit. Wie eine Uhrmacherin beugt sie sich über mein Sandwich und wickelt es behutsam in das akkurat zurechtgelegte Papier. „Wer keine Zeit hat, soll nicht einkaufen gehen“, flötet sie, und ihr junger Kollege gibt eine Anekdote zum Besten. Schlagermusik dudelt aus einem unsichtbaren Lautsprecher.

Vom Buchhändler erfahre ich, dass er täglich Zeitung liest und zwar in der Badewanne. Eine spezielle Halterung habe er sich dafür gebaut, damit das Papier nicht nass werde. Gleich höre ich das Knispern des Schaumes. Und Arien. Ein Freund von früher badete jeden Morgen eine halbe Stunde und hörte dabei Opern. Musikredakteur. Eine sehr eigene Gattung.

Bei dem karierten Herrn in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses kann ich mir auch vorstellen, dass er die Körperwäsche zu klassischer Musik vollzieht. Alles an ihm ist kariert. Die Schiebermütze. Das Jackett. Die Fliege. Und sein Blick. Die Vielzahl der angebotenen Tulpen scheint ihn heillos zu überfordern. Da hilft nur ein Anruf bei der Gattin. Ich höre ihr Zwitschern durch das Telefon. „Gelb“, sage ich. Der karierte Herr wählt Rot und zwinkert. Beim Bezahlen fragt er nach einer Tageszeitung, und ich freue mich über die Behäbigkeit des Wortes.

Auf dem Zebrastreifen trägt eine Mutter den Turnbeutel ihrer Tochter wie einen Korb Obst auf dem Scheitel. Ihre Haltung verleiht ihr etwas Würdevolles. Die Hälse der Tempeltänzerinnen von Angkor Wat kommen mir in den Sinn. Ein kleines Fernweh hustet mich an. Der Gesang des Kindes vertreibt es, und an seine Stelle tritt Grübeln darüber, ob seine Sprünge einer Systematik folgen oder ob es sich ganz dem freundlichen Diktat des Zufalls überlässt.

An mein Kind denke ich, weil in der Straßenbahn ein Junge „Nathan der Weise“ liest. Und an meine Schulzeit. Statt eines neuen Exemplars wählte der sparsame Kerl die mit Kritzeleien übersäte Reclam-Ausgabe. Der Tram-Teenager hält eine kommentierte Fassung in den Händen und murmelt mit gefurchter Stirn akademische Sprechblasen vor sich hin. Seine Qual tut weh. Lasst sie doch selber denken. Oder kluge Köpfe lesen. Navid Kermani hat Nathan als „Makler der Humanität“ bezeichnet. Spannend.

Fast so aufregend wie die Stimme der Violinistin, die seit Anbruch dieses vorwitzigen Frühlings täglich am Seeufer spielt und singt. Vorher gab sie ihre Konzerte nur gelegentlich. Das Publikum ist alles andere als klein und wächst mit jedem Auftritt. Zu den schönsten Liedern gehört das der Münzen im Instrumentenkoffer. Die Menschen geben reichlich, wissend darum, dass Musik wie diese unbezahlbar ist. Sie gehört einer Sphäre an, in der es Wörter wie Makler gar nicht gibt und auch keine Kunden in Eile. Für die Dauer ihrer Darbietung halten sogar die Schwäne den Schnabel.