Die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz ist gut besucht. Fast 200 Menschen haben sich an diesem Mittwoch eingefunden. Wie jede Woche seit Anfang September findet hier ab 19 Uhr der offene Chor „Everyboy Can Sing“ statt.

Es ist ein bisschen wie Karaoke: Vor dem Altar hat sich eine Liveband positioniert. Daneben steht eine große Leinwand, auf dem der Slogan „Everybody Can Sing“ zu lesen ist. Die vorderen Reihen sind dicht gefüllt. Als ein lautes „Come on, everybody! Get up!“, erschallt, weiß man auch, warum. Chorleiterin ist die amerikanische Jazz- und Soulsängerin Jocelyn B. Smith. Es dauert nur Sekunden, bis alle stehen und singen.

Chorprobe wie eine Yoga-Stunde

Smith startete das Chorprojekt im Herbst. Es richtet sich an Laien und Profisänger gleichermaßen. Ihnen soll durch das Singen nach einem stressigen Alltag neue Kraft gegeben werden. Smith ist nämlich davon überzeugt, dass das Singen Menschen entlasten kann. Diesen spirituellen Zugang spürt man auch. Die Chorprobe erinnert stark an eine Yoga-Stunde. „Ihr habt so viel Stress“, sagt Smith immer wieder: „Relaxt! Geht in euch, bleibt bei euch! Augen zu!“ Die Chorsänger sind immer in Bewegung und Smith macht es vor. Mit ihrer energischen, charismatischen Art und ihrer beeindruckenden Soulstimme packt sie jeden einzelnen von ihnen.

Bei den wöchentlichen eineinhalbstündigen Proben werden die unterschiedlichsten Lieder gesungen. Aktuelle Pop-Charts, Jazz- oder Rock-Klassiker sowie Songs, die Smith selbst geschrieben hat. Währenddessen gibt die Stimmtrainerin den Sängern immer wieder Tipps, wie man zum Beispiel beim Singen richtig atmet. Die Songtexte können wie beim Karaoke von einer Leinwand abgelesen werden.

Musik erleichtert

Am 21. Oktober sang der Soulstar auch mit Flüchtlingen, die derzeit im Horst-Korber-Sport-Zentrum in der Glockenturmstraße in Charlottenburg untergebracht sind. Als „Proberaum“ diente die Eissporthalle gegenüber der Unterkunft. Es war eine geschlossene Veranstaltung, um die Sicherheit der Flüchtlinge zu gewähren. Smith war dabei besonders wichtig, nicht als Entertainerin aufzutreten, sondern in die Gruppe integriert als Gast.

Sie fungierte als eine Art Katalysator, erzählt sie, um den Anwesenden lediglich einen Impuls zum Singen zu geben. Zumal die meisten Flüchtlinge eine andere Sprache sprachen und dadurch auch andere Lieder kannten und singen wollten. „Musik erleichtert“, sagt Smith: „Ich wollte den Flüchtlingen einfach eine Verschnaufpause ermöglichen – bei all dem Stress.“

Das Ziel sind 600 Mitsinger

Die auch für ihr soziales Engagement bekannte Smith hat ihren Chor in der Gedächtniskirche gut im Griff. Ihre kräftige Soulstimme schallt durch die Kirche. Als Ziel hat sich Jocelyn B. Smith auf die Fahne geschrieben, irgendwann ein Konzert mit bis zu 600 Sängern in der Gedächtniskirche zu singen. Ein Wunsch, der angesichts der zunehmenden Teilnehmerzahlen ihrer wöchentlichen Proben nicht unrealistisch erscheint. Am 9. Dezember, 18.30 Uhr, wird es dort ein Benefizkonzert für die Kältehilfe geben, der Eintritt beträgt 10 Euro.

Everybody Can Sing,

Jeden Mittwoch ab 19 Uhr in der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

Tickets kosten zwischen 8 und 80 Euro.