Berlin - Polizisten leben auf den Straßen der Hauptstadt immer gefährlicher. Die Zahl der erfassten Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte ist in diesem Jahr offenbar erneut gestiegen – um drei Prozent, schätzt Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Genaue Zahlen gibt es noch nicht, da das Jahr noch nicht abgeschlossen ist. Aber es wird mehr Fälle geben als 2017. Und schon im vergangenen Jahr war das Niveau der Angriffe auf Polizeibeamte hoch: Es gab in Berlin 4599 Widerstandshandlungen. Zudem wurden 1800 Beamte Opfer von einfacher oder gefährlicher oder schwerer Körperverletzung.

Diese Zahlen steigen seit Jahren. „Die meiste Gewalt richtet sich gegen die Besatzungen der Streifenwagen“, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik der Deutschen-Presse-Agentur. „Die Kollegen geraten häufiger in Situationen, die dann auch in Gewalt eskalieren.“

Meisten Angriffe im Alltag

Die meisten Angriffe geschehen nicht bei gewalttätigen Demonstrationen, sondern bei alltäglichen Einsätzen – etwa bei einer Verkehrskontrolle, wenn sich ein Autofahrer ungerecht behandelt fühlt. Schnell gefährlich werden kann es nach Angaben vieler Beamter auch, wenn Nachbarn die Polizei rufen wegen ruhestörenden Lärms oder häuslicher Gewalt.

Nicht selten richtet sich die Aggression eines prügelnden Mannes dann gegen die Beamten. Erst am 1. Weihnachtsfeiertag hetzte in Reinickendorf ein Mieter, der seine Frau misshandelt haben soll, seinen Schäferhund auf zwei Polizisten.

Brennpunkte der Gewalt gegen die Polizei sind vor allem Kieze in Neukölln, Wedding, Gesundbrunnen und einige Gegenden von Marzahn-Hellersdorf. Oder auch die Pallasstraße in Schöneberg: Dort wurden Silvester vor einem Jahr Feuerwehrleute und Polizisten massiv mit Steinen und Feuerwerkskörpern attackiert.

Hemmschwelle der Angreifer ist gesunken

Einen großen Angriff gab es in der Gegend auch an Halloween. Am 31. Oktober wurde ein Polizeiauto mit einem Brandsatz beworfen, der sein Ziel knapp verfehlte. Immer wieder werden auch an der Rigaer Straße, wo Linksautonome ein Wohnprojekt haben, Streifenwagen mit Steinen attackiert.

Als Gründe für die steigende Zahl von Angriffen hat Slowik unter anderem eine latente Aggressivität und eine gesunkene Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ausgemacht. „Das ist auch ein gesamtgesellschaftliches Problem der Wertschätzung und Anerkennung für die Polizei“, sagt die Polizeipräsidentin.

Für Norbert Cioma von der Gewerkschaft der Polizei haben die zunehmenden Attacken mit sinkendem Respekt gegenüber Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, zu tun. „In den letzten Jahren ist bundesweit der Eindruck entstanden, man könne gerade diese Menschen folgenlos angreifen“, sagt er.

Gesamtzahl der Delikte um 1,5 Prozent gesunken

Seit einer Verschärfung des Strafgesetzbuch-Paragrafen 114 können seit Mai 2017 Angriffe auf Amtsträger härter bestraft werden. „Wir merken leider selbst in den eigenen Reihen, dass diese Möglichkeit noch nicht fest verinnerlicht wurde“, so Cioma.

Aus Sicht der Polizei gab es in diesem Jahr aber auch positive Entwicklungen. So sank die Gesamtzahl der Delikte um 1,5 Prozent. Nach Angaben eines Polizeisprechers nahm die Zahl der Diebstähle erneut ab.

So sank die Zahl der Taschendiebstähle um mehr als 20 Prozent. Auch die Zahl der Einbrüche in Einfamilienhäuser ging erneut zurück, um etwa 16 Prozent.

Dass es auch 15 Prozent weniger Autodiebstähle gab, liege unter anderem an einer besseren Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei. So gibt es seit August eine gemeinsame Ermittlungsgruppe.