Situation am Breitscheidplatz in Berlin: Treffen zwischen Andreas Geisel und Martin Germer geplant

Innensenator Andreas Geisel hat am nächsten Mittwoch einen Termin, der wohl nicht zu den vergnüglichsten gehört. Für den Tag hat sich der SPD-Politiker im Rathaus Charlottenburg angekündigt. Ihm gegenüber werden Vertreter des Bezirksamtes, aber auch Geschäftsleute aus der City-West sowie der Pfarrer der Gedächtniskirche, Martin Germer, sitzen. Wichtigstes Thema: die Situation auf dem Breitscheidplatz. Längst, so klagen die Unternehmer, wirken sich die martialischen Sicherheitsmaßnahmen auf dem Breitscheidplatz geschäftsschädigend aus. Die Frage lautet: Wie teuer darf Sicherheit sein?

Tatsächlich wirkt der Platz in der City-West mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in der Mitte wie eine Festung. Entlang der Budapester Straße und des Tauentzien stehen mit großen Sandsäcken gefüllte, dunkle Drahtkörbe in Reih und Glied – unterbrochen von sogenannten Lkw-Blockern, Barrieren, die sich aufstellen, wenn ein schweres Fahrzeug auf sie zufährt.

Barrieren schrecken Besucher ab

Diese stehen an den Zugängen zum Platz und an Fußgängerüberwegen, gespickt mit besonders markanten Säulen, die mit rot-weißer Warnbeklebung versehen sind. Die Installationen wurden vorigen November als Schutz des Weihnachtsmarktes aufgebaut. Das ist konsequent. Zwei Jahre zuvor war ein Attentäter mit einem Laster in jenen Weihnachtsmarkt gerast und hatte zwölf Menschen getötet.

Gedächtniskirchen-Pfarrer Martin Germer hält die Absperrungen für übertrieben. „Ich glaube, es ist wahrscheinlicher, dass ich auf der Straße von einem Ast erschlagen würde, als dass noch einmal so etwas geschieht wie 2016.“ Doch er nimmt Ängste der Menschen ernst – ebenso das Bedürfnis nach Sicherheit.

Gleichzeitig hat Germer Beobachtungen gemacht, die nun wirklich alle in der Umgebung alarmieren. „Wir haben den Eindruck, dass wir deutlich weniger Besucher haben, seit es die Barrieren gibt“, sagt Germer. Aus seiner Sicht senden sie eine Botschaft aus: „Das ist ein gefährlicher Ort.“ Davon ließen sich viele abschrecken. Und das wäre Gift für die Gewerbetreibenden rund um den Platz, für all die Einzelhändler, Hoteliers und Gastronomen.

Sicherheitsmaßnahmen als Bedrohung

Konkret weiß Michael Frenzel davon zu berichten. Der Direktor des Hotel Palace an der Rückseite des Europa-Centers ist Sprecher eines Zusammenschlusses, zu dem auch die Hotels 25Hours, Motel One, Waldorf Astoria sowie das Einkaufszentrum Bikini gehören – alle in unmittelbarer Nachbarschaft zum Platz gelegen. Sie alle leiden unter der martialischen Optik.

Im Palace hat Direktor Frenzel nach eigener Auskunft zuletzt vielfach erleben müssen, dass potenzielle Kunden wegen der optischen Wirkung der Barrieren ihren Aufenthalt stornierten. „Wir haben etwa zur Hälfte internationale Gäste. Viele nehmen die Sicherheitsmaßnahmen als Bedrohung wahr – schon, weil sie keinen anderen Ort in Berlin sehen, der so gesichert ist“, sagt Frenzel. „Sie fürchten deswegen, dass hier eine unmittelbare Gefahr droht.“ Vor allem im Kongressgeschäft habe das Palace deshalb starke Einbußen hinnehmen müssen. Die Veranstalter hätten Regularien, nach denen sie nicht an Orten mit einem offensichtlichen Bedrohungspotenzial buchen dürften. Frenzel schätzt, deswegen seien in den vergangenen Monaten rund ein Dutzend Buchungen storniert worden. Besonders ärgert die Geschäftsleute und Anrainer, dass kein Ende der „Verschandelung des Platzes“, wie es Pfarrer Germer nennt, in Sicht sei. Ursprünglich waren die Installationen als Provisorium gedacht. Eine Projektgruppe der Senatsinnenverwaltung soll ein Konzept für eine langfristige Lösung erarbeiten. Mit kosmetischen Lösungen wäre dabei niemandem gedient.

Bringt Innensenator Geisel gute Nachrichten?

Von möglichen Ergebnissen ist bislang nichts bekannt, und in der City-West ist die Geduld aufgebraucht. Jetzt fordert Klaus-Jürgen Meier, Vorstandschef der einflussreichen AG City: „Wenn nach dem nächsten Weihnachtsmarkt die Buden abgebaut werden, soll sofort mit dem Aufbau der endgültigen Sicherheitsmaßnahmen begonnen werden.“

Es wäre Innensenator Andreas Geisel also nur zu wünschen, dass er gute Nachrichten im Gepäck hat, wenn er nächste Woche nach Charlottenburg fährt. Guter Wille ist ihm dabei sicher nicht abzusprechen. „Die Senatsinnenverwaltung strebt einen schnellstmöglichen, stadtbildverträglichen, permanenten Schutz des Breitscheidplatzes an“, sagt ein Sprecher. Vor allzu großer Euphorie warnt er im nächsten Atemzug: „Ein genauer Zeitpunkt kann aktuell noch nicht genannt werden.“