Berlin - „Da hat ja sogar der Barchef mitgetanzt“, freut sich Flo, während er das „Manouche“ verlässt und sich die riesige Kontrabass-Tasche auf den Rücken schnallt. Dabei hatten er, Trompeter Johannes und Gitarrist Artur in der Kreuzberger Kneipe gerade mal drei Stücke zum Besten gegeben. Das Skazka Orchestra, es ist noch nicht ganz vollständig an diesem Mittwochabend.

Mit einer kleinen Kneipentour machen die Jungs gerade Werbung für ihre CD und für die nächsten Konzerte. Wobei sie es im Grunde kaum mehr nötig haben, denn in Berlin hat sich die Band in den letzten fünf Jahren eine treue Fangemeinde erspielt. Die neue Platte bringt nun das Osteuropa-Label „Eastblok Music“ heraus, zum Release gaben sie ein umjubeltes Konzert im SO36.

Mongolen am Valentinstag

Doch jetzt geht es noch mal weiter durch die eisige Kälte, in eine der vielen Bars auf der Weserstraße in Neukölln, wo sich die Gäste über das exklusive Ständchen freuen. Inzwischen ist Posaunist Andrej dazugestoßen, ebenso Valentin am Akkordeon, der Sound wird satter, die Aufmerksamkeit größer. „Werbung auf Facebook zu machen, ist einfacher, macht aber viel weniger Spaß“, sagt Artur.

Gemeinsam mit Valentin hat er die Band 2007 gegründet, als sie sich als Studenten an der Musikhochschule Hanns Eisler trafen. „Damals kamen ein paar Mongolen in die Uni, die Musiker für eine Feier am Valentinstag suchten. Wir hatten überhaupt kein Repertoire, haben aber trotzdem zugesagt und diesen Gig in einer türkischen Festhalle im Wedding gespielt.“

Mit russischen Schlagern und Madonna-Hits im Gypsy-Kostüm trafen sie offenbar den Nerv der liebestrunkenen Mongolen, und man beschloss, das Experiment fortzusetzen, allerdings mit selbst komponierter Musik. Fünf Jahre später besteht die Band aus sieben Musikern, davon dreieinhalb mit russischem Pass, und trägt den Namen Skazka.

Darin verbirgt sich zum einen die Inspiration durch die russische Ska-Kapelle „Leningrad“, zum anderen heißt Skazka auf Deutsch übersetzt „Märchen“ – und tatsächlich sind einige der Band-Texte nicht ganz von dieser Welt. „Die Bären haben Balalaikas gezückt, sie zupfen Akkorde und singen im Chor: Der Yeti, der ist verrückt.“ „Da geht es eigentlich um einen Spaziergang durch die Nacht, von einem Späti zum nächsten. Und auf Späti reimt sich Yeti“, erklärt Artur, der meist russisch, aber auch mal auf Deutsch singt. „Es sind meistens Geschichten, die um uns herum in Berlin passieren, wir surrealisieren sozusagen unsere eigenen Erlebnisse.“ Auch Flo, der sich selbst als slawophil bezeichnet und bereits auf dem Landweg nach Moskau und St. Petersburg reiste, hat schon mitgetextet, streng nach Wörterbuch.

Herausgekommen ist der Song „Ushac“ in dem die Babuschka „Brot, hart wie Ziegelsteine“ backt, die Flüsse Salz weinen und der Protagonist am Ende seinen letzten Mantel versäuft. Überhaupt gibt es einige abenteuerliche Songzeilen, zum Beispiel in „Ribotschemodan“, wo sich selbst der russischkundige Hörer fragen dürfte, warum der besungene Kofferfisch denn nun „eine halbe Flasche Rotwein in der Hand“ hält. Doch egal, den Refrain singen nach dem zweiten, dritten Mal trotzdem die meisten mit.

Still stehen können ohnehin die wenigsten. Mal verleitet einen der treibende Offbeat, mal das äußerst virtuose Akkordeon und die kompakten Bläsersätze. Hinzu kommen Ausflüge in Richtung Salsa und Tango und eine heitere Melancholie, die an Goran Bregovic und sein „Wedding and Funeral Orchestra“ erinnert. „Dieses Nebeneinander von fröhlich und traurig in der osteuropäischen Musik ist schon sehr reizvoll. In der westlichen Musik gibt es das ja gar nicht“, sagt Flo.

„Schmeißt die Möbel aus dem Fenster“

Nach einem kräftigen Ingwerschnaps im „Ratzeputz“ auf der Weserstraße schleift er die Musiker noch in die stilvolle Eckkneipe „Nathanja und Heinrich“, wo eine begeisterte Zuhörerin ein paar Russisch-Vokabeln zusammenkratzt und ihnen stolz entgegenschleudert. Am Ende wird noch eine Runde Wodka aufgetischt sowie einige Anekdoten – nach rund 300 Auftritten in Berlin hat die Band davon einen gewissen Schatz beisammen.

„Da war diese eine Lesung“, erinnert sich Andrej, mit deutsch-russischer Herkunft quasi die Goldene Mitte der Band. „Wir sollten nur drei Lieder in der Pause spielen. Als wir anfingen, rief sofort jemand: ‚Schmeißt die Möbel aus dem Fenster.‘ Die haben dann alle Stühle durchs Fenster nach draußen gereicht und wild angefangen zu tanzen – und danach haben sie brav die Stühle wieder reingeholt und weitergelesen.“ Langfristig seien auch Konzerte in Russland anvisiert. „Dort gibt es im Moment abseits von Fernseh-Pop und Rock nur sehr wenig musikalische Alternativen“, sagt Artur und ist sich sicher: „Russland braucht uns.“