Skurriles entlang der Tramlinie

Aus der Straßenbahn heraus beobachtet unser Kolumnist das Berliner Leben – ein Sammelsurium aus Mandarinenschalen, Ukulelen und Rollkoffern.

Eine Person scheppert mit einem Rollkoffer durch Prenzlauer Berg.
Eine Person scheppert mit einem Rollkoffer durch Prenzlauer Berg.Imago

In die eine Richtung läuft eiligen Schrittes eine Frau in Business-Outfit, die scheppernd einen Rollkoffer hinter sich herzieht. An ihr vorbei in die andere Richtung schlendert ein junger Mann in Jogginghose und Halbmantel mit Leopardenmuster, der eine Ukulele vor seinen Brustkorb hält und taktvoll auf die Saiten schlägt, ohne mit der anderen Hand die Akkorde zu wechseln. Leben und leben lassen, allet schau.

Um die Ecke verkürzt sich ein Junge mit Schulrucksack auf dem Rücken die Wartezeit auf die Tram mit dem Pellen einer Mandarine. Er positioniert sich dafür vor einem Mülleimer, in den er pflichtbewusst jedes abgerissene Teil der Schale wirft, einzeln nacheinander. Schälen, abreißen, einwerfen, schälen, abreißen, einwerfen. Er bemerkt nicht, dass die Bodenklappe des Mülleimers offen herunterhängt, jeder der orangen Fetzen sogleich durch den Eimer rauscht und vor seinen Füßen auf einem dort schon aufgetürmten kleinen Müllberg landet. Alles richtig gemacht und trotzdem zur Vermüllung beigetragen: Es ist gar nicht so leicht, ordentlich zu sein in dieser Stadt.

Die Fassaden als Projektionsflächen

Vor der nächsten Haltestelle fällt der Blick im Vorbeifahren auf ein Graffito: „Das ist nicht unser Krieg“, steht in Schwarz über die halbe Hauswand gesprüht. In blauer Farbe hat jemand „Naiv“ daneben geschrieben und mit einem Pfeil versehen. Die Fassaden der Stadt als Projektionsfläche ihrer Einwohnerinnen und Einwohner, Austragungsort gesellschaftlicher Debatten? Es gibt potenzielle Konfliktlinien, die über das Aufeinandertreffen von Rollkoffern und Ukulelen hinausgehen.

Die Tram fährt weiter, vorbei am Gemüse-Kebab-Imbiss, wo es einen ausgezeichneten Dürüm gibt: süß gegrillte Paprika, knusprige Kartoffeln. Seit Jahresbeginn hat der Imbiss seine Preise mehrmals an die politische Lage angepasst, der Dürüm kostet nun sieben Euro. Es ist noch gar nicht lange her, als der Preis bei 4,50 Euro lag und sich bequem mit einem Fünfer zahlen ließ: Stimmte so!

Zivilisiert diskutieren

Aber hey, immerhin deuten die zwischen den Jahren nahezu autofreien Straßenzüge mancher Innenstadt-Viertel darauf hin, dass wir auf einem ziemlich hohen Niveau ächzen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, stehen die meisten Autos zu rund 94 Prozent der Zeit nur rum. Wenn so viele Menschen bereit sind, einen meist fünfstelligen Betrag für einen selten genutzten Gegenstand auszugeben, um ihn auf die Straße zu stellen – dann kann es uns so schlecht nicht gehen, oder?

Steigt der Puls, wenn Sie das lesen? Nun, es wird auch im neuen Jahr viele Themen zu diskutieren geben, die womöglich die Grenzen von leben und leben lassen verschieben. Mögen wir es zivilisiert tun.