Es war am Morgen des 11. August 2017, als die Menschen rund um den Hausvogteiplatz in Mitte einen Eindruck vom nahenden Weltuntergang bekommen konnten. Es war ein Bild des Grauens. Müde und lädiert sahen die Menschen aus, sie flohen mit Koffern und Taschen eilig durch die Straße, plünderten Läden, stießen Autos und Mülltonnen um, überall lag Dreck und Müll. Schwer bewaffnete Soldaten versuchten, die gewohnte Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch das war sinnlos. In der Stadt herrschte Chaos.

Das Szenario am Hausvogteiplatz war aber nur Kulisse für das Endzeitdrama „8 Tage“, das auf der Berlinale Premiere hatte. Der Bezahlsender Sky zeigt die achtteilige Serie in der Regie von Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher ab heute im Fernsehen.

Sky-Serie „8 Tage“: In vielen Szenen des Endzeitdramas taucht die Hauptstadt auf

Die Story erzählt ein Schreckensszenario. Ein riesiger Asteroid rast mit 50.000 Stundenkilometern auf die Erde zu, er wird mitten in Europa einschlagen. Die Menschen fliehen Richtung Osten, sie wollen raus aus der Stadt, dort hätten sie keine Überlebenschance. In der Serie spielen bekannte Schauspieler mit: Christiane Paul, Mark Waschke, Nora Waldstätten, Fabian Hinrichs und Devid Striesow.

Und in vielen Szenen des Endzeitdramas taucht die Hauptstadt auf. Es musste Berlin sein, unbedingt. Während einer Mittagspause bei den Dreharbeiten am Hausvogteiplatz im August 2017 erzählte der Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, Berlin sei für diese Serie sehr wichtig. Es gehe schließlich um das politische Berlin mit seinen Regierungsgebäuden und Ministerien. Ruzowitzy sagte, er mag die Kulisse der Stadt, „diese Mischung aus historischen und neuen Gebäuden“.

„Berlin ist eine internationale Marke wie Paris oder New York“

So denken viele Regisseure und Produzenten. In keiner anderen deutschen Stadt werden so viele Fernseh- und Kinofilme gedreht wie in Berlin. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. „Berlin ist eine internationale Marke wie Paris oder New York mit internationalem Wiederkennungswert“, sagt die Geschäftsführerin des Medienboard Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus. „In Berlin stolpert man förmlich bei jedem Schritt über Geschichte und Geschichten. Hier sind glaubwürdig krasse Gegensätze unter vielen Dächern vereint: Glanz und Glamour auf der einen, Drogensumpf und Verbrechen auf der anderen Seite. Berlin ist ein lebender Mythos.“

Und die Stadt tut viel dafür, diesen Mythos aufrechtzuerhalten und die Region Berlin-Brandenburg als Drehort für Produktionsfirmen lukrativ zu gestalten – vor allem mit Geld. Das Medienboard Berlin-Brandenburg, ein staatliches Unternehmen der Filmförderung, hat in den vergangenen 15 Jahren seines Bestehen mehr als 3000 Film- und Fernsehproduktionen mit 374 Millionen Euro gefördert.

Im vergangenen Jahr bekamen Filmproduktionen fast 40 Millionen Euro. Das war so viel Geld wie nie zuvor. Die Spielregeln sind klar: Im Erfolgsfall müssen die Produzenten das Geld zurückzahlen. Und die gesamte Fördersumme muss für Dreharbeiten in der Region ausgegeben werden.

Und so tauchen die Bilder der Stadt in etlichen vom Medienboard geförderten Filmen und Serien auf: „You are wanted!“, „Babylon Berlin“, „4 Blocks“ , „Homeland“, „Berlin Station“ ebenso deutsche Produktionen wie „Der Ballon“, „Fack Ju Göthe 3“, „Gundermann“ und „Systemsprenger“. 2018 wurden unter anderem Filme gefördert wie „Die Känguru-Chroniken“ von Dany Levis, Caroline Links „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, Philipp Stölzls „Ich war noch niemals in New York“ und Karoline Herfurths „Sweethearts“. Mit Geld aus Berlin entstanden Serien wie „Die neue Zeit“ von Lars Kraume und die dritte Staffel von Babylon Berlin.

Am häufigsten wird derzeit in Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf gedreht

Es scheint, als wird in Berlin pausenlos gedreht. Die Zahl der Drehtage in der Region hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verfünffacht. Die Verkehrslenkung Berlin hat im vergangenen Jahr 2642 Dreherlaubnisse erteilt. 2012 waren es stadtweit knapp 1000.

Am häufigsten wird derzeit in den Innenstadtbezirken Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf gedreht. Brandenburger Tor, Siegessäule, Regierungsviertel, Hauptbahnhof, Kurfürstendamm und Nebenstraßen sind nach wie vor die beliebtesten Motive der Filmemacher, heißt es aus der Verkehrsverwaltung. Fast alles wird genehmigt, was sich die Produktionsteams wünschen. „Ablehnungen sind die absolute Ausnahme“, sagt Derk Ehlert von der Senatsverkehrsverwaltung.

Die Filmemacher sollen sich wohlfühlen in der Stadt – eben auch, weil die Filmproduktionen mit ihren Millionen-Budgets in der Stadt willkommen sind. Laut der Berliner Wirtschaftsverwaltung sind etwa 35.700 Menschen in mehr als 4000 Unternehmen der Filmbranche in Berlin und Brandenburg beschäftigt. Es sind Schauspieler, Techniker, Handwerker, Experten für Special Effects, Autovermieter, Transport- und Cateringfirmen sowie etliche Komparsen. Allein für die dritte Staffel „Babylon Berlin“ vermittelt die Agentur Filmgesichter 3000 Komparsen, vor allem Männer zwischen 18 und 30. Die Mindestgagen liegen bei 90 Euro am Tag. „Ob als Kulisse für große internationale Filmproduktionen oder Kiez-Dokus – Berlin als authentische Metropole ist stark gefragt“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Berlin stehe an der Spitze der Film- und Fernsehstandorte in Deutschland.

Die Suche nach geeigneten Drehorten für Filme wird in Berlin schwieriger

Doch immer häufiger reagieren Anwohner genervt auf die Filmdrehs in ihren Straßen. Mitarbeiter von Filmproduktionsfirmen berichten, Anwohner würden sich häufiger beschweren, weil die vielen Lastwagen der Filmteams tagelang die Parkplätze vor ihrem Haus blockieren, ständig Generatoren laufen und selbst beim Drehende mitten in der Nacht die Fahrer ihre Produktionswagen zum neuen Drehort fahren müssen. In manchen Straßen von Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg wird ständig ein neuer Film gedreht.

Und so haben – bei allem Lob für die Filmmetropole Berlin – mittlerweile auch die Motivsucher, Location Scouts, ein Problem. „Die Suche nach passenden Motiven wird in Berlin immer schwieriger“, sagt Tatjana Liebenow, Location Scout aus Berlin. Die Freiberuflerin sucht vor allem für öffentlich-rechtliche Fernsehproduktionen wie der ZDF-Krimireihe „Ein starkes Team“ passende Drehorte. Sie gehört auch zum Bundesverband Locationscouts. Sie sagt, es sei in Berlin schwieriger geworden, geeignete Orte für Filme zu finden, die etwa in der Nachkriegszeit spielen oder in der DDR. Mittlerweile weichen Produktionsfirmen in osteuropäische Nachbarländer aus, drehen lieber in Prag und Budapest.

„Wir brauchen die Straßen der Stadt. Denn ohne diese Drehorte würde es keine Filme mehr aus Berlin geben“

Auch leere Fabrikanlagen und Ruinen sind in der Region kaum noch zu finden. Und Hausverwaltungen lehnen häufiger als früher Filmarbeiten in privaten Wohnungen ab. Polizei und Gefängnisse lassen gar keine Filmteams mehr in ihre Gebäude. Die Produzenten müssen ausweichen. In der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ diente der Bierpinsel in Steglitz als Hauptquartier des Landeskriminalamtes. Und in der Serie „8 Tage“ steht das nachgebaute Polizeirevier als Kulisse auf einem Parkplatz an der Fritz-Reuter-Allee in Britz.

Für Location Scouts sei die Stadt aber immer noch attraktiv, sagt Tatjana Liebenow. Beliebte Drehorte sind Villen in Zehlendorf, das Restaurant Borchardts in der Französischen Straße und das Hotel Waldorf Astoria in der City West. In Kreuzberg wird gern am Kottbusser Tor und am Halleschen Ufer gedreht. „Wir brauchen die Straßen der Stadt. Denn ohne diese Drehorte würde es keine Filme mehr aus Berlin geben“, sagt Tatjana Liebenow.

Doch die Location Scouts wissen auch, dass sie das Kottbusser Tor zurzeit keiner Filmfirma mehr anbieten können. Dort wurde einfach schon zu viel gedreht.