Berlin - So etwas sollte sich mal jemand bei Olympia in London erlauben: Für 12 Uhr den Beginn eines Wettkampfes festlegen und erst eine Stunden später anfangen. Nicht etwa wegen eines technischen Defekts, Kommunikationsfehlern oder anderer akzeptabler Gründe, sondern weil die Sportler noch keine Lust haben und Pünktlichkeit eine Eigenschaft ist, die sie ebenso ablehnen wie Schnelligkeit, Ehrgeiz und den Kampf um den Sieg.

Bei Olympia wäre das unmöglich, bei den Slowlympics gehört diese Haltung zur notwendigen Grundeinstellung. Sonst könnte man dort gar nicht mitmachen. Slowlympics, das ist eine Wortkombination aus dem englischen Wort slow (langsam) und Olympia. Am Sonnabend fand sie zum ersten Mal auf dem Tempelhofer Feld statt. Der Ort war gut gewählt, deutlicher konnten die Gegensätze an diesem Tag nicht sein.

Denn während wenige Meter entfernt auf einer Großbildwand die Olympia-Wettkämpfe aus London live übertragen werden und Sportler wie Usain Bolt gerade die 100 Meter in Höchstgeschwindigkeit sprinten, gehen es die etwa 200 Anhänger der Slowlympics viel zu spät, aber ganz gelassen und entspannt an.

Internationale Gemeinschaft

Schneller, höher, weiter, das sind nicht ihre Maßstäbe. „Wir stehen Olympia eher kritisch gegenüber“, sagt Mitorganisatorin Kirstin Gernath. Doch Sport mögen die Slowlympics-Anhänger auch, doch es soll nicht vordergründig ums Gewinnen gehen, sondern um den Spaß. Und davon haben die Teilnehmer der elf Mannschaften genug.

Ihre Disziplinen heißen Standweitsprung, langsames Radrennen, Rückwärtslaufen, Wiener-Würstchen- und Teebeutelweitwurf. Nur was die Sprache betrifft, da halten sich die Spaß-Sportler ans Londoner Original: Sie reden alle englisch. Das liegt daran, dass die meisten Teilnehmer aus den USA, England und Australien stammen und jetzt in Berlin leben.

Sie sind eine große Gemeinschaft und die meisten kennen Paul Sullivan, den Erfinder der Slowlympics. Der 39-jährige britische Reisejournalist betreibt seit zwei Jahren die Internetseite Slow Travel Berlin. Das Portal ist ein Online-Reiseführer für Berlinbesucher, mit Veranstaltungstipps und Hinweisen für einen entspannten Hauptstadtbesuch, fernab der Touristenströme. Und so empfiehlt Sullivan den Touristen etwa den Park Schöneberger Südgelände oder einen Besuch der Neuköllner Kindl-Brauerei.

Keine Peinlichkeiten

Paul Sullivan sagt, die Slowlympics seien ein „Ironieprojekt“, ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Entspannung und Spaß am Leben. Und das muss er den Teilnehmern nicht erklären. Alle haben sich verkleidet, die Mannschaften erkennt man an ihren selbst gefertigten Kostümen, sie tragen grelle Perücken, bunte Stirnbänder und viel Schminke. Frauen haben sich schwarze Schnurrbärte angemalt, der Schiedsrichter trägt rosa Socken, ein Sportler eine eng anliegende Turnhose in Gold. Bei diesem Spektakel gibt es keine Peinlichkeiten.

Im Laufe des Nachmittags werden die Spiele immer skurriler. Die Mannschaften starten jetzt in den Disziplinen beklopptes Laufen, dreibeiniges Fußballspiel (zwei Leute binden je ein Bein aneinander), Muffin-Essen, aus Wickelfolie befreien und Teebeutelweitwurf. Statt zwei geplanter Stunden dauern die Wettkämpfe fünf Stunden. Niemand will aufhören. Das kann man sich bei Olympia nun auch nicht vorstellen.