Am Straßenrand steht ein verwaister Bürostuhl, mit ranzigem Polster, wer weiß, wie lange schon. Eine junge Frau nähert sich ihm. Sie beugt sich hinab, hält die Nase an den Stoff und atmet ein. Zweimal, ganz tief. Ein Passant beobachtet die Szene im Vorübergehen, Misstrauen macht sich auf seinem Gesicht breit. Und Ekel. Was soll das, die Szene scheint ihm zuwider zu sein. Die junge Frau verkündet: „Er riecht nicht“, dann kehrt sie zur Gruppe zurück. 13 Leute bewegen sich gemächlich den Kottbusser Damm entlang, in den Händen halten sie leere Plastikbeutel und Stücke aus Baumwollstoff. Sie sind selbst ernannte Geruchs-Enthusiasten und sie haben eine Mission: Gerüche sammeln.

Die junge Frau ist eine der Fortgeschrittenen. Jyoti Kapur heißt sie, in Schweden promoviert sie über Gerüche und Mode. Das Problem mit Gerüchen sei, erklärt sie, dass es keine explizite Sprache für sie gebe. Meist versuchen wir, sie mit Vergleichen oder Assoziationen zu beschreiben. Das Thema sei noch wenig erforscht, obwohl es so wichtig sei.

Destillierter Männerschweiß

Kapur ist das erste Mal bei einem Treffen der Geruchs-Enthusiasten dabei. Seit Juli treffen sie sich einmal im Monat im Neuköllner Projektraum Spektrum zum „Smell Lab“, einem Geruchs-Labor. Zum Reden, Experimentieren und Riechen. Im Rahmen des kommenden Festivals Transmediale wollen sie eine Geruchsausstellung vorbereiten. Gegründet wurde das „Smell Lab“ unter anderen von Klara Ravat. Die 29-jährige Künstlerin kommt aus Barcelona und verknüpft in ihren Werken Videos mit Gerüchen wie destilliertem Männerschweiß. Heute geht es raus, auf die Straße, um die Gerüche der Stadt aufzuspüren und, wenn möglich, in den Tüten und Stoffstücken einzufangen.

Ein Stück Stoff wird nach Rücksprache mit dem Besitzer unter den Teppich eines Spätverkaufs gelegt und auf dem Rückweg wieder eingesammelt. Herbstlaub und Erde landen in den Tüten, ein Fetzen grüne Unterlage von einem Marktstand am Maybachufer. Ein weiteres Stück Stoff wird hinter dem Tresen der Kneipe Ankerklause deponiert, ein drittes wagemutig in den Kanal getaucht. Ein viertes trägt eine Teilnehmerin während der Tour in ihrer Achselhöhle. Die Fritteuse eines Imbisses wird ausgeschlagen, willkommen ist dagegen das Eis aus einem Fischladen, auf dem zuvor die Fische gekühlt wurden. Die Tüten erweisen sich als undicht, Fischwasser tropft.

Ungewöhnlich findet all das keiner der Teilnehmer, alle sind konzentriert bei der Sache. Eine Hierarchie der Gerüche gibt es hier nicht, alle sind wertvoll und wollen gesammelt werden. Welches Nischendasein der Geruchssinn offenbar in sozialer Hinsicht fristet, zeigen die Reaktionen der Passanten. Während es akzeptiert ist, allein auf offener Straße die albernsten Grimassen zu ziehen, um witzig oder vorteilhaft auf Selfies rüberzukommen, bewegt man sich beim Riechen anscheinend auf sehr dünnem Eis.

Vor einem bewachsenen Zaun macht die Gruppe halt und riecht an den Blättern. Eine Radfahrerin bremst: „Was macht ihr?“, will sie wissen. „Riechen“, erhält sie als Antwort. Auf ihre Frage nach dem Warum folgt betretenes Schweigen.

Erfahrung der besonderen Art

Offenbar hat der Geruchssinn im Alltag eine schlechte Lobby. Max Joy, einer der Teilnehmer, kann das nicht verstehen. Der Klangkünstler beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Gerüchen, kaufte sich den Duftbaukasten der Hobbythek und setzt Düfte in seinen Installationen ein. Am Liebsten mag er natürliche Pflanzendüfte, heute hat er Weihrauch und Kokosöl mitgebracht. 50 Euro hat Joy neulich für eine winzige Dosis Magnolienöl ausgegeben. Ein Graus sind ihm dagegen die meisten handelsüblichen Parfums: „Ganz schlimm finde ich Männerdüfte, die sind so herb und stereotyp.“

Zurück im Projektraum soll das Experiment ausgewertet werden, doch zunächst schlägt einem kalter Zigarettenrauch entgegen. Er hat sich in den Sofas festgesetzt und reizt Nase und Augen. Erschwerte Bedingungen für ein Geruchsexperiment. Die Tüten werden sorgfältig nummeriert und herumgereicht, die Teilnehmer versenken nacheinander ihre Nasen darin. Wie sich herausstellt, hat der Stoff, der die Gerüche aufnehmen soll, einen sauren Eigengeruch, der die Proben überdeckt. „Das ist die pure Chemie“, seufzt Joy resigniert. Das Experiment scheint gescheitert. Doch für die Enthusiasten war das Riechen auf der Tour ein Selbstzweck, eine Erfahrung der besonderen Art.

„Smell Lab“ im Spektrum, Projektraum für Kultur und Technologie, liegt in der Bürknerstraße 12 in Neukölln. Nächster Termin: 20.1.2016, 19.30 Uhr. Weitere Termine unter: spektrumberlin.de/communities/smell-lab