Unter der Weidendammerbrücke an der Friedrichstraße stehen Ausflugsschiffe im Stau. Dietmar Oeliger vom Naturschutzbund schaut auf sein Messgerät. Eben zeigte das Gerät die Zahl 6000 an. So viele kleinste Staubpartikel fliegen an dieser Stelle allein durch den Straßenverkehr ständig in jedem Kubikzentimeter Atemluft herum. Als die Schiffe sich dann eins nach dem anderen unter der Brücke durchschiebt, schnellt die Anzeige auf der Brücke auf 64.000 hoch. Es stinkt. Man muss den Atem anhalten. „Wer hier wohnt, arbeitet oder im Biergarten sitzt, hat keine gute Luft“, sagt Oeliger.

Die Haltung der Politik dazu erscheint ambivalent. Seit Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über Abgase von Autos öffentlich debattiert wird. Dem Diesel geht es an den Kragen. Tempolimits wurden verhängt, bald werden dauerhafte Fahrverbote für Dieselautos auf einzelnen Straßen folgen. Dass die Schiffe auf den Kanälen, Spree und Havel nicht mal Partikelfilter haben und ihre Abgase einfach so in die Luft blasen dürfen, scheint niemanden zu stören. Laut Umweltbundesamt sind sie allerdings für bis zu 30 Prozent der Feinstaub- und Stickoxidbelastung in flussnahen Städten wie Berlin verantwortlich.

Tempolimits für Autos

Bleiben wir aber noch kurz beim Auto. Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Pilotversuch mit Tempo 30 auf Berliner Hauptstraßen ausgeweitet wird. Ab 3. September gilt die Geschwindigkeitsbegrenzung für bessere Luft auch auf dem Tempelhofer Damm von Alt-Tempelhof bis zur Ordensmeisterstraße und auf der Hauptstraße zwischen Kleistpark und Innsbrucker Straße. Seit April gilt Tempo 30 bereits in der Leipziger Straße sowie seit Juni in der Potsdamer Straße. Im November soll die Kantstraße folgen. Auf den fünf Strecken will der Senat jeweils ein Jahr lang testen, ob die niedrigere Geschwindigkeit eine Reduzierung der Stickoxidbelastung zur Folge hat.

Berlin überschreitet EU-Grenzwerte wie auch etwa 70 andere Städte in Deutschland an vielen Stellen. Dazu tragen allerdings auch die Fahrgastschiffe auf den Wasserstraßen bei. Um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, hat der Verband für Elektroschifffahrt am Donnerstag zum Messtermin an die Spree geladen. Der Verband will erreichen, dass alte Schiffe ihre Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen reduzieren müssen. Außerdem will die Organisation bei der Vergabe von Steganlagen im Stadtgebiet mitmischen. Die Fahrgastschifffahrt werde seit Jahrzehnten in wettbewerbsrechtlich bedenklicher Weise von zwei Anbietern, der Stern und Kreis Schifffahrt und der Reederei Riedel dominiert. In der Folge seien Unternehmer mit elektrisch betriebenen Schiffen benachteiligt, sie könnten nicht mal Ladestellen errichten.

Neben Dietmar Oelinger ist Umweltexperte Axel Friedrich erschienen. Er hat vier weitere Messgeräte dabei: für Ruß, große Partikel, Stickoxid und Lärm. Alle zeigen auf der Brücke hohe Werte an. Dann geht es aufs Wasser. Direkt in der Abgasfahne hinter den Schiffen, dort, wo die Fahrgäste eines dicht folgenden Schiffes sitzen, sind die Werte erwartbar hoch. Aber auch, wenn eins der Schiffe mit weitem Abstand vorüber fährt, zeigen Friedrichs Messgeräte Grenzwertüberschreitendes. Der Wind trägt die Abgase über den Fluss. „Dass die Schiffe keine Rußfilter haben belastet alle, die hier leben“, sagt Friedrich.

Fehlender Wettbewerb

Es ist nicht so, dass die Argumente der Befürworter einer grünen Schifffahrt an den Berliner Reedern und ihrem Verband nur abprallen würden. Für den Verband ist Geschäftsführer Ingo Gersbeck zum Messtermin erschienen und so entspinnt sich am Rande gleich eine politische Diskussion. „Die Umrüstung der Schiffe ist auch für uns ein Thema“, sagt Gersbeck. Von 70 Fahrgastschiffen auf Berlins Gewässern besitzen nur wenige Partikelfilter. „Es gibt nicht für alle Schiffe die richtigen Filter“, sagt Gersbeck. Die Absatzmenge sei zu klein, die Industrie stelle keine passenden Filter her.

Bei der Stern und Kreis Schifffahrt wurden von 31 Schiffen drei nachgerüstet und eins mit Filter gebaut. „Wir wollen uns außerdem an einem Senatsprojekt beteiligen, mit dem sechs Schiffe mit Elektroantrieb oder Filter ausgerüstet werden sollen“, sagt Geschäftsführer Andreas Behrens. Alles andere sei eine Frage der Zeit. Das kann Luis Lindner vom Verband für Elektroschifffahrt allerdings nicht hinnehmen. „Ohne Wettbewerb wird sich nichts ändern“, sagt er. Der Senat müsse eingreifen.