Sozialsenatorin ElkeBreitenbach (Linke) will die Obdachlosen von der Straße holen.
Foto: dpa/Carsten Koall

BerlinNach Wochen der einschneidenden Maßnahmen für die gesamte Bevölkerung wegen des Coronavirus nimmt die Politik zunehmend diejenigen in den Blick, denen seit Beginn der Krise die größte Sorge gilt: den Senioren. Am Montag hatte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) im Gesundheitsausschuss im Abgeordnetenhaus speziell ältere Menschen angesprochen und sie gebeten, konsequent daheim zu bleiben. „Alle Berlinerinnen und Berliner über 70 Jahren sollten sich zu Hause in Selbstquarantäne begeben.“ Schließlich sei Abstand „der sicherste Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus“.

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Wie viel Überzeugungsarbeit Kalayci noch leisten muss, zeigen die Reaktionen. „Auch ältere Menschen über 70 müssen einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen und sich an der frischen Luft bewegen, wenn sie sich dabei an die Regeln halten“, sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VDK, am Dienstag der Berliner Zeitung. Der Sozialverband ist mit zwei Millionen Mitgliedern die größte sozialpolitische Interessenvertretung des Landes.

„Denen helfen, die sich nicht selbst helfen können“

„Ausgangssperren für Ältere sind das falsche Mittel“, sagte Bentele. „Für uns ist klar: Wir müssen in der Krise denen helfen, die sich nicht selbst helfen können. Reden wir lieber über Nachbarschaftshilfe, zeigen wir uns solidarisch mit den Schwächsten und organisieren wir Hilfe. Es geht nur gemeinsam.“

Dazu passt, wie Linken-Chefin Katina Schubert die jüngsten Maßnahmen des rot-rot-grünen Senats einschätzt, wonach die Berliner grundsätzlich das Haus nicht verlassen sollen. „Wir müssen die Balance halten. Man kann auch an Broken Heart erkranken“, sagte Schubert der Berliner Zeitung. Deshalb seien ja die Ausnahmen in der Verordnung so entscheidend. „Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass es möglich bleibt, Menschen in Pflegeheimen zu besuchen.“

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Verbesserung der Organisation

Auch das Krisenmanagement von Gesundheitssenatorin Kalayci wird zunehmend kritisch gesehen. So fordert der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, eine bessere Koordinierung. Es sei beispielsweise derzeit unklar, wo genau die 160 Ärztinnen und Ärzte, die bislang ihre Hilfe zur Behandlung von Coronavirus-Patienten angeboten haben, tatsächlich gebraucht werden, kritisierte Jonitz am Dienstag im rbb-Inforadio. „Das Problem ist, dass wir auf der politischen Ebene leider keine Stelle haben, die uns sagen kann, in welchen Häusern, in welchen Einrichtungen welche Ärzte gebraucht werden – und auf welche Bedingungen die da stoßen.“ Hier müsse organisatorisch nachgebessert werden. Trotz seines eigenen Kontakts zur Gesundheitsverwaltung fehle ihm selbst der Überblick. Er wisse momentan noch nicht einmal, wer die zuständigen Ansprechpartner bei der Senatsverwaltung oder im Krisenstab sind.

Es sind ausgesprochen schwierige Bedingungen für Menschen mit geringem oder gar keinem Einkommen. Wir müssen ihnen helfen.

Elke Breitenbach, Sozialsenatorin

Jonitz sagte, er habe zwar Kontakt zur Senatorin, aber wünschenswert wäre eine konzertierte Aktion der politisch und auch konkret verantwortlichen Akteure: „In Hamburg gibt es zweimal in der Woche eine Telefonkonferenz, an der selbstverständlich auch die Ärztekammer und die Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztliche Vereinigung mitbeteiligt sind, um zusammenzuarbeiten, in Berlin gibt es das nicht.“

Aufruf an pensionierte Ärzte

Die Situation sorge für Irritationen, sagte Jonitz. So habe er seriöse Angebote über Schutzmaterialien in Millionen Stückzahl erhalten. Aber er habe „über eine Woche gebraucht, um herauszufinden, wer der Ansprechpartner in der Senatsverwaltung im Krisenstab ist“.

Aus der Gesundheitsverwaltung heißt es dagegen, es werde „mit allen an der Bewältigung der Krise Beteiligten täglich und stündlich zusammen gearbeitet“. Nur so habe man die mittlerweile acht Untersuchungsstellen an Kliniken oder auch das Covid-19-Krankenhaus auf dem Messegelände auf den Weg bringen können. In der Krise wartet keiner auf eine Einladung des anderen. Alle legten los und stimmten sich ab, hieß es in einer Mitteilung.

Außerdem habe Senatorin Kalayci Ärztekammerpräsident Jonitz persönlich gebeten, schnelle und Online-Schulungen zum Thema Covid-19 auf den Weg zu bringen. Der Bedarf sei groß. Ebenso, dass die Ärztekammer einen Aufruf an die pensionierten Ärzte und Ärztinnen zur Bewältigung der Aufgaben macht. Die Rückmeldung an die Senatorin war positiv, hieß es.

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Bei Bedarf weitere Unterkünfte

Der Senat lenkt unterdessen den Blick auch auf die Obdachlosen in der Coronakrise. Für sie sollen mehr Unterkünfte geschaffen werden. „Wir können die Obdachlosen in dieser Situation nicht einfach auf der Straße lassen“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Dienstag im Anschluss an die Senatssitzung.

Zunächst solle Platz für 350 Menschen bereitstehen. In einem ersten Schritt soll eine Jugendherberge mit 200 Plätzen in der Kluckstraße in Tiergarten hergerichtet werden. Als zweiter Standort ist die bisherige Kältehilfeeinrichtung in der Storkower Straße in Pankow mit bis zu 150 Plätzen geplant. Bei Bedarf werde es weitere Unterkünfte geben.

Kooperation mit dem THW

Zudem wird die Berliner Tafel in der Krise vom Technischen Hilfswerk unterstützt. Das THW stelle zwei Lastwagen nebst Fahrern zur Verfügung, um Lebensmittel auch aus Läden abzuholen und zur Tafel zu bringen, sagte Breitenbach. So solle die Versorgung bedürftiger Menschen sichergestellt werden.

Im Zuge der Coronakrise hatten Tafeln bundesweit darüber geklagt, dass Spenden zurückgehen. Die Unterstützung Bedürftiger auf diesem Wege sei aber „extrem wichtig“, sagte Breitenbach. Die Kooperation mit dem THW soll nach ihren Worten zunächst zwei bis vier Wochen laufen und etwa 30.000 Euro kosten.