Friedrichshain - Derzeit gibt nur einen einzigen Ort, an dem im Friedrichshain zu erkennen ist, dass ein ungewöhnlicher Tag bevorsteht, vielleicht sogar das einst übliche Berliner 1. Mai-Chaos mit eingeworfenen Schaufenstern und brennenden Autos. Es ist Montagnachmittag – und es sind noch etwas mehr als 50 Stunden, bis am Mittwoch die berüchtigte „Revolutionäre 1. Mai-Demo“ beginnt. Doch die Sparkasse an der Boxhagener Straße ist bereits verbarrikadiert. Alle 21 Fenster sind mit jeweils zwei Meter hohen Kunststoffplatten geschützt – gegen Steine und Brandsätze. „Die Demo geht in der Nähe entlang“, sagt eine Mitarbeiterin. „Da sollte man gerüstet sein.“

Erstmals will die linksextreme Szene durch Friedrichshain demonstrieren – und nicht wie sonst immer in Kreuzberg. Von einer „Wiedergeburt als rebellisches Datum“ ist die Rede. Die Demoroute ist noch unklar, da sich die Autonomen weigern, die Demo anzumelden. Auf Plakaten ist zu lesen, dass die Demo unter dem Motto „Gegen die Stadt der Reichen“ um 18 Uhr am Wismarplatz beginnen soll.

Die Hausbesetzer der Liebigstraße 34, die nach eigenen Angaben geräumt werden sollen, drohen zudem: "Dieser Tag kann ein Austesten sein, was Senat und Cops (...) erwarten, wenn sie es wagen sollten uns zu räumen. Wir sind nicht nur die Liebig34, wir sind viele und verdammt wütend."

Wer in den Läden nachfragt, hört vor allem zwei Statements. Die allermeisten sagen: „Das habe ich ja noch gar nicht gewusst.“ Die anderen sagen: „Wir machen gar nichts. Wir verbarrikadieren uns nicht. In den letzten Jahren war es doch recht friedlich.“

Revolutionäre 1. Mai-Demo vor allem wegen Rigaer Straße in Friedrichshain 

Allen aber ist eines gemeinsam: Kein Ladenbesitzer oder Verkäufer will auch nur den Namen seines Geschäfts in der Zeitung sehen. Denn die Gewaltexzesse bei früheren Demos richteten sich nicht in erster Linie gegen Großkonzerne, sondern es wurden vor allem Supermärkte geplündert. Ein Ladenbesitzer sagt: „Wenn sich die Gewalt gegen die kleinen Läden richtet, geht es nicht um politische Motive, sondern dann sind das Leute, die auch sonst jede Gelegenheit zum Klauen nutzen.“

Dass die Linksextremen sich diesen Kiez in Friedrichshain ausgesucht haben, hat mit der Rigaer Straße zu tun – einem europaweit bekannten Symbolort für die Autonome Szene. Wenn dort eine Räumung oder eine Polizeiaktion abzusehen ist, reisen Lederjackenträger aus vielen Ländern an und schleppen Rucksäcke voller Steine und Bierflaschen auf die Dächer. So erzählen es Anwohner.

In dieser Gegend zeigt sich derzeit wie unter einem Brennglas die Veränderung dieser Stadt: Da sind einerseits die Hausbesetzer und die Altmieter. Am Haus Rigaer Ecke Samariterstraße steht auf Plakaten: „Miete alt – 707 Euro. Miete neu – 1700 Euro.“ Keine 50 Meter weiter ist die Rigaer Straße abgeriegelt durch einen Bauzaun. Ein Großinvestor ließ dort alte Fabriketagen abreißen und baut nun Luxuswohnungen für reiche Neuberliner.

Viele Übereinstimmungen bei Forderungen zwischen Mietern und Besetzern 

In Berlin zeigt sich derzeit in diesem Kiez das Dilemma der Verdrängung und Kommerzialisierung am stärksten. Denn in Mitte schien die Gentrifizierung bereits abgeschlossen, doch Fachleute sprechen nun davon, dass dort die Wohlhabenden von den wirklich Reichen verdrängt werden. Und da es in Mitte und Prenzlauer Berg schon lange keine Baulücken mehr gibt, werden nun in Friedrichshain selbst an der lärmenden S-Bahn die Lücken aus dem Zweiten Weltkrieg mit teuren Wohnungen bebaut.

„Wegen der starken Gegensätze gibt es hier große Spannungen“, sagt Konstanze Fritsch. Sie arbeitet für die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin und moderiert die Konflikte im Kiez im Auftrag des Bezirksamtes. Sie sieht ein Hauptproblem: Da das Gebiet lange eine Arbeitergegend war, sind die Wohnungen meist nicht so groß. So wurde es zu einer klassischen ersten Wohngegend für Neustudenten. Doch die zogen oft bald weiter – und nach jedem Auszug stieg die Miete.

„Nun sind viele schockiert von der Mietentwicklung“, sagt Konstanze Fritsch. Sie sieht inhaltlich auch viele Übereinstimmungen bei den Forderungen der meisten Bewohner, also zwischen Mietern und Besetzern. „Aber problematisch ist, dass einige Leute ihren Protest immer mit einer Gewaltandrohung verbinden.“