Freie Fahrt um 7.10 Uhr auf der Avus, wo sonst werktags Stau herrscht.
Foto: Koch-Klaucke

BerlinDie BVG im Warnstreik: Ehrlich, ich hatte echt große Furcht vor diesem Tag. Wie komme ich nur am Dienstagmorgen ohne Stress zur Arbeit? Doch ganz ehrlich, so entspannt wie heute bin ich noch nie mit dem Auto durch Berlin gefahren.

Keine Busse, keine U-Bahn am Morgen, nur die S-Bahn fährt. Doch von Wannsee ins 27 Kilometer entfernte Kreuzberg zur Arbeit mit dem Zug zu fahren, mich in Corona-Zeiten in ein volles Abteil zu setzen, darauf habe ich keine Lust. Ich steige um 7 Uhr ins Auto und merke schon auf der ersten Teilstrecke: Das wird eine entspannte Fahrt.

Auf der Potsdamer Chaussee in Wannsee, die sonst vor allem mit den Pendler-Pkw aus Brandenburg voll ist, ist es so leer wie an einem Sonnabend. Wo sind die Potsdamer, bei denen die Verkehrsbetriebe ja den ganzen Tag und nicht wie die BVG in Berlin nur bis mittags streiken? Wo sind die Mittelmärker, die Havelländer? Ihre Kennzeichen sind kaum zu entdecken. Vielleicht sind sie im Homeoffice geblieben, statt nach Berlin zur Arbeit zu fahren.

Kaum Verkehr herrscht auch auf der Avus, die werktags stets im morgendlichen Berufsverkehr vollgestopft ist, auf der man schon ab Abfahrt Hüttenweg im Stau zur Stadtautobahn steht, es geht zügig voran. Um 7.10 Uhr bin ich schon am Dreieck Funkturm, stehe in der kleinen Schlange zur A100-Auffahrt. Normalerweise brauche ich um diese Zeit bis dahin mindestens 20 statt zehn Minuten!

Reporter Norbert Koch-Klaucke fährt am Streiktag mit dem Auto zur Arbeit.
Foto: Koch-Klaucke

Den kleinen Einfädelstau am Dreieck Funkturm habe ich problemlos überstanden. Sogar im vorgeschriebenen Tempo 80 kann ich bis zur Abfahrt Tempelhof fahren. Im Autoradio vermelden die Verkehrsnachrichten kaum nennenswerte Staus in der ganzen Stadt. Auch in den S-Bahnen soll es nicht voll sein. Eine Frau, die aus Spandau mit dem Regio in die Berliner Innenstadt fährt, erzählt einem Radio-Reporter, das sie im Zugabteil sogar einen Sitzplatz bekommen hat, was an anderen Nicht-Streiktagen kaum der Fall ist.

Ich bin überrascht. Selbst auf dem Tempelhofer Damm, für Autofahrer oft Staufalle im Berufsverkehr, staut es sich nur mäßig. Und was mich noch mehr überrascht: Kein Autofahrer springt zwischen den Fahrbahnen, es gibt kein Gedrängel, kein Gehupe. Man nimmt Rücksicht aufeinander, passt beim Rechtsabbiegen auf, dass die Fahrradfahrer problemlos über Kreuzungen kommen. Die sonstige Hektik im Berliner Großstadtverkehr ist wie weggeblasen. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass die BVG-Busse, die sonst auf dem Tempelhofer Damm an den Haltestellen Zwischenstopp machen, Autos aufhalten, am Dienstag nicht fahren.

Die größte Überraschung bietet mir die Kreuzberger Lindenstraße. Nur wenige Autos sind unterwegs – so, als wäre heute ein Sonntag. Am Ende der 45-minütigen Autofahrt steige ich ungewohnt relaxt aus meinem Auto. Denn zur Krönung des Streiktages habe ich ohne langes Herumfahren auch noch einen freien Parkplatz in Arbeitsnähe gefunden!