Berlin - Charlie Waite streckt den Kopf in die Höhe und atmet die Luft am Tempelhofer Feld tief ein. Während sich Dutzende Veteranen und Soldaten der britischen und amerikanischen Armee, Politiker und Medienvertreter am Luftbrückendenkmal versammeln, um das Ende der Berlin-Blockade am 12. Mai 1949 zu feiern, denken Waite und seine Schwestern an ihren Vater: „Hier fühlen wir uns ihm besonders nah.“

Der Vater dieser Briten war Reginald „Rex“ Newnham Waite, Offizier und von 1947 bis 1949 Chef der britischen Luftwaffenverbände in Berlin. Er ist einer der geistigen Väter der Luftbrücke, die mehr als zwei Millionen Leute unter der Total-Blockade von West-Berlin durch die Sowjetunion vor dem Hungertod rettete. 

In Tempelhof schmiedete er die Pläne zur Versorgung der Bevölkerung, die seine Vorgesetzten zunächst als unmöglich umsetzbar abwiesen. Doch Waite plante weiter und kämpfte – bis die Vorgesetzten einem der größten humanitären Projekte der Geschichte zustimmten. Eine logistische Meisterleistung, die eine direkte Konfrontation mit der Sowjetunion verhinderte. In elf Monaten flogen Briten, Franzosen und Amerikaner 280.000 Flüge und versorgten die abgeschottete Bevölkerung mit mehr als zwei Millionen Tonnen Fracht: Lebensmittel, Kohle, Medikamente, Treibstoff.

Sogenannten Rosinenbomber lieferten Brot, getrocknete Kartoffeln und Möhren

Was Rex Waite dazu antrieb, die Deutschen zu retten, die Jahre zuvor den Zweiten Weltkrieg entfesselten? „Er sah nicht Feinde in ihnen, sondern Menschen“, sagt die 75-jährige Romilly Waite. Den Kindern habe er nie erzählt, was er getan hat. 

Doch in alten Briefen haben sie seine Schilderungen gelesen: Wie die Berliner litten und hungerten, wie Kinder mit blaugefrorenen Füßen herumliefen, weil es keine Schuhe gab. Das habe ihn entsetzt. „Er war Humanist, er wollte helfen. Und er schrieb, es sei der beste Job, den er je hatte.“

Wie wichtig die Arbeit von Waite und den Westalliierten für die Berliner war, davon kann Karin Rohde berichten. Die 82-jährige ist nahe des Flughafens aufgewachsen, zum Fest trägt sie nun einen hellblauen Mantel. „Es heißt immer, Süßigkeiten seien vom Himmel gefallen“, sagt sie. „Davon haben wir nichts gewusst.“ Die ehemaligen Bomber, die zu Hilfsflugzeugen wurden, hätten viel Wichtigeres geliefert: Brot, getrocknete Kartoffeln und Möhren, Trockenmilch – den Stoff zum Überleben, gerade so.

„Der Klang der Skymasters wurde zum Klang der Hoffnung“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einer bewegenden Rede am Luftbrückendenkmal, der sogenannten Hungerkralle. Diese Hilfe sei alles andere als selbstverständlich gewesen.

Und noch heute sei ihr unvergleichlicher Einsatz ein Symbol für Humanität, Solidarität über Grenzen hinweg und gemeinsamen Kampf für Demokratie und Freiheit. Den versammelten Veteranen dankt der Bürgermeister auf Englisch: „Ich versichere Ihnen, die Berliner werden niemals vergessen, was Sie für sie getan haben.“

Der 98-Jährige lacht

Auf dem Tempelhofer Feld erinnern an diesem Tag Flugzeuge, Fahrzeuge, Fotos und Videos an das „Wunder der Solidarität“, wie Justizministerin Katarina Barley (SPD) es nennt. Die letzten Zeitzeugen sind gekommen, um zu berichten: Der US-amerikanische Veteran Gail Halvorsen sitzt in Uniform auf seinem Rollator und wird umringt von Jugendlichen, die wissen wollen: Warum habt ihr den Deutschen geholfen? Der 98-Jährige lacht: „Weil man manchmal einfach das Richtige tun muss.“

Für die Geschwister Waite sind solche Gedenkveranstaltungen extrem wichtig. In ihrer Heimat sei ihr Vater vergessen, erzählen sie. Auch an die Luftbrücke und den Beitrag der Briten erinnere sich kaum jemand. Ihr Vater hat sich daheim nie damit gebrüstete, hat nicht einmal davon erzählte, was er geleistet hat, sondern hat lieber Gemüse im Garten gezogen. Und so erfuhren die drei erst vor 20 Jahren bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin, was sie heute wissen: „Er war ein Held.“