Der Vorschlag für die Kavalierstraße in Pankow: Alle Kfz-Stellplätze verschwinden. So entsteht Platz für Fahrradgaragen, Hochbeete und breitere Gehwege, die zum Teil entsiegelt werden. 
Visualisierung: MLA+/Martin Aarts

Berlin-PankowKlar ist die Lage noch nicht. Bei einer Umfrage in Pankow wünschten sich 40 Prozent der Teilnehmer weniger Parkplätze, damit mehr Raum für andere Nutzungen entsteht. Doch immerhin 32 Prozent forderten mehr Stellplätze für Autos. „Es gibt zwei Gruppen, die sich gegenüberstehen“, folgerte Lysann Schmidt-Blaahs von der Beuth Hochschule für Technik. „Ein widersprüchliches Ergebnis“, sagte Cordelia Koch, Fraktionsvorsitzende der Grünen in Pankow. Um die Diskussion über die Umgestaltung von Straßen voranzutreiben, haben sich die Grünen Unterstützung besorgt. Die Vorschläge, die der niederländische Stadtplaner Martin Aarts und das Planungsbüro MLA+ jetzt präsentierten, haben ein gemeinsames Merkmal: Parkplätze gibt es nicht mehr.

Viele Bürger beschweren sich über den Verkehr, sagt Koch. „Alt-Pankow ist ein Gebiet, das unter einem erheblichen Autodruck steht. Mit kleinen Straßen, die diesen Druck nicht mehr fassen können.“ Deshalb haben die Grünen ein Projekt ins Leben gerufen: Stadtraum 2030 – Raum für Menschen statt für Autos. Die Hauptfrage lautet: Wie könnten Straßen aussehen, wenn dort keine Kraftfahrzeuge mehr parken?

Die nun vorgestellten Ideen sollen die Vorstellungskraft beleben. „Wir wollen in Pankow zeigen, dass es nicht nur Nachteile gibt, wenn die Autos von den Straßen verschwinden, sondern dass es auch enorme Vorteile bietet“, erklärte Aarts, der als Leiter des Stadtplanungsamts Rotterdam international Furore gemacht hat. Straßen sollen „Treffpunkte in einer grünen Umgebung“ werden.

Heute käme kein Kind auf die Idee, in der zugeparkten Kavalierstraße in Pankow zu spielen, sagte Christoph Michael von MLA+. Das werde sich ändern, wenn die Parkplätze aufgehoben und Gehwegbereiche entsiegelt worden sind. Dadurch würde die ruhige Wohnstraße „erst richtig aktiviert“. Es entstünde auch Platz für Hochbeete, Anwohner könnten Stühle aufs Trottoir stellen.

Auf der Wolfshagener Straße gibt es schon mehr Verkehr. Aber auch dort soll Platz neu verteilt werden. Für Autos könnte es Kurzzeitparkplätze geben, zum Beispiel, um den Einkauf auszuladen. Für längerfristiges Parken wäre eine Kiezgarage sinnvoll.

Der Vorschlag für die Wolfshagener Straße: Einige Stellplätze sollen bleiben, aber nur als Kurzzeit-Haltezonen. Wer parken will, fährt in die (noch nicht vorhandene) Kiezgarage.
Visualisierung: MLA+/ Martin Aarts

Damit die Läden in der Ossietzkystraße weiterhin Waren erhalten, sollten dort Lieferzonen markiert werden, hieß es. Auf ehemaligen Parkplätzen entstünde Platz für Hochbeete, Sitzbänke und Fahrradstellplätze.

Der Vorschlag für die Ossietzkystraße: Damit die Geschäfte weiterhin beliefert werden können, werden Ladezonen markiert. Aus Parkplätzen werden Sitzbereiche.
Visualisierung: MLA+/ Martin Aarts

Die Mühlenstraße, Teil der Bundesstraße B96a, werde auch in Zukunft dem Durchgangsverkehr dienen, so Michael. Allerdings sollte für Kraftfahrzeuge nur noch ein Fahrstreifen pro Richtung bleiben. So entsteht Raum für breitere Gehwege, Radfahrstreifen und eine Straßenbahntrasse in der Mitte.

Auf dem Pankower Anger könnte die Platzverteilung gleichbleiben. Der breite Mittelstreifen könnte aber attraktiver werden, mit Wasserspielen, mehr Bänken und Bäumen. Eine Begegnungszone auf der Nordfahrbahn soll den Verkehr mit Tempo 20 beruhigen und die Verbindung zu den Rathaus-Passagen verbessern.

Der Vorschlag für die Mühlenstraße: In der Mitte entsteht eine begrünte Straßenbahntrasse, an den Seiten werden Radfahrstreifen markiert. Für Autos bleibt ein Fahrstreifen pro Richtung.
Visualisierung: MLA+/ Martin Aarts

Das alles seien keine fertigen Planungen, sondern „Hilfestellungen zum Umdenken“, so Christoph Michael. Nach den Ferien sollen sie mit Anwohnern diskutiert werden, sagte Cordelia Koch. Geplant sei, im August und September drei Straßen zu sperren. Zugleich werde die bereits begonnene Diskussion mit dem Bezirksamt fortgesetzt.

Der Vorschlag für den Pankower Anger: Wasserspiele, Bänke, Bäume, vielleicht eine Bühne sollen die breite Verkehrsinsel östlich vom Rathaus (hinten im Bild) attraktiver machen. 
Visualisierung: MLA+/ Martin Aarts

Ein erstes Meinungsbild ergibt die Online-Befragung von Lysann Schmidt-Blaahs und ihren Studenten, an der 381 Menschen teilgenommen haben. Fast drei Viertel der Befragten wollten mehr Grün und mehr Aufenthaltsflächen, auf denen man nichts konsumieren muss. 41 Prozent wünschten sich Einschränkungen des Autoverkehrs, 17 Prozent wollten nur noch Taxis und Lieferfahrzeuge zulassen, 16 Prozent wünschen sich ihre Wohnstraßen sogar komplett autofrei. Fast die Hälfte der Teilnehmer störte sich daran, dass Autos so viel Platz verbrauchen; allerdings mokierten sich 22 Prozent über rücksichslose Radfahrer.

Bei den Umfrageteilnehmern waren Akademiker mit 74 Prozent überproportional vertreten, nur 18 Prozent nutzten mindestens täglich ein Auto. Repräsentativ sei das Ergebnis nicht, sagte Cordelia Koch. Doch die Debatte gehe jetzt erst richtig los.