Berlin - Die älteste deutsche Moschee steht im gutbürgerlichen Berlin-Wilmersdorf. Der prächtige Bau mit den zwei Minaretten wurde 1928 eingeweiht, erster Gemeinde-Geschäftsführer war der zum Islam konvertierte Jude Hugo Hamid Marcus. Die Wilmersdorfer Ahmadiyya-Lahore-Gemeinde, zu der das Gotteshaus – erbaut in einer Art Taj-Mahal-Stil vom Berliner Architekten K. A. Hermann – immer noch gehört, half ihrem Mitarbeiter Marcus später, vor den Nationalsozialisten in die Schweiz zu fliehen.

Das ist ein Teil der Berliner Islam-Geschichte. Sie gehört zur Hauptstadt Deutschlands wie der Mauerfall oder die Luftbrücke. In Berlin gibt es inzwischen mehr als 90 Moscheen, die meisten davon in Hinterhöfen, nur wenige sind so repräsentativ wie die Sehitlik-Moschee in Neukölln oder das Maschari-Center in Kreuzberg. Gut 300.000 Muslime leben in der deutschen Hauptstadt, rund 25.000 davon beten jeden Freitag, ob in der liberal-modernen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee von Imamin Seyran Ates oder bei einem salafistischen Prediger in der Al-Nur-Moschee in Neukölln.

Auch das gehört zur Hauptstadt. Der Islam ist in Berlin, in seinen prächtigen und seinen problematischen Ausprägungen, seit vielen Jahrzehnten zu Hause. Umso absurder wirkt hier ein Satz wie der des neuen Innen- und Heimatministers Horst Seehofer (CSU), dass „der Islam nicht zu Deutschland“ gehöre, die Muslime aber schon – als ob sich das trennen ließe. Bundesweit ist ihm bis hinauf zur Kanzlerin widersprochen worden, wenn auch längst nicht nur.

Irritiert über Seehofers Feststellung

Gerade auch in Berlin zeigen sich viele, darunter Politiker und Muslime von der CDU bis zur Linkspartei, mindestens irritiert über Seehofers Feststellung, die ganz offenbar auf die rechte Wählerklientel im bayerischen Landtagswahlkampf zielt. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte am Feiertag, der Weg zu Freiheit und Demokratie führe über nicht über Spaltung, sondern über Respekt vor anderen: „Deutschland ist im besten aller Sinne Heimat für Menschen aller Religionen“, erklärte Müller. „Diese Haltung erwarte ich von einem Heimatminister.“

Die Rechtsanwältin und Moschee-Gründerin Ates, selbst Opfer von Morddrohungen aus dem radikalen Spektrum ihrer Religion, sagte der Berliner Zeitung, man müsse Seehofer „gute Gedanken“ hinter seinem Satz wünschen. „Wir wollen keine islamistischen Hassprediger, wir wollen keine kleinen Kinder mit Kopftüchern, keine Scharia-Gerichte, keine Zwangsheirat“, sagte Ates. Sie gehe davon aus, dass Seehofer dies gemeint habe. „Die friedlichen Muslime wird er wohl nicht rausschmeißen wollen.“

Weniger gnädig zeigt sich die Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin, Ayse Demir. Seehofer grenze Muslime aus der Gesellschaft aus, in der sie seit Jahrzehnten leben. „Das bestätigt unsere Befürchtung, dass ein Heimatministerium nicht zusammenführt, sondern spaltet. Es hat einen nationalistischen Charakter.“ Heimat habe mit Anerkennung, Akzeptanz, Wertschätzung zu tun. „Nun wird dieses Gefühl zu einem Spielball der Politik“, sagte Demir.

Lektüre des Grundgesetzes

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, empfahl Seehofer die Lektüre des Grundgesetzes. Religionsfreiheit sei ein Eckpfeiler der deutschen Leitkultur. „Wer Religionen oder Weltanschauungen ausschließt, verstößt gegen unseren gesellschaftlichen Grundkonsens“, sagte Saleh, der kürzlich in einem Buch eine „neue Leitkultur“, fußend auf Vielfalt, gefordert hatte.

Der Innenpolitiker der Linken in Berlin, Hakan Tas, nannte Seehofers Aussage fatal. „Auch Seefhofer muss begreifen, dass fünf Millionen Muslime hierzulande ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind und bleiben werden“, sagte Tas. Selbstverständlich gehöre der Islam zu Deutschland.

Die CDU-Politikerin Emine Demirbüken-Wegner, ehemalige Staatssekretärin auf Landesebene, warnte vor einer „Sackgassen-Diskussion“ über Seehofers Satz. „Wir sollten uns vielmehr damit beschäftigten, wie wir das Leben im heutigen Deutschland gemeinsam gestalten wollen. Wir gehören, wir fühlen, wir leben zusammen“, sagte Demirbüken-Wegner.