Der KitKat Club in Berlin-Mitte soll schließen, auch dem Sage-Club gebührt das Aus.
Foto: imago images/David Heerde 

BerlinAn diesem Dienstagmorgen rollt es wie eine Lawine durchs Netz: "KitKat und Sage-Club müssen schließen". Die Nachricht auf der Facebookseite der Berliner Zeitung wurde bereits nach wenigen Minuten mehrmals geteilt, auf Twitter finden sich schnell erste Protestrufe. Clubschließung ist nicht gleich Clubschließung. Das zeigt sich an diesem Ereignis. 

Rund 70% unserer Facebook-Follower antworten auf eine Umfrage  der Berliner Zeitung, dass es für sie keine Alternative zu den Clubs gäbe. Ein User kommentiert, dass er befürchte, wenn er eine Alternative erwähne, sie dann auch noch schließe. Beim Berliner Kurier reagieren sogar rund 80% mit einem klaren "Nein" zu Club-Alternativen.

Für einige Berliner und Nicht-Berliner ist der KitKatClub eine Möglichkeit der freien Entfaltung. Für Kulturschaffende eine feste Instutition. Hannes Bergheim, DJ mit dem Projekt Cotumo und Resident im Kitty, schreibt uns etwa:

"Die Clubszene dient als Motor des internationalen Tourismus, Berlin ist weltweit ein Aushängeschild für elektronische Musik am Zahn der Zeit und prägt das Bild von uns Berlinern im Ausland. Ich erinnere mich wie 2008 der Golden Gate Club als Empfehlung im easyjet-Magazin landete oder Jahre später das Berghain als bester Club der Welt ausgezeichnet wurde. Das hat den Tourismus merklich in meiner Wahrnehmung angekurbelt. Der Kit Kat Club ist mit seiner Fetisch- und Sexpositive-Ausrichtung ein fester Bestandteil dieser Szene und verdient es an seiner prominenten Lage in der Mitte der Stadt weiter existieren zu dürfen, da er es nicht nur uns Einheimischen ermöglicht uns dort frei entfalten zu dürfen sondern auch den Menschen, die in ihrer Heimat ihre Sexualität vielleicht nicht so in der Öffentlichkeit ausleben können wie hier. Eine Verdrängung eines solchen Kulturobjekts in die Randgebiete um wohlmöglich einem weiteren namenlosen Betonklotz Platz zu schaffen, würde Berlin bedeutungsloser machen und ich finde da sollte man gegen kämpfen, denn ich liebe diese Stadt!"

Vor zehn Jahren legte Hannes Bergheim zum ersten mal im Club KitKat auf.
Foto: Marc Rikkert

KitKat und Sage sollen ihre Räume 2020 verlassen

Von Bedi Bay, Selekteur und Kassierer im Klubbetrieb, heißt es:

"Der ökonomische Faktor unserer Klubkultur ist längst systematisch messbar und öffentlich nicht mehr weg zu verhandeln. Während es abgekoppelt davon endlich Bestrebungen gibt diesen Orten auch den kulturellen Mehrwert durchsetzungsfest anzuerkennen, müssen gleichzeitig Institutionen wie das Kit Kat um ihre Existenz bangen. Das ist eine kurzsichtige Schande, denn Freiheit und Politik werden nicht mehr nur in konservativen Hochkulturbetrieben verhandelt: Die letzten Jahre haben erneut verdeutlich, dass Klubkultur die gesellschaftlichen Ausprägungen nicht nur begleitet, sondern maßgeblich mit verschiebt. In einer Zeit in der öffentlicher Raum immer weiter privatisiert wird und Freiräume verpuffen, kommt diese Entwicklung einer selbstprovozierten kulturellen Erosion gleich. Unsere Klubs sind nicht nur Schutzräume, sondern auch Keimzelle für wichtige soziale Diskurse und kulturelle Progression. Sie sind die alternativen Sammelbecken in unserer Stadt, die Abweichung, Diversität, Toleranz und Freiheit überhaupt einen Platz schaffen. Diese vom Bass angeleiteten Mikrokosmen und Kurzzeit-Utopien bieten am Wochenende Luft zum kultivieren solidarischer Ideen, die in der Woche von den Menschen dieser Stadt in die Gesellschaft implentiert werden. Hier wird also nicht schon wieder nur ein Klub geschlossen - hier wird der kollektive Geist ausgetrocknet und eliminiert. Das ist die Tragweite, die wir diskutieren müssen."

Der 28-jährige arbeitet im Berliner Clubbetrieb
Foto:  Bedi Bay

KitKat und Sage sollen ihre Räume im Juni 2020 verlassen. Ein Crowdfunding, um die Finanzierung besseren Lärmschutzes zu ermöglichen, brachte zwar genug Geld ein, der Vertrag wurde dennoch nicht verlängert.

Einige Berliner fürchten nun, dass die Tanzlokale aufgrund von Luxuswohnungen weichen müssen. "Traurig, traurig diese Entwicklung... der schroffe, rebellische und somit auch absolut liebenswerte und besondere Charakter Berlins geht immer mehr verloren bzw. muss man ihn mittlerweile ganz schön suchen, um ihn noch zu finden. Berlin wird immer mehr Mainstream und "glatt". Das kann doch nicht ewig so weitergehen, dass einfach gute alt eingesessene Clubs platt gemacht werden für noch mehr schickimicki-unbezahlbaren Wohnraum", schreibt die Facebook-Userin Susi Sue. 

Es muss etwas passieren um Clubs und Nachtruhe zu versöhnen

Daniela Wagner, Grüne-Politikerin

Ein anderer User, Martin Waßmann, kommentiert: "Die Stadt zehrt von dem Mythos der freien Entfaltung, aber die wird langsam in der Tat weniger. Ob durch Geld oder durch Regeln, die von politischen Menschen und Gruppen aufgestellt werden. In diesem Fall ist es Geld. Mann-o-Mann."

Die Grüne-Politikerin Daniela Wagner versucht hingegen schon länger einen Schlichtungsversuch. Es muss "etwas passieren um Clubs und Nachtruhe zu versöhnen" heißt es zum aktuellen Anlass auf ihrer Facebookseite. In ihrer Partei wurde bereits ein Entwurf zur Stadtentwicklung vorbereitet, der auf der Webseite der Grünen bereits zu finden ist. Auch der CDU-Abgeordnete Christian Goiny macht sich  für die Clubszene stark. Er verlangt, dass der Senat eine Koordinierungsstelle bei der Senatskanzlei einrichtet, die zwischen Hauptverwaltungen, Bezirksämtern und Clubs vermittelt, Antrags- und Genehmigungsverfahren unterstützt.

Prominente wie die Entertainerin Nina Queer rufen mitterweile auf ihren Seiten zur Hilfe auf. Sie schreibt auf Facebook: "Wo ist der Berliner Senat, wenn man ihn braucht? Es kann ja wohl nicht sein, dass die Grünen überall Wohnungen für Superreiche bauen. Wenn der Kit Kat Club zu macht, ist der Ruf Berlins als Party-Hauptstadt der Welt ruiniert. Was nicht so schlimm wäre, wenn sich Berlin auf etwas anderes berufen könnte. Kann es aber nicht. Klaus Lederer kannst du da nichts machen?"

Entertainerin Nina Queer bei einer Party in Berlin.
Foto:  imago images/Photopress Müller

Und auch einige Journalisten und Nachbarschaftsinitativen solidarisieren sich. "Wir dürfen solche Dinge nicht zulassen, wenn Berlin Berlin bleiben soll", twittert die Journalistin Deana Mrkaja.

"WER sind denn hier die Eigentümer*innen, die Berlin noch mehr Seele rauben wollen? Druck machen, enteignen, beschlagnahmen?! Gerade das #kitkat ist eine verdammte Institution! #Clubsterben stoppen!", heißt es hingegen von Bizim Kiez. 

Journalistin Veronika Kracher twittert nur: "Die CDU für den KitKat-Club. Wir leben wahrhaft in interessanten Zeiten."