Wer die Tür zu einem der Klassenzimmer öffnet, wünscht sich fast, selbst noch einmal zur Schule zu gehen: Jeder Raum hat verschiedene Ebenen, es gibt frisch gemachte Parkettböden und bunte Farben überall. Die Schüler können auf einem hölzernen Plateau sitzen oder in einer Koje meterhoch über dem Erdboden lesen. Und bei der Freiarbeit können sie auf Hochstühlen sitzend aus dem Fenster schauen. Für Zusammenkünfte kommen sie auf einem runden, flauschigen Teppichboden zusammen. Deckenpaneele schlucken den Schall, so bleibt es relativ ruhig.

„Die klassischen Tische und Bänke haben wir seinerzeit einfach in den Keller gebracht“, sagt Britta Brugger. Die energische Frau gehört zu einer Elterngruppe, die mit ihren Kindern und einigen Pädagogen das Innere des aus der Kaiserzeit stammenden Schulgebäudes der Nürtingen-Schule am Kreuzberger Mariannenplatz so umgestaltet hat, dass es den Ansprüchen moderner Montessori-Pädagogik auch wirklich entspricht. Für die italienische Pädagogin Maria Montessori war es zentrales Anliegen, die Neugierde der Kinder zu wecken. An der Schule gibt es deshalb kaum noch Frontalunterricht, die Kinder entscheiden oft selbst, was sie lernen. Dabei können sie verschiedene Lernorte wählen und spezielle Lernmaterialien selbst aussuchen. „Wichtig war, dass unsere Kinder ihre Vorstellungen umsetzen konnten“, sagt Mutter Dörte Brandes. Sie hätten lange überlegt, was sie sich wünschen. „Wir Eltern haben dann die Wände gestrichen, die Möbel zusammengebaut“, sagt eine andere Mutter. Die Eltern hatten Baumaterial gespendet und Geld beim Quartiersmanagement beantragt.

Nach und nach sind alle Räume des Altbaus umgestaltet worden, also 16 Klassenzimmer sowie die Flure. „Kinder lernen am besten, wenn sie sich bewegen und nicht den ganzen Tag an einem Tisch ruhig sitzen müssen“, meint Britta Brugger, die lange Zeit die oberste Elternvertreterin hier war. Gestaltete Lernumgebung nennen die engagierten Eltern die Räume, die in mehreren Wochen neu geschaffen wurden. Architektinnen sorgten für die Feinplanungen.

„Das Schulamt war zunächst sehr skeptisch“, sagt Katharina Sütterlin. „Aber als wir die Pläne vorlegten, haben sie uns unterstützt.“ Wichtig war, dass das Geld schon vom Quartiersmanagement bewilligt war. Den Antrag eingereicht hat der Förderverein. Gerade auf Bezirksebene gibt es ja ein ziemliches Ämterwirrwarr. Es gibt das Schulamt und auch das Hochbauamt. Mittlerweile existiert in Berlin auch ein Landesverband schulischer Fördervereine. Hier können sich Elternvertreter Tipps holen, wie sie an Geld für geplante Projekte kommen.

Protest gegen Umverteilung

In der Nürtingen-Schule haben die Eltern auch die Schulbücherei mit aufgebaut. Es gab nur einen großen Raum mit zum Teil veralteten Büchern. „Wir haben uns überlegt, wie wir das auf den Weg bringen können“, sagt Britta Brugger, die hauptberuflich bei einem Verlag arbeitet. Sie hatte also gute Kontakte, und so erhielt die Schule von anderen Verlagen Buchspenden. Es wurden Lesungen mit Autoren organisiert. „Kinder sollten Spaß daran haben zu lesen.“ Gerade an einer Kreuzberger Schule mit vielen Kindern aus türkischen Familien sei das wichtig. Ehrenamtliche Lesepaten gebe es auch.

Bald entwickelte Britta Brugger gemeinsam mit ihrem Bruder eine eigene Internetseite, das Elternweb. Auf dieser Seite können sich Eltern über das Schulleben informieren und Vorschläge unterbreiten. Zuvor gab es von der Schulleitung nur wenige Informationen. „Anfangs habe ich daran bestimmt vier Stunden pro Woche gearbeitet“, sagt Britta Brugger. Ein halber Arbeitstags also, um ehrenamtlich das Elternweb zu betreiben. Noch heute ist diese Webseite wesentlich aktueller als die Homepage der Schule. Darauf verlässt sich auch die Schulleitung. Und mit ihrem Elternweb üben die Eltern auch politischen Druck aus. Das hier ist ja schließlich Kreuzberg!

Als an einigen Kreuzberger Schulen zusätzliche Klassen in den bestehenden Gebäuden aufgemacht werden sollten, gab es Demonstrationen. Der Schulstadtrat hatte den Plan damit begründet, dass einige Schulen räumlich besser dastünden als andere. Viele Eltern sahen das als ein trübes Spiel, um noch mehr Kinder in ein Schulgebäude zu bekommen. „Die Schulen sollen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen“, sagt Britta Brugger. Wenn es in Kreuzberg immer mehr Kinder gebe, müsse man eine neue Schule bauen, statt die Schülerzahl in den bestehenden Schulen ständig zu erhören. Auch hier stießen die Eltern wieder auf die verworrenen Verwaltungsstrukturen, schoben sich Bezirks- und Landesebene die Verantwortung zu.

Inzwischen ist die Nürtingen-Grundschule eine der angesehensten Schulen in Kreuzberg. Nicht zuletzt aufgrund des Elternengagements. Dörte Brandes sitzt inzwischen im Landeselternausschuss und setzt sich dort für Schulsanierung und -neubau ein. Dafür wendet sie viel Zeit auf. Und die beiden Architektinnen Sütterlin und Wagner versuchen mittlerweile, mit ihrem Projekt „Bauereignis“ berlinweit Klassenräume zu verschönern.