Ein Jubelschrei dringt durch die Menge am Brandenburger Tor. Spitz und laut, voller Inbrunst und nur ganz kurz. Es ist eine Frau, die da aufjauchzt, das verrät die Tonlage deutlich. „Die hat bestimmt die Hand geschüttelt bekommen“, spekuliert ein Mädchen, das hier auf Höhe der Säulen steht. „Ich sehe sie, ich sehe sie“, ruft ihre Freundin. Was sie durch die Arme der Filmenden vor ihr, die ihre Handys in die Luft strecken, sehen kann, dürfte maximal ein Stück Kopf sein. Eine Hand oder ein bisschen von dem Lila des Kleides, das Kate an diesem Mittwoch trägt.

Die britische Herzogin steht gerade weiter vorn am Hotel Adlon. Zusammen mit ihrem Mann William, dem Zweiten in der britischen Thronfolge. Ihre beiden Kinder George, 3, und Charlotte, 2, die bei der Ankunft in Tegel noch gähnend aus dem Flugzeug stiegen, sind nicht mehr dabei. William und Kate gehen ein paar Schritte, bleiben stehen und winken. Dann noch einmal: Gehen, stehen, winken – und wieder von vorn.

Der gut viertelstündige Besuch am Brandenburger Tor ist der einzige öffentliche Auftritt des königlichen Paares in der Hauptstadt. Und der begeisterte, aber einsame Schrei steht vielleicht symbolisch für diese Stippvisite. Die Programmpunkte sind kurz und streng und protokollarisch-sauber, aber dennoch herzlich und menschlich – zumindest finden das die echten Fans.

Denn in Scharen zum Brandenburger Tor sind die Berliner nicht geströmt. Eine gute Stunde vor dem großen Auftritt waren dort bloß ein paar Hartgesottene mit Fähnchen zu sehen. Hier und da blitzten Regenschirme mit der britischen Flagge auf, Touristen reihten sich ein. Vielleicht kalkulierte der royale Tross die berlinische Gelassenheit ein und ließ sich deshalb eine gute Viertelstunde mehr Zeit, ehe er am – mittlerweile von Menschen umringten – Brandenburger Tor vorfuhr.

Diana als Tattoo

„Für mich ist das ein besonderer Tag“, sagt Daniel Loser. Er ist einer dieser eingefleischten Fans. Einer von den wenigen, die schon früh hier gewesen sind. Über der Hüfte trägt er eine Tätowierung. Sie zeigt das Gesicht von Diana, der verstorbenen Mutter von Prinz William. „Ich finde, Herzogin Kate trägt das Erbe von Di würdig weiter“, sagt der 32-jährige Gastronom. „Ihre Eleganz und ihren Stil. Ich liebe die Royals, weil sie auf dem Boden geblieben sind.“

Wie viele Menschen auf dem Pariser Platz wundert sich Daniel Loser über die eher laschen Sicherheitskontrollen. Nur sporadisch kontrollieren Polizisten die Taschen der Schaulustigen. Gatter stehen nur in vorderster Reihe. „Was, wenn jetzt hier jemand eine Bombe hochjagt?“, fragt ein Mann seine Begleiterin.

Man wolle die Menschen nicht verunsichern, sagt ein Polizist, darauf angesprochen. Offenbar schätzt die Polizei das Sicherheitsrisiko bei dem Termin eher gering ein. Journalisten und Organisatoren, die im Laufe des Tages in Reichweite der Royals gelangen wollten, mussten hingegen vorab ihre Personalien vom Bundeskriminalamt überprüfen lassen.

Einen Termin für solche Einblicke hat es vor dem Besuch am Brandenburger Tor gegeben, als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Paar im Kanzleramt empfing. Bei einem gemeinsamen Mittagessen im privaten Kreis, bei Kabeljau mit Gemüse, dürfte es auch um europapolitische Fragen gegangen sein. Seit die Briten beschlossen haben, der EU den Rücken zu kehren, steht es um das Ansehen Großbritanniens in Europa nicht zum Besten. Die britische Presse spottete im Vorfeld, das Land starte nun die royale Charme-Offensive.

Zufall dürfte es in der Tat kaum gewesen sein, dass die fünftägige Reise von William und Kate am Montag in Polen startete – an eben jenem Tag, an dem in Brüssel die Brexit-Verhandlungen über Finanzfragen und die künftige Stellung von Ausländern im Vereinigten Königreich begonnen haben. Kate und William als diplomatische Geheimwaffen, als Symbol für Glamour und Kontinuität.

Die Chance auf Bilder, die eben das vermitteln, bietet sich gegen 14.30 Uhr am Holocaust-Mahnmal: Zu zweit schreiten William und Kate durch die Stelen, ohne Bodyguards, ohne Berater. Sie haben darum gebeten, den Weg allein gehen zu dürfen, heißt es. Um innezuhalten – und sicher auch für tolle Bilder, die Intimität demonstrieren: die Eheleute nah beieinander, das knallige Kleid inmitten der schattigen Säulen, der Blick ernst, Williams Arm staatsmännisch auf seinem Bauch abgelegt. „Es ist sehr bewegend“, sagt der Thronfolger abschließend.

Dann geht es weiter ans andere Ende der Stadt, nach Marzahn. Vor dem Kinder- und Jugendhaus Bolle haben sich schon Nachbarn an den Absperrungen positioniert. Hier, kurz vor der Stadtgrenze, wo je nach Block 50 bis 80 Prozent der Menschen von Hartz IV leben, ist der Besuch für viele eine unwirkliche Sache. Das seien doch bloß Doppelgänger, nicht das echte Prinzenpaar, ist sich ein Mädchen bis zuletzt sicher. Sie macht „bei Bolle“ Hausaufgaben, spielt Theater oder Keyboard. Etwa 120 sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche verbringen ihre Nachmittage hier. Einige haben Gewalt erlebt, auch sexuellen Missbrauch, andere gerade den fünften Vater in zwei Jahren kennengelernt.

Als die Polizeimotorräder und die schwarzen Autos mit den verspiegelten Scheiben vorfahren, ist vielleicht auch das Mädchen überzeugt: Der Prinz und seine Frau kommen wirklich hierher nach Marzahn.

Zunächst steigen Männer in Anzügen aus, Berater oder Sicherheitsleute. Als William vor seiner Frau die Autotür öffnet und hinaus tritt, fangen die Menschen nur zögerlich an zu klatschen. Fast so, als bräuchten sie ein paar Sekunden, um sicherzugehen, dass dies nicht bloß ein weiterer Anzugträger aus dem Korps ist.

Das Englisch aus Schulzeiten

Eckhard Baumann begrüßt das Paar. Er ist der Vorsitzende des Vereins Straßenkinder, der das Bolle-Haus betreibt. Baumann sagt ein paar Worte. Den ganzen Dienstag hat er geübt, hat immer wieder englische Sätze in seine Erklärungen einfließen lassen. Das Wissen aus Schulzeiten, es sollte sitzen. Ein Händedruck, ein herzliches Lachen des 49-Jährigen, William und Kate nicken. Mission completed.

Dann geht es hinein in das Gebäude mit dem bunten Schriftzug. Auf dem Flur hängen Fähnchenketten und A4-Plakate, die für heute die große Zeugnisparty ankündigen. Mit Basteln, Henna-Tattoos, Kinderschminken – und königlichem Besuch. William und Kate lächeln auf dem Zettel von einem Foto, das gerade einmal so groß abgedruckt ist wie das nebenstehende Bild einer Bratwurst. Auch die Kinder haben Bilder gemalt, William mit Krone und Umhang. Dagegen dürfte der reale Prinz fast eine kleine Enttäuschung darstellen.

In der Sitzecke sprechen die Royals mit zwei jungen Frauen, die der Straßenkinder-Verein aus der Obdachlosigkeit holte. Auch dabei ist Teresa Enke, die Witwe des Torhüters Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm. Ihre Stiftung kümmert sich um Menschen, die unter Depressionen leiden. Prinz William und sein Bruder Harry redeten kürzlich erstmals öffentlich über das Trauma, dass der Unfalltod ihrer Mutter für sie bedeutete. Ihre Stiftung Heads Together macht sich für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten stark, deswegen wünschte sich das Prinzenpaar den Kombi-Termin im Bolle-Haus.

Gleich müssen William und Kate weiter, der Empfang im Schloss Bellevue bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht an. Noch später dann die Gartenparty in der Residenz des britischen Botschafters zu Ehren des 91. Geburtstags der Queen.

Kate kniet sich hin, umarmt die Kinder im Garten des Bolle-Hauses zum Abschied. William klatscht ab mit den Jungs, die um ihn herumtoben. Für das Gruppenfoto am Schluss reißen die Kinder die Arme in die Höhe, schreien auf, auch Eckhard Baumann johlt. William und Kate lachen und winken. Staatsmännisch, herzlich, kurz. (mit sok., fth.)