Berlin - Manchmal sind die anderen blind. Die, die eigentlich sehen müssten, weil sie sehen können. Manchmal jedenfalls kommt es Pia Hemmerling so vor, als sei nicht sie es, die ihre Umwelt nur schemenhaft wahrnimmt, sondern diejenigen, die sie anrempeln, wenn sie in Berlin unterwegs ist. Wenn sie mal wieder eine dieser verkehrsreichen Straßen der Stadt überqueren möchte und Angst hat. „Ja, Angst“, sagt die 34-Jährige: „Davor, nicht heil über den Fahrradweg zu kommen.“ Dann hat sie das Gefühl, dass sich das nie ändern wird, und sie fragt sich: warum? „Warum wird über Inklusion viel geredet, aber Inklusion nicht im Alltag gelebt?“

Pia Hemmerling steht vor dem Roten Rathaus in Mitte, den weißen Langstock in der Hand. Nur zwei Prozent ihres Augenlichts hat sie auf der einen, fünf auf der anderen Seite. Nur als Schatten erkennt sie die Verkehrspoller vor sich auf dem Gehweg. Die werden gerade mit rot-weiß-gestreiften Strickmützen überzogen; Mitglieder des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins (ABSV) machen das, um den Kontrast zu erhöhen und diese Gefahrenstellen zu entschärfen. Es ist eine Demonstration zum Sehbehindertentag am 6. Juni. „Eine wichtige Aktion, weil Blinde und Menschen mit eingeschränkter Sicht sich an diesen Metallpollern verletzen können“, sagt Hemmerling. „Aber ich wette, dass die Dinger in einem Jahr immer noch grau und für uns kaum auszumachen sind.“

Vielleicht ist in einem Jahr die Pandemie vorbei, Corona zumindest unter Kontrolle, die Probleme aber bleiben, mit denen Blinde und Sehbehinderte zu kämpfen haben. Pia Hämmerling sagt, das hänge mit dem Stellenwert zusammen, den sie in der Gesellschaft haben. „In der Pandemie zeigt sich das verstärkt.“ Zum Beispiel beim Impfen.

„Ich musste mich sehr bemühen, um irgendwann einen Termin zu bekommen“, sagt Pia Hemmerling. Die erste Dosis Astrazeneca hat sie jetzt endlich erhalten, die zweite folgt demnächst. „Wir sind nicht die klassischen Behinderten, die in Einrichtungen leben oder in Werkstätten arbeiten. Wir haben unsere eigenen Wohnungen und sind ganz normal berufstätig.“ Mit dem „Wir“ schließt Pia Hemmerling ihre Kollegin Sylvia Goldammer ein, die sie zum Roten Rathaus begleitet hat und ebenfalls nur eingeschränkt sieht. Beide arbeiten in der Früherkennung von Brustkrebs. Discovering Hands heißt die Organisation, für die sie tätig sind in verschiedenen Praxen, an wechselnden Orten, in Mitte, Lichtenberg, Pankow, Reinickendorf, Potsdam.

Beim Impfen werden Behinderte vergessen

Sie benutzen öffentliche Verkehrsmittel, sind viel und lang unterwegs. „Wir arbeiten immer nah an der Patientin“, sagt Sylvia Goldammer. Die 52-Jährige hat am Ende durch Beharrlichkeit bei ihrem Hausarzt einen Termin ergattert. Pia Hemmerling kam über den Arbeitersamariterbund zum Zuge, bei dem sie sich ehrenamtlich engagiert. „Wir wurden schlichtweg vergessen“, sagt sie: „Wir sind keine Krankenschwestern, keine Ärzte, keine Physiotherapeuten.“ Sie sind medizinisch-taktile Untersucherinnen, kurz MTU.

„Bei der Priorisierung ist einiges schiefgelaufen“, sagt Christine Braunert-Rübenapf. Die Berliner Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung weist darauf, „dass es sich um eine Bundesverordnung handelt“. Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts hat die Einteilung vorgeschlagen, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sie abgezeichnet. Im Dezember bereits hatte der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband auf eine bevorzugte Impfung gedrungen – vergeblich.

dpa/Wolfgang Kumm
Thomas Schmidt vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband Berlin (ABSV) kennt die Tücken des Alltags, die Corona verstärkt.

„Sehbehinderte, Blinde, Taubstumme, geistig Behinderte, Menschen mit seltenen Erkrankungen“: Braunert-Rübenapf zählt jene auf, die hätten gehört werden sollen. „Wenn man Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache beteiligt hätte, hätte man das eine oder andere Problem bereits im Vorfeld abräumen können.“ Auch die Landesbeauftragte sieht bei der Priorisierung die These bestätigt, dass sich Corona wie ein Brennglas über Fehlentwicklungen legt. „Es ist nicht selbstverständlich, eine Maßnahme aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung zu durchdenken.“

Auch die Poller sind dafür ein Beispiel. „Farbige Markierungen würden die Verletzungsgefahr deutlich senken“, sagt Braunert-Rübenapf, „das ist eine Maßnahme, die wenig kostet. So aber verhindern die Poller Teilhabe.“ Sie haben den gleichen Effekt wie wild geparkte Leihräder und umgestürzte E-Roller, wie unvermittelt geöffnete Ladeklappen von Lieferwagen oder Werbebanner vor Geschäften. „Ich höre ganz oft, dass Leute wegen dieser Gefahrenquellen lieber zu Hause bleiben“, sagt Braunert-Rübenapf.

Und die Probleme machen vor den eigenen vier Wänden nicht halt, auch dort lässt die Pandemie die Tücken des Alltags deutlich hervortreten. Thomas Schmidt arbeitet viel am Computer. Er ist beim ABSV Referent für Hilfsmittel, ist oft in Videokonferenzen und genervt, „wenn diese Online-Plattformen nicht barrierefrei sind“. Schmidt benutzt einen sogenannten Screenreader, der den Inhalt vom Computerbildschirm abliest oder in Blindenschrift übersetzt. „Wenn eine Plattform den Screenreader nicht unterstützt, bekomme ich keine Informationen, kann den Schalter für Kamera und Ton nicht finden, brauche eine sehende Assistenz.“

Ohne Hilfe kommt Schmidt auch im Supermarkt nicht aus. Er kann einen Einkaufswagen nicht durch die Regalreihen schieben, wenn er sich gleichzeitig mit dem Langstock vorantasten muss. Zum Abenteuer wird eine Tour mit dem BVG-Bus. „Die Tür beim Fahrer ist wegen Corona geschlossen. Als Blinder finde ich die Mitteltür nur sehr schwer“, sagt Schmidt. „Leider verraten einem die Busse immer noch nicht, wohin sie fahren.“ Außenansagen fehlen. „Die fordern wir schon lange.“ Vergeblich.

Masken werden zur Sprachbarriere

Also ist Schmidt auf Hilfe angewiesen. Die auf der Straße zu finden in Zeiten des Lockdowns ist allerdings gar nicht so einfach. „Wenn man sich nicht auskennt, ist da seltener als sonst jemand in der Nähe, der einem den Weg erklärt“, sagt Sylvia Goldammer. Pia Hemmerling ergänzt: „Die Leute halten Abstand. Das ist verständlich, aber für uns schwierig.“ Nur in der Bahn hat das Bemühen um Distanz seine Vorteile, finden die beiden. „Es herrscht nicht so ein Gedränge. Man bekommt auch immer einen Sitzplatz“, sagt Goldammer. „So oft wie im zurückliegenden Jahr ist mir noch nie ein Platz angeboten worden“, sagt Hemmerling. „Die Menschen sind aufmerksamer. Unter 1000 Menschen fällt eine Blinde nicht auf, unter 20 schon eher.“

Leichter ins Gespräch kommt man allerdings nicht. Im Gegenteil: Die Masken werden zur Sprachbarriere. „Ich höre die Leute anders“, sagt Sylvia Goldammer. „Ich kann das schwer beschreiben, aber es fehlt irgendwie die Rückkopplung.“ Wieder macht Corona ein grundsätzliches Problem greifbar: Für Nichtsehende sind Sehende manchmal schwer zu verstehen.