Die erste bekannt gewordene Straftat seines Lebens beging der heute 17-jährige Jugendliche mit neun Jahren. 24 Ermittlungsverfahren wegen Eigentums- und Gewaltdelikten wurden gegen den in Neukölln lebenden Jungen bis zu seinem 14. Lebensjahr eingeleitet.  Seitdem liefen fünf Strafverfahren gegen ihn. Richter verhängten Jugendarrest  und Arbeitsstunden.  Ohne Erfolg.   Nach Einschätzung der Jugendgerichtshilfe akzeptiert der Jugendliche keine Normen und Regeln.

Der 17-jährige staatenlose Palästinenser, der in einer Großfamilie lebt,  ist einer von 50 jugendlichen Intensivtätern aus Neukölln, die bereits  mehr als zehn Straftaten begangen haben. Hinzu kommen weitere  zehn minderjährige Intensivtäter aus Nachbarbezirken und  elf sogenannte Schwellentäter unter 21 Jahren, die bisher wegen mehr als fünf Delikten auffällig geworden sind.  Neukölln hat den höchsten Anteil von Intensivtätern in Berlin.

Dreiköpfige Arbeitsgruppe beim Jugendamt

Nun will Berlins Problembezirk  Neukölln   den Kampf gegen diese Kriminellen intensivieren.  Am Mittwoch stellte Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU)  das Handlungskonzept zur Bekämpfung der Kinder- und Jugendkriminalität in seinem Bezirk vor. Zielgruppe sind  Jungen und Mädchen von zehn bis 17 Jahren. Das Konzept  ist nach seinen Angaben  die Weiterführung des Programms  der Jugendrichterin Kirsten Heisig, das nach ihrem Tod im Jahr 2010 im Jugendamt versandete.

Das Programm sieht die Zusammenarbeit von Jugendamt, Staatsanwälten, Polizisten, Lehrern und auch Eltern vor. Im Jugendamt wird dafür eine neue Arbeitsgruppe Kinder- und Jugendkriminalität geschaffen,  die die Arbeit der Behörden koordinieren und kriminelle Karrieren frühzeitig stoppen soll.  Die Arbeitsgruppe wird aus drei Mitarbeitern bestehen, die bis zur Sommerpause eingestellt werden. 150.000 Euro sind  für die zusätzlichen Stellen im Haushalt eingeplant.

Zum Konzept gehört auch das seit  Juli vergangenen Jahres laufende Pilotprojekt  „Staatsanwalt vor Ort“.  Zwei Staatsanwälte kümmern sich  nur um jugendliche Straftäter aus  Neukölln. „Ein Mal in der Woche sind wir vor Ort“, sagt Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn. An zwei Tagen in der Woche nehmen er und seine Kollegin an den Sitzungen der Jugendrichter teil. „Im  Monat bekommt jeder von uns etwas 100 neue Verfahren auf den Tisch.“ Es gehe vor allem darum,  Straftaten von Jugendlichen sinnvoll zu ahnden.

„Die Eltern in die Pflicht nehmen”

Mehr als 80 Prozent der jugendlichen Kriminellen im Bezirk stammen aus  Familien mit türkischer oder arabischer Herkunft.  Vielfach sind es Großfamilien, bei denen sich die Polizei bereits um mehrere Geschwister kümmert. „Wir werden nun regelmäßig und penetrant in die Familien  gehen,  Druck ausüben  und vor allem die Eltern in die Pflicht nehmen“, sagt Liecke. Wenn nötig auch mit der Unterstützung der Polizei.   Wenn alles nicht fruchte, könne man die Kinder und Jugendlichen wegen einer Kindeswohlgefährdung auch aus den Familien nehmen.   „Wir müssen zeigen, dass der Staat sich nicht alles gefallen lässt“, erklärt der Stadtrat.

Innensenator Frank Henkel begrüßt das Neuköllner Konzept. Auch wenn die Zahl der Intensivtäter in Berlin zurückgegangen sei, bestehe Handlungsbedarf, sagt der CDU-Politiker. „Wenn junge Menschen die Konsequenzen ihres Handelns nicht schnell erfahren, dann lernen sie es nie.“  Der Plan zeige zudem, „dass wir junge Menschen nicht aufgeben wollen“.