Berlin - Alles, was Niza Heuser noch besitzt, passt in drei schwarze Sporttaschen. Die handliche Größe für das Fitnessstudio, nicht die zum Verreisen. Nur Kleidungsstücke sind darin. Leggings trägt sie gern, dazu ihre Lederjacke, die für den Winter eigentlich viel zu dünn ist. Ein Paar Stiefel, schwarze Oberteile für ihren Job hinter der Bar. Den Mixer, den Fön, den Schrank und alles andere, was einst zu ihrem Haushalt gehörte, hat sie in den vergangenen zwei Jahren irgendwo zurückgelassen. Solange hat die 20-Jährige, deren Namen die Redaktion geändert hat, schon keine feste Wohnung mehr.

Aktuell lebt sie bei einer Freundin in Hellersdorf, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit deren Freund und der kleinen Tochter des Paares. Seit ein paar Monaten teilt sie ein Zimmer mit der Zweijährigen, schläft auf einer Matratze auf dem Boden. Davor lebte sie ein Vierteljahr bei einer anderen Freundin. Und davor bei einer dritten.

Niza Heuser ist, was Sozialarbeiter umgangssprachlich eine Sofahopperin nennen. Eine von rund 50.000 Wohnungslosen in Berlin. Etwa 30.000 von ihnen registrierte die Stadt 2016 in ihren Übergangsquartieren für Wohnungslose, der Rest entspricht Schätzungen über die verdeckte Masse. Insgesamt sind es beinahe zehnmal so viele Menschen, wie Obdachlose die auf der Straße leben. Und doch sind sie unsichtbarer in ihrer Not.

Es ist schwer, wieder Fuß zu fassen

„Ich habe schon mal mit einem Mann geschlafen, nur um irgendwo übernachten zu können und an etwas Geld zu kommen“, sagt Niza Heuser, die an diesem sonnigen Februartag auf dem Brunnenrand am Alexanderplatz sitzt. Sie hat den Treffpunkt vorgeschlagen.

Ein Ort, wo sie manchmal mit Freunden hinfährt. Hinein in die Großstadt mit ihren vielen Sprachen, den dampfenden Grills der Würstchenverkäufer und den Leuten, die am Seil eine gläserne Hotelfassade hinunterlaufen. „Der Weg ist das Ziel“, sagt Heuser. Eine kleine Flucht, wenigstens für ein paar Stunden.

„Es ist ein schlechtes Gefühl, immer auf Bekannte angewiesen zu sein. Bei der Arbeit immer ein Geheimnis mit sich rumzutragen.“ Doch Niza Heusers Geschichte erzählt auch davon, wie schwer es ist, wieder Fuß zu fassen, wenn man einmal aus dem Hilfesystem gerutscht ist. Sie handelt von Bürokratie, Stigmatisierung und einem Wohnungsmarkt, auf dem die Schwächsten chancenlos sind.

Betroffene sind überfordert

Seit sie 16 Jahre alt ist, wohnt Niza Heuser nicht mehr bei ihrer Mutter. Aus den zerrütteten Verhältnissen, wo sie schon als Zwölfjährige für die kleine Schwester sorgen musste, zieht sie damals in ein betreutes Wohnprojekt für Jugendliche. Sie macht einen erweiterten Hauptschulabschluss, schnuppert in einem Berufsvorbereitungsjahr als Praktikantin in ein Altenheim, eine Kita und eine Physiotherapiepraxis. Doch mit ihrem achtzehnten Geburtstag muss sie das Wohnheim für Minderjährige verlassen – und ihre Odyssee beginnt.

Sie lebt mehrere Monate bei ihrem Stiefvater, meldet sich auch dort und erhält etwas Geld vom Amt. Doch von dem Moment an, indem er sie vor die Tür setzt und selbst umzieht, ist sie für die Behörden nicht mehr zu erreichen. Briefe landen im Nichts, das Jobcenter stellt irgendwann die Zahlungen ein. „Ich war überfordert und traute mich nicht zum Amt“, erinnert sich Niza Heuser.

„Ich wusste auch gar nicht, was mir zusteht, dass ich etwas beantragen kann.“ Sie jobbt in Bars, quartiert sich nacheinander bei den Freundinnen ein. „Immer solange, bis das nicht mehr zu deren Leben passte. Die eine wollte wieder alleine wohnen, die andere war schwanger.“ Zerstritten, sagt Niza Heuser, habe sie sich mit keiner. „Aber man hat immer Angst, jemanden zu nerven, wenn man den Haustürschlüssel im Schloss rumdreht.“

Besser als ein fremdes Sofa

Um einen Ausbildungsplatz oder eine eigene Wohnung hat sie sich in den vergangenen zwei Jahren nicht beworben, sagt sie. Zu sehr schämt sie sich für ihre Situation, will nicht in die Verlegenheit kommen, eine Adresse zu nennen und sich zu erklären. „Man fühlt sich wie der letzte Loser und denkt, das bleibt jetzt eben für immer so.“ Niza Heuser beginnt irgendwann zu glauben, es sei wahr, was ihre Mutter ihr früher oft gesagt hat: „Du wirst es sowieso zu nichts bringen.“

Irgendwann ist es eine der Gastgeberinnen, die unter der Enge leidet und eines Nachts anfängt, im Internet nach Hilfsangeboten zu suchen. Sie landet auf der Plattform Sofahopper.de.

„Rausgeflogen? Abgehauen? Keine feste Bleibe mehr? Wir finden mit Dir eine bessere Lösung als ein fremdes Sofa!“, steht dort. Sie schickt eine Chatnachricht – und hat nur wenige Tage später mit ihrer Freundin Niza einen Termin im Büro der Stiftung Off Road Kids am Bahnhof Bellevue. Das war vor etwa fünf Monaten.

Die Nachfrage ist enorm

Nun sitzen hier in dem großen Raum in einem der S-Bahn-Bögen die Leiterin der Streetwork-Station, Ines Fornaçon, und ein halbes Dutzend Kollegen hinter Schreibtischen. Vor einem Jahr gingen sie mit der Onlineplattform an den Start. Sie wird mehrheitlich von der Deutschen Bahn Stiftung finanziert und ist ein Angebot für junge Menschen bis 27 Jahre.

„Die Nachfrage ist enorm“, sagt Fornaçon. Über 200 Anfragen gingen im vergangenen Jahr aus ganz Deutschland ein, das Berliner Team betreute meist eine Handvoll Fälle gleichzeitig. „Die Gruppe der Wohnungslosen wächst“, sagt die Leiterin. „Auch ist eine immer größere Personengruppe betroffen: vom türkischen Mädchen, das die Eltern verstoßen haben, über den jungen Mann, den die Freundin verlassen hat bis zum Dachdecker, dessen Vermieter Eigenbedarf angemeldet hat.“

Verlagerung ins Private

Gleichzeitig sei es schwerer geworden, die Betroffenen zu erreichen: Lebten sie früher in Obdachlosenprojekten und trafen sie sich auf Plätzen, habe sich heute vieles ins Private verlagert, die Kommunikation findet im Internet statt.

Mit einem Onlinevideo und der Chatmaske, in die Hilfesuchende zu jeder Uhrzeit Nachrichten tippen können, wollen die Sozialarbeiter zu jenen vordringen, die sonst wohl unsichtbar blieben – und zwar, bevor es zum Bruch mit den Gastgebern kommt und aus jungen Wohnungslosen junge Obdachlose werden.

Das geht schnell in einer Stadt, in der mittlerweile zwei Drittel der Einwohner Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein hat, in der in den kommenden Jahren etliche Sozialwohnungen ihre Preisbindung und damit die auf Jahre festgelegte günstige Miete verlieren. „Selbst, wer es über das geschützte Marktsegment versucht, das Menschen in prekären Lebenssituationen den Zugang zum Wohnungsmarkt erleichtern soll, muss etliche Nachweise über vergebliche Wohnungssuche erbringen“, sagt Fornaçon.

Auch Notunterkünfte, Wohnungslosenheime oder Krisenhäuser sind für viele Sofahopper keine gute Übergangslösung. „Sie definieren sich oft nicht per se als Menschen in sozialer Not. Es sind normale Leute mit Jobs, sie übernachten bloß bei einem Kumpel.“

Der Name soll in den Mietvertrag

Auch Niza Heuser hätte das erste Treffen bei Off Road Kids am liebsten abgesagt. „Ich fühlte mich dreckig, so eine Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen“, erinnert sie sich. „Aber zum Glück drängte meine Freundin mich. Sie redete für mich weiter, als ich nach fünf Minuten bei Ines anfing zu heulen.“ Und Niza Heuser kam wieder.

„Ines begleitete mich zum Amt, wir füllten einen dicken Batzen Papiere aus.“ Ihre Meldeadresse liegt nun im Büro der Stiftung, regelmäßig holt sie hier ihre Post ab. Sie bekommt Arbeitslosengeld II, das sie mit den 450 Euro aus ihrem Barjob aufstockt. Auch der ist offiziell angemeldet. Außerdem, das erzählt die junge Frau zum Ende des Gesprächs, hat sich in den letzten Tagen etwas in dem Zimmer mit der Matratze getan.

„Meine Freundin und ihr Kind sind ausgezogen, das Paar hat sich getrennt.“ Nun will Niza Heuser dort mit dem zurückgebliebenen Kumpel eine WG gründen. Ihr Name soll ganz offiziell in den Mietvertrag. Den Termin bei der Wohnungsbaugesellschaft haben die beiden schon. „Ich würde wahrscheinlich vor Glück heulen, wenn das klappt“, sagt Niza Heuser. Und, das schiebt sie hinten an: „Mir als erstes ein eigenes Bett kaufen.“