Berlin wächst, immer mehr Fahrgäste nutzen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Doch bis das Landesunternehmen neue U-Bahn-Wagen bekommt, werden noch Jahre vergehen. Um bis dahin den Ansturm zu bewältigen, plant die BVG, die vorhandenen Fahrzeuge besser auszunutzen.

Von Juni an wird es in jedem U-Bahn-Zug zwei Wagen geben, in denen ausschließlich Stehplätze zur Verfügung stehen. Aus diesen Fahrzeugen werden alle Sitzbänke entfernt. In einem weiteren Wagen soll die Mitnahme von großen Gepäckstücken nicht mehr erlaubt sein. „Konkret denken wir auch über ein Verbot von Rollkoffern nach“, sagte Joachim Strieder, Chef der neuen BVG-Abteilung Smart Capacity Management, am Freitag.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Berliner U-Bahn, die es seit 115 Jahren gibt, wird immer stärker in Anspruch genommen. 2016 wurden die gelben Züge der BVG für 534 Millionen Fahrten genutzt – allein im Vergleich zu 2009 ein Anstieg um zwölf Prozent.

6,67 Reisende pro Quadratmeter

Sofortmaßnahmen seien nötig, um mehr Kapazität zu schaffen, sagte Strieder. Dazu gab es umfangreiche Marktforschungen, so der Diplom-Kaufmann. „Wir hören unseren Kunden gern zu.“ Fachleute einer irischen Billigfluggesellschaft, die sich ebenfalls mit dem Thema Auslastung befasst hat, standen den BVG-Experten zur Seite. „Wir fanden heraus, dass ein Teil unserer Fahrgäste bereit ist, einen etwas geringeren Komfort hinzunehmen – wenn sie dafür halbwegs sicher sein können, dass sie noch mitkommen“, erklärte Strieder.

Dass BVG-Kunden durchaus bereit sind, solche Einbußen aus übergeordneten Erwägungen zu akzeptieren, zeigten die Plastiksitze in vielen U-Bahnen. Die Sitzschalen halten Vandalismus stand – jedoch um den Preis, das die Fahrgäste auf kaltem, hartem Kunststoff Platz nehmen müssen.

Das neue Konzept sieht nun vor, jeweils einen Doppelwagen pro Zug ohne Sitzbänke auf die Strecke zu schicken. „Wenn es nur noch Stehplätze gibt, kann die Kapazität um bis zu 80 Prozent pro Wagen gesteigert werden“, sagte Strieder. Der Umbau, der 12,9 Millionen Euro kostet, hat bereits begonnen.

Laut DIN-Vorgabe finden auf einem Quadratmeter bis zu vier Fahrgäste Platz. Andere Rechnungen gehen von 6,67 Fahrgästen pro Quadratmeter aus. „Faktisch wird das Fassungsvermögen noch größer sein, weil auch kleine Kinder, Schlanke und andere Menschen, die wenig Platz benötigen, zu unseren Fahrgästen gehören“, so der BVG-Planer. Hinzu kommt, dass alle vertikalen Haltestangen entfernt werden. „Sie werden nicht mehr nötig sein, weil wir damit rechnen, dass viele Kunden die umgestalteten Wagen nutzen werden“, so Strieder. „Die Fahrgäste geben sich dort gegenseitig Halt.“

„Smart Economy“: So heißt das Angebot, das bis zum kleinen Fahrplanwechsel am 12. Juni nach und nach eingeführt wird. „Der Einsatz beginnt demnächst auf Linien wie der U 5 oder U 8, auf denen die Fahrgäste bereits gelernt haben, ihre Ansprüche zu reduzieren“, so Werner Klemann von der BVG.

Rollkofferverbot ab 12. Juni

Falls der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zustimmt, könnte sich das neue Angebot von 2018 an auch in den Fahrpreisen niederschlagen. „Viele Fahrgäste wollen mehr zahlen, wenn sie sich sicher sein können, dass sie noch Platz in der U-Bahn finden“, sagte Strieder. Es wäre auch denkbar, stattdessen für die Wagen, die ihre Sitze behalten, einen Aufpreis zu berechnen: „Dieses Produkt könnte ‚Smart Upgrade’ heißen.“

Bei der Berliner U-Bahn hat es schon einmal zwei Wagenklassen gegeben – bis 1927. „Wir gehen neue Probleme mit bewährten Konzepten an“, so der BVG-Planer.

Klar sei: In einem weiteren Wagen pro Zug werden nur noch Fahrgäste ohne großes Gepäck, Kinderwagen oder Fahrrad zugelassen. Ein Piktogramm, das einen durchgestrichenen Koffer darstellt, zeigt dies an. „Auch das wird dazu beitragen, im Interesse aller die Kapazität besser auszuschöpfen“, sagte Joachim Strieder. Dass dort auch keine Rollkoffer erlaubt sein werden, sei zwangsläufig. „So sehr wir die Gäste unserer Stadt schätzen – wir müssen unser Problem lösen.“

Anmerkung der Redaktion: Sie haben es sicher gemerkt, bei diesem Artikel haben wir uns einen Aprilscherz erlaubt.

Übrigens haben nicht nur wir die Berliner auf die Schippe genommen. Hier lesen Sie, wer sich sonst noch so Aprilscherze erlaubt hat: