Solaranlagen in Berlin: Für eine schnelle Energiewende fehlen die Handwerker 

Berlin will bis 2045 klimaneutral sein. Solardächer werden gebraucht, doch da ist der Fachkräftemangel. Aber es gibt Hoffnung. Wir haben den Solar-Experten Michael Bolle begleitet.

Auf den Dächern von Berlin: Bauleiter Michael Bolle inspiziert eine Solaranlage auf dem Dach eines Finanzamtes neben dem Berliner Busbahnhof.
Auf den Dächern von Berlin: Bauleiter Michael Bolle inspiziert eine Solaranlage auf dem Dach eines Finanzamtes neben dem Berliner Busbahnhof.Emmanuele Contini

Natürlich fährt sein Dienstauto elektrisch. Michael Bolle ist überzeugt von den erneuerbaren Energien. Das war er bereits Anfang der 90er-Jahre, als die Kraft der Sonne, des Windes und des Wassers in Deutschland noch ziemlich ungenutzt blieb. Bolle kam einst in Afrika, wo er mehrere Jahre verbrachte, durch Zufall auf die grüne Fährte; seither ist das Thema seine Leidenschaft. Mittlerweile arbeitet der 51-Jährige als Bauleiter für Solaranlagen bei den Berliner Stadtwerken.

Das ist jenes kommunale Unternehmen, das einen großen Teil der Solaroffensive des Senats in die Realität umsetzt: Berlin will bis 2045 klimaneutral werden. Und da Windräder nicht in die Großstadt passen, wird auf Sonne gesetzt.

Beispielsweise gilt ab Januar für jeden Neubau eine Solarpflicht. Dazu kommen Anlagen auf bestehenden Gebäuden. Angesichts der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gibt es ein großes Ziel: Auf alle Dächer öffentlicher Gebäude, die dafür tauglich sind, sollen Solarmodule. Damit ist Michael Bolle ein Mann der Stunde. „Ich habe schon so zwischen 300 und 400 Projekte begleitet“, sagt er. Genauer weiß er es gar nicht.

An diesem Morgen will er auf das Dach der Anna-Freud-Schule in Schöneberg. Bolle kennt nicht nur die Dächer dieser Stadt, sondern auch die Standorte der Zapfsäulen für E-Autos. Er hat Glück. Ganz in der Nähe der Schule ist an einer Säule tatsächlich ein Platz frei. Er schließt das Ladekabel an seinen weiß-hellblauen Kleinbus an. An der Seitenwand des Fahrzeugs steht: „Klimaschutz-Einsatzfahrzeug – unterwegs zu grünen Energieprojekten“.

Der politische Wille ist vorhanden, aber da ist auch noch die Realität

Der Umstieg auf erneuerbare Energien läuft seit Jahren: Windräder, Solarmodule, Wasserkraft, Erdwärme, Biogasanlagen, Wärmepumpen. Überall wird investiert, aber überall wird inzwischen auch heftig über den sogenannten Installationsinfarkt geklagt. Auf der einen Seite ist der politische Wille zum Umstieg da, auf der anderen Seite gibt es die Realität. Und das bedeutet: Es fehlen massenhaft Fachkräfte, die all die Anlagen anschließen können.

Michael Bolle geht in die Schule und steigt dort aufs Dach. Der Wind pfeift heftig. Die Anlage auf der Schule ist seit zwei Jahren in Planung. Zuerst sollte es eine kleinere Anlage werden, die vor allem den Eigenbedarf der Schule deckt. Es gab einige bürokratische Verzögerungen, dann kam der Krieg, und es wurde eine Vollbelegung des Dachs beschlossen, also eine dreimal so große Anlage. „Es ist ein großes Flachdach“, sagt Bolle. „Da können wir richtig viel Strom erzeugen.“

Michael Bolle kam Anfang der 90er-Jahre zur Sonnenenergie: auf einer Wanderung durch Afrika.
Michael Bolle kam Anfang der 90er-Jahre zur Sonnenenergie: auf einer Wanderung durch Afrika.Emmanuele Contini

Der Ausblick ist großartig, auch wenn es mächtig kalt ist. Gleich nebenan der hohe Backsteinturm der Apostel-Paulus-Kirche, am Horizont das Rathaus Schöneberg, der Gasometer. Und ein Meer aus roten Ziegeldächern. Michael Bolle sagt: „Das ist richtig schweres Gelände, eine mächtig zerklüftete Dachlandschaft.“ Zu kleinteilig, um auf Masse Solarstrom zu produzieren.

Also werden große flache Dächer gesucht. Deshalb ist er hier, inspiziert das weite Dach, schaut, wo die Blitzableiter verlaufen und sucht die alten Schornsteine ab. „Wir brauchen einen Schacht, der bis in den Keller geht“, sagt er. Irgendwo muss das armdicke Kabel hin, das den Strom bis zur Schaltanlage bringt.

Die Energiewende wird in einem denkbar ungünstigen Zeitfenster forciert. Unter Kanzlerin Angela Merkel wurde die Einspeisevergütung im Erneuerbare-Energien-Gesetz so weit zusammengekürzt, dass vielen die Lust an der Stromwende verging. Anfangs gab es so viel Förderung, dass es sich lohnte, für viel Geld eine Solaranlage zu kaufen und den Strom zu verkaufen. Heute ist die Förderung gering und die meisten steigen nur um, um für sich selbst preiswerten Strom herzustellen und ihn nicht teuer kaufen zu müssen. Im Kapitalismus wird auch das Klima nur gerettet, wenn die Rendite stimmt. Und Windräder an Land sind bei vielen unbeliebt.

Berlin baut das viertgrößte Solardach Deutschlands

Mit dem Krieg in der Ukraine begann eine Renaissance von Kohle und Atomkraft. Manche sehen die derzeitige Krise aber auch als Chance, den Umstieg massiv zu beschleunigen. Die Bundesregierung verkündete gerade beim zweiten „Wärmepumpengipfel“, dass ab 2024 jedes Jahr eine halbe Million Wärmepumpen installiert werden sollen.

Die Geräte sind eine angesagte Neuheit. Sie funktionieren wie ein umgekehrter Kühlschrank: Dabei wird die Kühlflüssigkeit des Geräts mit der Wärme aus der Umgebung erwärmt und so das Haus geheizt. Das klappt sogar bei Minusgraden. 

Wenn die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, werden die Solarmodule nicht auf Ständer gestellt, sondern flach auf das Dach montiert, damit sie von der Straße aus nicht zu sehen sind.
Wenn die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, werden die Solarmodule nicht auf Ständer gestellt, sondern flach auf das Dach montiert, damit sie von der Straße aus nicht zu sehen sind.Emmanuele Contini

Und nicht nur die Bundesregierung hat große Ziele. Am Donnerstag dieser Woche verkündete Berlin, dass man auf dem Weg zur Solarcity die mit weitem Abstand größte Solardachanlage der Stadt bauen wolle. Sie kommt auf die Dächer der Messehallen unterm Funkturm. Mit sechs Megawatt wird es die viertgrößte Dachanlage bundesweit.

Auf dem Dach der Anna-Freud-Schule leuchtet Michael Bolle in einen alten Schornsteinschacht. „Hier könnte das Kabel durchpassen“, sagt er. Nach zehn Minuten steigt er mit seinem Kollegen hinunter und sucht im Keller, wo der Schacht endet, schaut, wo der Schaltkasten hinkommen könnte und all die Kabel.

Bolle erzählt, wie er zur Sonnenenergie kam. Er wurde in Ost-Berlin geboren und war gerade volljährig, als die Mauer fiel. „Mir lag die Welt zu Füßen“, erzählt er, und da sei er durch Afrika gewandert. „An den Ausläufern der Kalahari-Wüste bin ich dann drei Jahre hängengeblieben.“ Als gelernter Elektroniker arbeitete er bei einem Farmer, der Solaranlagen für andere Farmer baute. „Die haben dort kein Stromnetz und haben sich viel früher damit beschäftigt, mit Solarstrom die Dieselgeneratoren zu ersetzen.“ Später studierte er und wurde Ingenieur für Umwelttechnik.

Die Messehallen am Funkturm sollen zur bundesweit viertgrößten Solardachanlage werden.
Die Messehallen am Funkturm sollen zur bundesweit viertgrößten Solardachanlage werden.imago

Nun holt Bolle sein Elektroauto und fährt Richtung Funkturm, zu einer fertigen Anlage auf einem Finanzamt. Er erzählt, dass der Bau der Solaranlagen bei den Stadtwerken wirklich gut funktioniert, mit ein paar Firmen arbeiten sie seit langem zusammen.

Trotzdem hat der Installationsinfarkt teilweise massive Auswirkungen. Denn fertige Anlagen kommen nicht sofort ans Netz, sondern müssen abgenommen werden. Und überall fehlen Spezialisten. In ganz Berlin, sagt Bolle, gebe es zum Beispiel nur eine Handvoll Leute für Mittelspannungsanlagen: Wartezeit ein halbes Jahr. „Und die Schaltanlagen für die Solarmodule dürfen nur von Schaltanlagenbauern installiert werden, die extra von der Bewag für Berlin zugelassen sind“, erklärt er. „Und deren Namen passen auf eine A4-Seite.“ Außerdem gebe es ständig neue Auflagen. All das sorgt für Verzögerungen.

Michael Bolle erinnert sich nur zu gut an die längste Zeitspanne zwischen der Fertigstellung einer Anlage und dem Termin, an dem der Strom ins Netz floss. „Ein Jahr“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Der Installationsinfarkt ist ein gravierendes Problem.“

Bolle macht weiter und schwärmt vom großen Potenzial der Solarenergie auf Berlins Dächern. „Da kann die Ausbeute noch vervielfacht werden“, sagt er. „Und wenn die Sonne im Winter nicht scheint, gibt es ja auch Wärmepumpen.“

Zwei glückliche Männer

Eiskalt bläst der Wind am westlichen Stadtrand von Berlin. Hier in Staaken, kurz vor den Brandenburger Feldern, schaffen es die Temperaturen an diesem Morgen nicht weit über den Gefrierpunkt. Stephan Illmann steht fröstelnd auf seiner Terrasse, aber er lächelt. Neben ihm steht Christian Beggerow von der Firma Thermondo und lächelt ebenfalls. Zwei glückliche Männer im kalten Winterwind. Denn der eine hat das, was der andere braucht.

Illmann will für sein Einfamilienhaus eine moderne Wärmepumpe. Die Geräte sind derzeit bei kaum einer Firma zu bekommen, mit der Pandemie sind viele Lieferketten zusammengebrochen. „Und bei ganz vielen Firmen heißt es, dass sie auch noch Probleme haben, überhaupt Monteure zu finden, die solche modernen Geräte anschließen können“, sagt er.

Die Wärmepumpe ist da: Monteur Daniele Russo und Gebietsleiter Christian Beggerow tragen das Gerät zum Fundament, auf das es montiert wird.
Die Wärmepumpe ist da: Monteur Daniele Russo und Gebietsleiter Christian Beggerow tragen das Gerät zum Fundament, auf das es montiert wird.Emmanuele Contini

Dann fand er die Firma Thermondo, bei der Beggerow der Gebietsleiter für Berlin-Brandenburg ist. Die Firma hat beides: Geräte und Fachleute. Illmann sagt: „Vom ersten Anruf bis heute zum Einbau hat es nur fünf Monate gedauert.“

Damit hat er Glück gehabt; in der Branche heißt es, dass die Wartezeit auch mal ein Jahr beträgt. Oder die Monteure winken gleich ab, weil sie nicht wissen, wann wieder eine Lieferung kommt. Ab 2024 sollen bis 2030 bundesweit jedes Jahr eine halbe Million Wärmepumpen installiert werden. Das ist ein riesiger Markt von mindestens 70 Milliarden Euro, aber es ist auch ein hochgestecktes Ziel: 2021 wurden gerade mal 154.000 Wärmepumpen installiert, auch weil Handwerker fehlen.

Bei Stephan Illmann ist schon vor dem Haus zu hören, dass Handwerker da sind. Eine Bohrmaschine rumort im Keller. Dort zeichnet der Monteur Daniele Russo lange Linien an die Wand, dort sollen die Rohrleitungen verlaufen, er zeichnet auch die Punkte für die Befestigungen der Rohre ein. Der Lehrling David Misajlovski wirft die große Schlagbohrmaschine an und jagt Bohrloch für Bohrloch in die Wand. Das Jaulen dröhnt durchs ganze Haus. Russo inspiziert derweil die Rohre am Boden und die Schellen. Er nickt zufrieden.

„Alles liegt bereit, für alles ist gesorgt“, sagt Gebietsleiter Beggerow. Das ist der Trick der Firma. Sie hat sich etwas ausgedacht, um die Probleme des Installationsinfarkts abzumildern. Denn Handwerker werden weiterhin fehlen, weil viel zu wenige ausgebildet werden. Also müssen die Firmen umdenken. „Wir setzen auf Zentralisierung und Digitalisierung“, sagt Beggerow.

Nur auf die eigentliche Arbeit konzentrieren

Die Idee ist bestechend einfach: Trotz des aktuellen Booms werden auf absehbare Zeit nicht allzu viele Wärmepumpen-Spezialisten hinzukommen. „In der dreijährigen Ausbildung wird dieser Bereich genau acht Stunden lang behandelt“, sagt Beggerow. Deshalb müssen die vorhandenen Spezialisten so effektiv wie möglich eingesetzt werden. „Das heißt, wir nehmen ihnen alle organisatorischen und sonstigen Arbeiten ab.“

Wird ein Auftrag ausgelöst, kommt ein Team und vermisst die Räume und Keller, prüft, welches Gerät nötig ist, welches Material, und macht von allem Fotos. In der Zentrale werden die Daten und Bilder verwaltet, die Termine gemacht. Ein Team gießt das Fundament für den äußeren Teil der Wärmepumpe, ein anderes Team liefert alles Material an. Klare Arbeitsteilung.

Wärmepumpen ziehen ihre Energie aus der Umwelt – aus der Luft, dem Erdreich oder dem Grundwasser.
Wärmepumpen ziehen ihre Energie aus der Umwelt – aus der Luft, dem Erdreich oder dem Grundwasser.dpa

Beggerow nimmt das iPad des Monteurs, zeigt ein Programm namens „Manfred“, in dem alles aufgelistet ist, vom Auftrag über die Fotos aus dem Keller bis zur Handynummer des zuständigen Schornsteinfegers. „Die Monteure wissen schon vorher über alles Bescheid und können sofort loslegen“, sagt er. Sie müssen keine Rechnungen schreiben, nicht die Förderung für das Gerät beantragen, kein Material bestellen, keine Termine machen. Sie müssen auch nicht zwischendurch noch mal los zum Baumarkt, weil ein Teil fehlt.

Beggerow zeigt im „Manfred“-Programm den Bestellbereich. „Wenn der Handwerker merkt, dass sein Bleistift bald hinüber ist, dann bestellt er ihn hier, und er liegt an der nächsten Baustelle bereit.“ Alles ist optimiert. Die Frage ist, ob das nicht den Leistungsdruck auf die Monteure enorm erhöht. „Nein, das ist super“, sagt Daniele Russo. „Ich mache nur noch meine eigentliche Arbeit.“

Das Prinzip scheint zu funktionieren. Bundesweit gibt es etwa 50.000 Handwerksbetriebe, jeder hat im Schnitt zehn Mitarbeiter. Thermondo wurde 2013 gegründet und hat inzwischen 700 Leute, von denen kümmern sich 300 darum, dass sich die 400 fest angestellten Monteure auf die wesentlichen Arbeiten konzentrieren können.

Funktionierende Planwirtschaft

Bei Stephan Illmann steht das Außenteil der Wärmepumpe im Garten neben der Einfahrt. Groß wie ein Kühlschrank. Monteur Russo entfernt die riesige Papphülle sowie das Polstermaterial und wirft es auf einen Müllberg. Anders als bei anderen Firmen muss er sich darum nicht kümmern. Den Müll holt ein anderes Team ab. Russo greift zum Schlüssel und öffnet die Schrauben, mit denen das Gerät an eine Palette angeschraubt ist. Es sieht aus wie eine Klimaanlage. Russo und Beggerow tragen es zu dem Fundament, das andere Kollegen vor ein paar Tagen gegossen haben.

Die Abläufe sind eingespielt. Alles ist auf Effektivität getrimmt. Die Firma ist eine Kombination aus einem modernen, digital optimierten Start-up und einem klassischen, bodenständigen Handwerksbetrieb. Die Berliner Zentrale lenkt über die digitalen Hilfsmittel die 400 Handwerker bundesweit. Es ist quasi eine funktionierende Planwirtschaft. Da die Firma nach eigenen Angaben sehr früh sehr langfristige Verträge mit einem asiatischen Wärmepumpenhersteller abgeschlossen hat, bekommt sie auch die benötigten Geräte.

Im Keller greift der Lehrling erneut zur Bohrmaschine, und schon dröhnt wieder dieses unangenehme Geräusch durchs ganze Haus, so laut, dass fast kein Gespräch möglich ist. Hausbesitzer Illmann bringt frischen Kaffee und bleibt im Keller. Gleich muss der Medizintechniker zur Arbeit, eine Operation steht an. Doch er stellt sich noch kurz neben Christian Beggerow. Zwei Männer mit Tassen in der Hand, die mit leicht schräg gelegtem Kopf den Monteuren bei der Arbeit zuschauen.

Stephan Illmann sagt: „Wir haben alles richtig gemacht, haben rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen.“ Christian Beggerow hebt zur Bestätigung seine Tasse. Fast zeitgleich nippen sie am Kaffee und nicken. Zwei Gewinner der Energiewende. Der eine, weil er nun zu dem großen Solardach auf seinem Haus auch noch eine moderne Wärmepumpe hat. Der andere, weil er weiß, dass die Energiewende eigentlich erst richtig losgehen soll und seine Firma nicht nur die Fachleute dafür hat, sondern auch das Material.

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