Sven Apitzsch kann sehr wütend werden, wenn er auf das Thema Hartz IV angesprochen wird. „Es wird ständig behauptet, dass Hartz-IV-Empfänger nur zu faul zum Arbeiten sind“, sagt der 51-Jährige. Doch das stimme einfach nicht. Apitzsch möchte gern arbeiten. Gern würde er dazu mal in einer Talkshow sprechen. Über Sanktionen, die Ungerechtigkeiten, die Vorurteile, mit denen Menschen ihm begegnen. Auch er wurde schon mal sanktioniert. Es wurde also der Bezug gestrichen, weil er einen Termin vergessen hatte.

Vielleicht gibt es für Langzeitarbeitslose bald eine neue Chance. Am Mittwoch wird das Eckpunktepapier zum solidarischen Grundeinkommen (SGE) vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) vorgestellt. Es ist seine Idee, Hartz IV zu überwinden.

Michael Müller will ab Juli 2019 mit 1000 Menschen ein neues Modell testen

Apitzsch ist gelernter Offset-Drucker und hat vor mehr als 13 Jahren seinen Job verloren, seither bezieht er Hartz IV. Momentan verteilt er bei Wind und Wetter Flyer, um sich ein bisschen etwas dazuzuverdienen. Aufstocken nennt sich das im Arbeitsjargon. Anrechnungsfrei sind aber gerade mal 100 Euro. „Denn Hartz IV, das reicht zum Leben nicht“, sagt Apitzsch. Eine Zeit lang hat er Zeitungen ausgetragen, dann wurde allen Mitarbeiter gekündigt. Auch Pizza hat er ausgefahren.

Neulich hat Apitzsch vom solidarischen Grundeinkommen erfahren, das Michael Müller in Berlin plant. Der SPD-Mann will in der Hauptstadt ab Juli mit 1000 Menschen ein bisher neues Modell testen: Wer mindestens ein Jahr arbeitslos war, soll die Chance bekommen, eine unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollbeschäftigung bei einem kommunalen oder gemeinnützigen Träger anzunehmen. Freiwillig natürlich. Gezahlt wird Tarif- oder Landesmindestlohn.

Vermittelt werden sollen die Jobs über die Jobcenter. Zwischen Berlin und den Arbeitsagenturen hatte es da zunächst Differenzen gegeben. Denn der Bund, beziehungsweise Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), ist alles andere als begeistert über Müllers Alleingang, den er als Ergänzung zu Hartz IV betrachtet. Deshalb muss Berlin das Projekt auch aus eigener Tasche bezahlen.

Vermittlung durch Jobcenter

Der Konflikt ist inzwischen beigelegt, ab Juli soll es in der Praxis so aussehen, dass die Jobangebote von den Mitarbeitern des Jobcenters auch potenziellen Kandidaten angeboten werden. So jedenfalls der Plan. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es vorher bereits Versuche gegeben hat, die SGE-Kandidaten in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn ein Kritikpunkt ist, dass Arbeitslose nach einem Jahr zu früh vom ersten – also regulären – Arbeitsmarkt genommen werden.

Für Apitzsch spielt das keine Rolle mehr. Er ist schon lange ohne festen Job. Als er von Müllers Idee aus der Berliner Zeitung erfuhr, wurde er sofort hellhörig. Denn er weiß, wie schwer es ist, auf dem freien Markt eine Arbeit zu finden. Und wie frustrierend die Stigmatisierung ist, mit der er ständig konfrontiert wird. Habe auch ich eine Chance, dieses „neue Hartz IV“ zu bekommen, fragte er. Und was sind das eigentlich für Jobs?

Seit Wochen basteln die Arbeitsgruppen an der Konkretisierung dieser neuen Jobs. Denn eine Voraussetzung war stets: Die Jobs dürfen keine bestehende Arbeit verdrängen. Der Berliner Zeitung liegen die neuesten Tätigkeitsbeschreibungen vor.

Von A wie Aufräumen bis Z wie Zugbegleitung

Interessenten können künftig in unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern arbeiten – von A wie Aufräumen bis Z wie Zugbegleitung. Insgesamt gibt es zehn verschiedene Einsatzfelder. So werden im Bahn- und Busbegleitservice des öffentlichen Nahverkehrs Jobs entstehen – zum Beispiel auf den beliebten Bus-Touristenstrecken 100 und 200 für Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen.

Weitere Möglichkeiten: Hinweise auf Sehenswürdigkeiten für Touristen, Auskünfte zu Fahrplänen und Strecken. Mobilitätshelfer sollen die Verkehrsbetreuung von Schülern und älteren Menschen an Verkehrsknotenpunkten und Umsteigebahnhöfen übernehmen. Als Bahnhofsbetreuer ist man Ansprechpartner an den Bahnhöfen, kontrolliert die Sauberkeit oder meldet Vandalismus oder Graffiti.

Bahnhofsbetreuer, Unterstützung von Lehrkräften, Kitahelfer

Apitzsch findet den Job als Schulorganisationsassistent reizvoll. Da gibt es nämlich die Möglichkeit, auch in der Schulbibliothek zu arbeiten. „Das finde ich interessant für mich“, sagt der Film- und Serienfan und ergänz sofort: Auch den Job im Bahnhof könne er sich vorstellen.

Zu den Tätigkeiten im Schulalltag gehört auch die Nachbereitung des Unterrichts im naturwissenschaftlichen Bereich oder auch die Unterstützung von Fach- und Lehrkräften. Auch als Kitahelfer gibt es bald Jobs. Die sollen nicht etwa das Fachpersonal, also die Erzieherinnen ersetzen, sondern unterstützen: Bei hauswirtschaftlichen Aufgaben, bei der Essensversorgung, bei der Vorbereitung von Vorlesehilfen oder um Bastelvorlagen zu erstellen.

Apitzsch hofft , eine Umschulung als Tourismus-Kaufmann machen zu können. Aber ob das klappt, wisse er nicht. Der Einstiegstest sei schwer, davor graue es ihm. Im Sommer soll Müllers Pilotprojekt starten, da muss Apitzsch noch ein bisschen warten. Aber er wolle seine Sachbearbeiterin auf jeden Fall danach fragen, sagt er.