Potsdam - Der erste Wolf, der im Land Brandenburg in jüngster Zeit hätte offiziell erlegt werden dürfen, kam kurz vor Weihnachten aus Sachsen-Anhalt herüber ins Havelland. Eigentlich sind Wölfe äußerst scheu, doch dieses Tier trieb sich in Rathenow in Vorgärten herum und auch auf dem Gelände eines Kindergartens. Weil das als sehr untypisch gilt, wurde er als Problemwolf eingestuft und sollte vergrämt, eingefangen oder notfalls geschossen werden. Doch der Wolf verschwand wieder nach Sachsen-Anhalt, bevor ein Schuss fiel.

Nun, fast genau einen Monat später, heizt ein weiterer Problemwolf die Debatte um den Umgang mit den streng geschützten Raubtieren an – auch im Land Brandenburg. Obwohl dieser Wolf doch ein paar Kilometer südlich der Landesgrenze in Sachsen durch die Dörfer läuft. Das Tier wurde im Mai 2015 in Polen geboren und wird von den Leuten vor Ort Pumpak genannt. Das ist Polnisch und bedeutet „der Fette“ – eine Anspielung darauf, warum er wohl zum Problemwolf wurde. Experten gehen davon aus, dass er von Menschen immer wieder angefüttert wurde und deshalb jede Scheu vor ihnen verloren hat und nun durch Orte läuft.

„Letal entnommen“

Er könnte durchaus auch die Grenze nach Brandenburg überschreiten. Zum Beispiel, wenn auf ihn geschossen wird. Denn die sächsischen Behörden haben eine Sondergenehmigung erteilte, dass dieses Tier „letal entnommen“ werden darf – also getötet.

Viele Landwirte klagen seit Jahren über die Schäden, die die Wölfe in ihren Herden anrichten. „Der Anblick gerissener Schafe und Kälber ist schwer zu ertragen“, sagt Henrik Wendorff, Präsident des Brandenburger Bauernverbandes. Die Fallzahlen hätten sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt: So wurden 2015 insgesamt 97 Nutztiere von Wölfen gerissen, 2016 waren es bereits 174. Der Verband fordert, dass die Landesregierung alle Schäden finanziell übernehmen soll. Derzeit werde nur in jedem zweiten Fall gezahlt und auch nur 80 Prozent des Wertes.

Die Brandenburger CDU fordert nun eine landesweite Obergrenze für Wölfe: Die Logik dahinter ist, dass der Wolfsbestand inzwischen sehr stabil ist, dass aber immer mehr Wölfe zu immer mehr Problemen führen können, weil die Rudel immer weniger Platz hätten und sich den Ortschaften nähern. Deshalb soll es eine Obergrenze geben, wie viele Wölfe landesweit nötig sind, um die Population aus sich selbst heraus am Leben zu erhalten.

Alle Tiere, die darüber hinaus da sind, sollen gejagt werden dürfen. „Seit Jahren beobachten wir, dass sich Wölfe nicht an die Vorhersagen angeblicher Wolfsexperten halten und dass sie die einst als sicher geltenden Schutzmaßnahmen überwinden und vielfach die angeblich natürliche Scheu vor dem Menschen fehlt“, sagt der umweltpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dieter Dombrowski. Das schnelle Anwachsen der Wolfsvorkommen zwingen zum Umdenken und Handeln. „Der europäische Schutzstatus für Wolfsvorkommen in Deutschland muss endlich angepasst und eine beschränkte Abschussfreigabe für Problemwölfe muss auch hierzulande möglich sein“, sagt er.

Protest kommt von den Wolfsschützern. Christiane Schröder vom Naturschutzbund (Nabu) in Potsdam findet, dass derzeit regelrecht Stimmung gemacht wird gegen die Wölfe – meist von Seiten der Bauernschaft und der Jäger. „Je mehr Wölfe wir haben, um so größer ist die Chance, eines dieser meist sehr scheuen Tiere mal zu sehen“, sagt sie. „Aber bloß, weil man ihn vielleicht sieht, muss er doch nicht gefährlich sein. Menschen gehören einfach nicht in sein Beuteschema.“

Angriffe auf Menschen sind äußerst selten, wenn dann hatten die Wölfe meist Tollwut, wurde vom Menschen angefüttert oder gar provoziert. „Deshalb sind wir gegen die Aufweichung der Naturschutzstandards und dagegen, dass der Wolf einen niedrigeren Schutzstatus erhält.“ Denn obwohl sich die Population gut erholt habe, sei dann zu befürchten, dass die Sache schnell wieder kippt und dass die Tiere wieder wie in früheren Zeiten ausgerottet werden, sagt die Nabu-Geschäftsführerin. Außerdem seien Wildschweine viel gefährlicher. „Die haben viel weniger Scheu, sind deutlich angriffsbereiter – und es gibt sehr viel mehr von ihnen.“

Im Umweltministerium heißt es, dass im Wolfsmanagementplan – der nun aktualisiert wird – bereits klar festgelegt sei, ab wann das Verhalten eines Tieres als Problem angesehen wird und es eingefangen oder geschossen werden muss, sagt Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. Aber er sagt auch, dass die Diskussion im Gange ist. Als der Wolf vor Jahrzehnten den höchsten Schutzstatus erhielt, gab es diese Tiere quasi gar nicht mehr.

Inzwischen ist die Population in Brandenburg seit Jahren stabil hoch: 22 der bundesweit 46 Rudel leben in Brandenburg, 15 in Sachsen. Das Land Brandenburg hat nun vom Bund gefordert, dass verbindlich festgelegt wird, ab wann davon gesprochen werden kann, dass es eine stabile Population ist, die sich aus sich selbst heraus reproduzieren kann. In Polen oder im Baltikum hätten Wölfe bereits einen niedrigeren Schutzstatus und damit sei die Jagd auf sie erleichtert, sagt Schade.

Kritik des Bauernverbandes

Reinhard Jung, Geschäftsführer des kleinen Bauernbundes, ärgert sich, dass Wölfe nur dann zu Problemfällen erklärt werden, wenn sie den menschlichen Siedlungen zu nahe kommen. „Für uns ist es ein Ausdruck der Missachtung gegenüber unserer Arbeit und unserem Eigentum, wenn ein Wolf, der durch städtische Vorgärten streift, sofort zum Problemwolf erklärt wird, während ein Wolf, der reihenweise Schafe oder Kälber reißt, weiterhin problemlos seinen angeblich natürlichen Verhaltensweisennachgehen darf.“

Wenn ein Wolf auf einer Weide ein Tier gerissen habe, dann kehre das Raubtier meist in der nächsten Nacht zurück. „Dann muss dort ein Jäger sitzen und schießen dürfen““, sagt Jung. „Denn die Wölfe des Rudels sind schlau, sie begreifen schnell, wo Gefahr für sie ist.“