Berlins Chef-Apothekerin: „Apotheker sollen den Verkauf von Cannabis übernehmen“

Als Heilberufler lehnen Apotheker die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken ab. Im Interview erklärt die Vorsitzende Anke Rüdinger, warum Apotheken dennoch den Verkauf übernehmen wollen.

Cannabisverkauf in Thailand
Cannabisverkauf in Thailandimago/ZUMA Wire

Das Bundeskabinett hat die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach vorgestellten Eckpunkte zur Freigabe von Cannabis gebilligt. Kauf und Besitz von 20 bis 30 Gramm der Droge sollen ab 18 Jahre künftig legal sein. Lauterbach plant den Verkauf in lizenzierten Geschäften und in Apotheken. Noch ist unklar, ob die Legalisierungspläne dem EU-Recht entsprechen. Der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, sieht eine Unvereinbarkeit des Verkaufs von Cannabis mit dem heilkundlichen Berufsethos. Anke Rüdinger, Vorsitzende des Berliner Apothekervereins, teilt die Kritik. Dennoch sollten Apotheker den Verkauf von Cannabis übernehmen, fordert sie. 

Frau Rüdinger, Sie lehnen die Legalisierung von Cannabis ab, wollen aber gegebenenfalls den Verkauf übernehmen. Ist das kein Widerspruch?

Die Apothekerschaft hat sich ganz eindeutig positioniert: Aufgrund der vielen Nebenwirkungen lehnen wir Apothekerinnen und Apotheker als Heilberufler die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken grundsätzlich ab. Cannabis ist nicht frei von Risiken. Zudem gehört die Abgabe von Genussmitteln nicht zu den Aufgaben von Apotheken.

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Berliner Apotheker
Vorsitzende des Apothekervereins
Anke Rüdinger
Anke Rüdinger, Jahrgang 1965, eröffnete im Jahr 2000 die Castello-Apotheke in Lichtenberg. Sie ist seit 2005 Mitglied der Berliner Apothekenkammer und seit 2010 Mitglied im Vorstand des Berliner Apothekervereins. Rüdinger wurde 2019 zur Vorsitzenden gewählt. Sie ist außerdem seit 2021 Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands des Deutschen Apothekerverbands.

Warum wollen die Berliner Apotheker dann Cannabis im Zweifelsfall verkaufen?

Sollte die Regierung eine Legalisierung beschließen, bieten wir unsere Hilfe an, um den Verbrauchern ein Höchstmaß an Sicherheit zu bieten. Denn das pharmazeutische Personal in den Apotheken verfügt über das notwendige Wissen und ist geübt im Umgang mit Cannabisblüten und Cannabiszubereitungen. Sie können seit 2017 zu medizinischen Zwecken verordnet werden. Wir leiden aber auch jetzt nicht unter Arbeitsmangel in den Apotheken. Von daher setzen wir unsere Ressourcen lieber für unsere eigentlichen Aufgaben ein.

Apotheken bräuchten neue Räume

Freuen Sie sich nicht auf ein neues und Umsatz versprechendes Geschäftsfeld?

Zunächst sehe ich einen Berg an Ausgaben auf uns zukommen

Anke Rüdinger, Berliner Apothekenverein

Zunächst sehe ich einen Berg an Ausgaben auf uns zukommen. Es müssten neue Räume angemietet werden. Cannabis wäre dann kein Betäubungsmittel mehr. Dennoch stellt sich die Frage nach der Sicherung. Es bräuchte neue Tresore und gegebenenfalls einen Sicherheitsdienst. Ich sehe neue Dokumentationspflichten auf uns zukommen. Ich glaube nicht, dass die Cannabisabgabe zu Genusszwecken in Apotheken, wenn sie denn tatsächlich umgesetzt werden sollte, zu einem nennenswerten Ertragszuwachs führen wird – eher im Gegenteil.

Wie sind die Erfahrungen beim Verkauf von medizinischen Cannabisprodukten?

Für sie war die Freigabe ein Segen

Anke Rüdinger, Berliner Apothekenverein

Wir verkaufen derzeit keine Cannabisprodukte in den Apotheken, sondern wir versorgen Patientinnen und Patienten mit medizinischem Cannabis auf der Grundlage einer ärztlichen Verordnung. In meiner Apotheke hatten wir bisher nur Verordnungen über Cannabiszubereitungen, keine über Cannabisblüten. Das stellt sich aber von Apotheke zu Apotheke unterschiedlich dar. Die Evidenzlage über die Wirksamkeit von Cannabis ist bisher gering, dennoch profitieren viele Menschen von der Anwendung von medizinischem Cannabis. Für sie war die Freigabe ein Segen.

Apotheker lehnen Verkauf in Geschäften ab

Der Plan der Regierung sieht einen Verkauf in Fachgeschäften mit einer Lizenz und in Apotheken vor. Wie bewerten Sie das?

Wenn ich das Eckpunktepapier und den Gesundheitsminister richtig verstanden haben, dann wird die Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken sowieso eher in lizenzierten Fachgeschäften und nur eventuell in Apotheken gesehen. Wenn die Gesellschaft der Meinung ist, dass die Abgabe in lizenzierten Fachgeschäften vertretbar ist, dann ist das okay. Wir könnten in den Apotheken jedoch ein höheres Maß an Sicherheit bieten, weil wir die Kompetenz für eine umfassende Beratung über Nebenwirkungen und Folgen des Dauergebrauchs haben. Die Gesellschaft profitiert aus unserer Sicht am ehesten, wenn der Verkauf in Apotheken erfolgen würde.

Fürchten Sie die wirtschaftliche Konkurrenz durch Fachgeschäfte?

Der Mehraufwand für die Apotheken müsste sich rechnen. Schon unsere Personalkosten sind hoch. Wir wollen auf keinen Fall als Lückenbüßer fungieren, die den Verkauf übernehmen, wo sich ein Fachgeschäft nicht lohnt. Uns geht es darum, dass psychoaktive Substanzen, wenn sie legal sind, nur bei professioneller Beratung erhältlich sein sollten. Die Folgen eines Dauerkonsums müssen den Verbrauchern klar sein.

Psychoaktive Stoffe haben Nebenwirkungen

Das gilt aber nicht für Alkohol und Tabak. Cannabiskonsumenten könnten nach einer Legalisierung Belehrungen leid sein.

Wir sehen in Skandinavien, dass der Verkauf von Alkohol in speziellen Läden den Konsum durchaus senken kann. Die gesellschaftlichen Folgen sind positiv. Psychoaktive Stoffe haben eben Nebenwirkungen. Das gilt auch für Cannabis. Wir Apotheker sehen gerade die Freigabe für junge Erwachsene kritisch, da sich das Gehirn noch in der Entwicklung befindet. Es gibt ein Risiko für psychische Erkrankungen, aber auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Haben Sie vielleicht auch Angst, dass Kunden Apotheken meiden könnten, in denen die Droge verkauft wird?

Da für mein Dafürhalten die Abgabe nicht in den eigentlichen Apothekenräumen erfolgen kann, wird der eigentliche Apothekenbetrieb auch nicht betroffen sein. Dennoch erwarte ich die eine oder andere Reaktion unserer Kundschaft in die eine oder andere Richtung, sollte es zu einer Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken in Apotheken kommen. Denn die Frage der Legalisierung von Cannabis wird nicht nur in der Apothekerschaft, sondern in der gesamten Bevölkerung, so ist jedenfalls mein Empfinden, sehr kontrovers diskutiert.