Berlin - Gutes tun ist eine feine Sache, nicht nur am Jahresende, da aber ganz besonders. Jedenfalls in diesem Jahr, denn die Feiertage und die Zeit danach sind kalt gewesen. Echter Winter, teilweise mit klirrender Kälte, mit Eisblumen an Fensterscheiben, mit gefrorenen Pfützen. Tagelang fiel die Temperatur unter null. Was manche gar nicht mehr gewohnt sind wegen der vielen milden Winter.

Eine Frau und ihr Schwager waren in der Abenddämmerung spazieren. Sie sahen einen Mann, der mit gesenktem Kopf an einer Bushaltestelle saß. Der Himmel war wolkenlos und der Boden gefroren. Der Mann saß offensichtlich schon lange dort. Er war betrunken und im Tiefschlaf.

In solchen Fällen gibt es zwei Probleme zugleich: Der Mann ist nun mal ein Mann – und er ist betrunken. Männer werden meist sehr viel schneller handgreiflich und manche neigen im Suff zu offener Aggressivität. Deshalb sinkt die Bereitschaft zu helfen signifikant, wenn ein hilfloser Mann sehr betrunken ist. Es ist immer ein Pokerspiel, ob er die Hilfe erduldet oder ob gleich die Fäuste fliegen.

Die Frau wollte aber nicht so tun, als hätten sie die Notlage des Mannes nicht erkannt. Es war einfach zu kalt, um nicht zu helfen. Und gleich würde es dunkel sein.

Die Frau tippte dem betrunkenen Mann an die Schulter und sagte laut: „Sie dürfen hier nicht schlafen, sonst erfrieren sie.“ Der Mann brabbelte etwas, wollte aber nicht aufwachen. Der Schwager zeigte auf ein Plakat an der Bushaltestelle, das tatsächlich für die Kältehilfe warb. Sie riefen dort an, aber niemand ging ran.

Also wählten sie den Notruf. Eine Frau war am Telefon, die wollte, dass die beiden eine sechsstellige Zahl unten am Fahrplan der Haltestelle suchen – eine Kennnummer, durch die die Sanitäter wissen, wo die Hilfe benötigt wird.

Die beiden bewachten den Betrunkenen. Er war normal gekleidet und sicher kein Obdachloser, also kein Profi im Umgang mit viel Alkohol bei Minusgraden, sondern jemand, für den die Weihnachtstage wohl nicht allzu besinnlich gewesen waren und der sich danach lieber sinnlos besoffen hatte. Die Frau zog ihm ihre schmalen blauen Handschuhe über die eiskalten Finger.

Dann kam die Rettung, und die beiden konnten gehen. Die Frau überließ dem Betrunkenen ihre Handschuhe. Sie machte sich kurz Sorgen darüber, ob der Mann Corona gehabt haben könnte. Dann wuchs ihr Stolz darauf, dass sie als Frau ihre gewohnte Scheu vor volltrunkenen Männern überwunden hatte, um diesem volltrunkenen Mann das Leben zu retten.

„Er sah tief unglücklich aus“, sagte sie. „Wer weiß, was an den Feiertagen schiefgelaufen ist.“