Eine Bahn, ein Schwimmer. Sommerbad Pankow bei über 30 Grad in den Sommerferien. 
Foto: Gerd Engelsmann

Berlin33 Grad zeigt das Thermometer um 14 Uhr an diesem Augusttag. Der Fotograf hat Mühe, überhaupt einen Schwimmer im 50-Meter-Becken des Sommerbads Pankow vor die Linse zu kriegen. Dank der Corona-Beschränkungen ist es in Berlins größtem Freibad in diesen Tagen so leer wie nie, so entspannt wie nie. Die Schattenseite: Auch die Kassen der Bäder sind deutlich leerer, die Pächter der Würstchenbuden kämpfen um ihre Existenz.

Statt der 6000 Menschen, die sich hier in Pankow an so einem heißen Sommertag normalerweise tummeln würden, sind derzeit etwa 1200 über drei Zeitfenster am Tag verteilt im Bad. Nachmittags genießen also maximal 500 Gäste den Platz und die Ruhe. Das Bad, das in den vergangenen Jahren immer wieder wegen pöbelnder Gruppen junger Männer in die Schlagzeilen geriet und wegen Überfüllung geschlossen werden musste, zeigt, wie freundlich es als Familienbad sein kann. Vom Terrorbad zum Familientraum.

Deckeninseln auf dem Rasen, Platz zum Toben im Becken. 
Foto: Gerd Engelsmann

Kein Wunder, dass Schwimm-Meister René Czaya (50) und sein Team unter dem Sonnenschirm in der Mitte der Becken tiefenentspannt sind. „Normalerweise hätte es an einem Tag wie diesem bestimmt schon drei Unfälle, einen Polizeieinsatz und die mobile Wache vor der Tür gegeben“, sagt Czaya, der seit 1996 im Freibad Pankow arbeitet. Heute ziehen einzelne Schwimmer ihre Bahnen, planschen Mütter mit ihren Kindern, lungern Väter mit ihrem Nachwuchs entspannt am Sprungturm herum. Der ist gesperrt, wie auch die Rutsche.

Im Bademeisterturm haben sie eine Liste, dort ist genau vermerkt, wie viele Menschen auf einmal in den Becken sein dürfen: jeweils 18 auf den drei großen Doppelbahnen im Schwimmerbecken, 15 im Sprungbecken, das jetzt nur zum Schwimmen da ist, 82 im großen Becken und 17 in der Plansche. Es sei noch nicht oft vorgekommen, dass sie Leute bitte mussten, zu warten, weil es zu voll war, sagt Judy Lüttger. Auf den Wiesen des Bads ist sowieso so viel Platz, dass man sich stellenweise einsam fühlt.

Höchstens mal ein Pflaster kleben. Bisher wurde das Team um Schwimm-Meister René Czaya  (links) wenig gefordert.  
Foto:  Gerd Engelsmann

Besonders entspannt empfinden es Besucher und Bademeister, dass in diesem Jahr die großen Gruppen fehlen. Einen Freibadbesuch muss man in diesen Zeiten ein bisschen im Voraus planen, manche Kunden schreckt das wohl ab. „Es ist ein Familienbad geworden“, sagt René Czaya, und „die Pankower haben sich ihr Bad wiedererobert.“

Emilian zum Beispiel, der in einer Woche in die Schule kommt, lernte in diesem besonderen Sommer schwimmen. Endlich hat er Platz, die Arme auszustrecken. Die Mutter des Sechsjährigen, Scarlett Kramer (36), hatte sich in den vergangenen Jahren kaum noch in das Bad getraut. „Jetzt muss ich nicht fürchten, dass einem einer auf den Kopf hüpft, kein Anstoßen, keine Enge“, sagt sie. 

Keiner da, der beim Schwimmen stört. Emilian (6) und seine Mutter Scarlett Kramer. 
Foto:  Gerd Engelsmann

Die Tumulte der vergangenen Saisons waren abschreckend. Überfüllung, und auch weil an warmen Tagen ganze  Gruppen über den Zaun einer nahe Kleingartenanlage ins Bad kletterten, machten einen Besuch zur Massenveranstaltung. Vorbei dank Corona. Auch Badeunfälle gab es in diesem Jahr bisher kaum. Keiner, der eine Mutprobe mit seinen Kumpels machen muss, keiner, der ohne schwimmen zu können ins tiefe Wasser springt, kein Gedränge mit Folgen an der Rutsche. „Dieses Jahr haben wir bisher höchstens mal ein Pflaster geklebt“, sagt Bademeisterin Nicole Kätel (37).

Aus der Corona-Not sind Neuerungen entstanden, die auch in Zukunft praktikabel sein könnten, da ist sich die Crew in den roten T-Shirts einig. Das haben sie auch schon ihren Vorgesetzten erzählt, nun ist es an diesen, die gewonnene Aufenthaltsqualität gegen möglichen Profit abzuwägen.

Warum nicht auch in Zukunft den Zugang beschränken, vielleicht mit mehreren Zeitfenstern im Angebot, warum nicht das Online-Ticket-System zusätzlich zu den Kassen beibehalten? Schließlich wartet keiner gern in der Hitze an einer langen Schlange. Eine Neuerung diesbezüglich gibt es ein einigen Bädern schon seit Dienstag. In den Kombibädern Gropiusstadt, Mariendorf, Spandau Süd und Seestraße sowie im Sommerbad Wuhlheide gibt es nach Ferienende wieder Karten an den Kassen – allerdings ohne Garantie auf Einlass. Der Verkauf von Zeittickets zum Corona-Tarif an den Badkassen ist nur so lange möglich, bis die in den Hygienekonzepten festgelegten Kapazitäten des Bades erschöpft sind. Die Bäderbetriebe empfehlen deshalb, früh da zu sein. Die Kassen öffnen jeweils 30 Minuten vor Beginn des Zeitfensters, zugleich stoppt der Online-Verkauf für diesen Slot. Es ist ausschließlich Barzahlung möglich.

Alles super, also ? Nicht ganz. Während die einen die Leere genießen, macht sie dem Pächter der Imbissbude im Freibad Pankow, Marco Schenk, nachhaltig zu schaffen. Einbußen bis zu 90 Prozent muss er in dieser Saison hinnehmen. Die Gäste, die ihm weiter die Treue halten, können noch so viel essen - sie schaffen niemals so viel Eis und Würstchen wie 6000 Gäste. „Für uns ist das eine Katastrophe“, sagt Schenk. Bis jetzt gibt es noch keine Einigung, ob die Imbissbetreiber eine Unterstützung durch die Bäder bekommen. Es soll dazu Gespräche geben, hat er gehört und hofft. Eine Mitarbeiterin der Pressestelle bestätigt, dass das Problem bekannt sei. Man arbeite an Lösungen.

Muss mehr Würstchen verkaufen: Marco Schenk (37).
Foto:  Gerd Engelsmann

Doch auch die Kassen der Bädern bleiben in diesem Sommer leerer als erwartet. „Für den Sommer 2020 erwarten wir ein Minus gegenüber dem Plan in Höhe von 2,2 Millionen Euro. Die wirtschaftlichen Auswirkungen insgesamt – insbesondere aufgrund gestiegener Kosten wegen des coronabedingten Infektionsschutzes – können wir heute noch nicht beziffern“, so die Mitarbeiterin. Ein Faktor ist da noch gar nicht berücksichtigt: 

Neben Corona ist das Badegeschäft immer auch abhängig vom Wetter,  wie die Zahlen der Badegäste in den vergangenen Jahren zeigen: Im Rekordsommer 2019 waren im Zeitraum 25. Mai bis 31. Juli etwa 1,3 Millionen Besucher in allen Berliner Bädern, im Corona-Sommer bisher nur 527.000 – ähnlich so viele wie im eher durchwachsenen Sommer 2018, wo es 582.000 Badegäste in die Berliner Bäder zog. Der August hat ja noch etliche Tage.