Lübbenau - Von den Quellen der Spree bis zum Kahnhafen in Lübbenau sind es genau 205,7 Kilometer. Das sagt jedenfalls Ralf Buchholz, der an diesem Abend zwei Dutzend Passagiere durch die Fließe und Gräben des Spreewaldes stakt. Als Kahnfährmann kennt er sich aus, sogar bis hinters Komma. Wahrscheinlich lässt sich das mit Satelliten nachmessen.

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Aber eigentlich spielt es auch gar keine Rolle, woher er die Zahl hat. Er muss den Leuten was erzählen. Immerzu. Sie wollen Geschichten hören. Landschaft hin, Landschaft her, am Ende ist es die Ahnung einer guten Geschichte, die das Publikum in die Niederungen Brandenburgs lockt, in die Sümpfe, Błota, wie der Spreewald im Sorbischen genannt wird.

Die einen kommen, um hier ihre Geschichten von sagenhafter Natur ganz für sich zu erleben, andere sind dankbar für jede Unterhaltung. Sie haben bei Ralf Buchholz gebucht, der schon etwas heiser ist, obwohl die Saison jetzt erst richtig beginnt. Als sich sein Kahn hinter Lübbenau einem Holzhaus nähert, an dessen Dachfirst sich zwei Schlangenköpfe kreuzen, atmet er noch mal tief durch – das Staken flussaufwärts ist nicht ohne –, und dann erklärt er seinen Gästen, dass die Menschen im Spreewald in den alten Zeiten auf ihren Gehöften Schlangen gehalten hätten, zum Schutz vor Mäusen und Ratten.

Die Schlange wurde von den Sorben oder auch Wenden, die die Region besiedelten, hoch geschätzt. „Eigentlich rede ich an dieser Stelle noch viel mehr“, sagt Ralf Buchholz. „Heute muss ich mich kurz halten, denn da vorn wartet jemand.“

Am Spreeufer steht ein kleiner Herr mit weißen Pluderhosen, Stiefeln und Joppe. Auf dem Kopf trägt er eine Pelzkappe mit Bommel, was ihn als örtliches Original ausweist. Als der Kahn längsseits liegt, breitet er eine Art Tischtuch aus, legt eine Krone darauf und erhebt sogleich seine Stimme, wie man sagen muss. Denn als er jetzt die Legende vom Schlangenkönig, der um sein Gold betrogen wird, nicht einfach nur vorträgt, sondern theatertauglich interpretiert, wird das Feuchtgebiet zur großen Bühne. Peter Lehmann aus Lübbenau ist der Star dieser „Sagenhaften Erlebniskahnfahrt“, wie sich die Tour so schön nennt.

Als er seine Requisiten wieder im Weidenkorb verstaut hat, um sich mit dem Fahrrad zur nächsten Position zu begeben, wird vorn im Kahn die Sagenlage besprochen. „Das gibt es ja immer ganz stark in den Spreewaldkrimis“, sagt eine Frau, die, wie zu hören, aus Bayern angereist ist.

Das ZDF bietet auf seiner Website eine interaktive Karte mit Schauplätzen und Geschichten zum Spreewaldkrimi an.

Der Spreewaldkrimi, seit zehn Jahren immer im Herbst im ZDF zu sehen, hat sich als Tourismusfaktor etabliert, er bildet inzwischen sogar eine eigene Regionalgeschichte. Die Fälle, die der Kommissar zu lösen hat, erwachsen nicht nur aus der Versponnenheit des Ortes, sie liegen in den Überlieferungen und sozialen Gegebenheiten begründet. Nichts ist vergessen, altes Unrecht gebiert neue Ungerechtigkeit. Dann gibt es einen Mord. Und das SEK schaut praktischerweise im Kahn vorbei.

Schattenhafte Geheimnisse in greifbarer Tiefe

Wie sich die Erlen am Ufer im Wasser der Fließe spiegeln, spiegelt sich die Seele des Spreewaldes in den Dramen, die sich dem Polizisten offenbaren. Und wie man durch den Wasserspiegel bis auf den dunklen Grund sehen kann, lagert auch in den Krimigeschichten ein schattenhaftes Geheimnis in greifbarer Tiefe. Bis jemand alles aufwirbelt.

Nun kommen also die Leute und suchen die Wirklichkeit hinter den Krimis. Manchmal ist sie näher als gedacht. In der Episode „Der Tote im Spreewald“, die von der Konkurrenz der Kahnfährmänner handelt, heißt es einmal: „Touristen durch die Kanäle zu staken, war seine letzte Chance. Eigentlich hat er Bergbau studiert.“ Auch Ralf Buchholz und Peter Lehmann, die beiden Akteure der Sagenfahrt, wurden nicht als Entertainer geboren. Buchholz, 49, hat als Schlosser in der Braunkohle gearbeitet, Lehmann, 52, kommt aus der Gastronomie, zuletzt leitete er in Lübbenau das Restaurant im Schlosshotel.

Eine eigene Welt

Vor einem Jahr ging das gesundheitlich nicht mehr, wie er sagt. Er hat auf Gästeführer umgeschult. Die Abendfahrt mit Einlage ist ihr erstes gemeinsames Projekt. Mal sehen, wie es läuft. Man müsse sich eben immer wieder was einfallen lassen, sagt Ralf Buchholz. Allein in Lübbenau gibt es über 250 Kahnfährleute; jeder von ihnen als Kleinstunternehmer unterwegs.

Da ist es hilfreich, dass Buchholz mit seinem Kahn von Anfang an für die Spreewaldkrimis unterwegs ist. Er transportiert Ausrüstung zu den Drehorten, fährt die Darsteller und war auch selbst schon mal im Bild. Weil in der Regel vor oder nach der Hauptsaison gedreht wird, fügt sich das für ihn ganz gut. „Ich war in der ganzen Zeit jedenfalls noch nie auf dem Arbeitsamt“, sagt er. Dieses Jahr geht es am 9. September los. Der neunte Film der Reihe trägt den Titel „Duell im Moor“.

Die Geschichte dazu hat wieder Thomas Kirchner geschrieben, der den Spreewaldkrimi einst miterfunden hat und seitdem dessen fester Drehbuchautor ist. „Wir haben damals mit dem Produzenten und dem Redakteur zusammengesessen und überlegt, welche Gegend noch nicht totgefilmt ist“, sagt Kirchner, der zu Hause in Berlin-Karlshorst gerade am zehnten Fall der Reihe arbeitet. Letztlich seien sie auf den Spreewald gekommen, eine Stunde südlich von Berlin, doch unendlich fern, wenn es beispielsweise kein Handynetz gibt.

Einzigartige Erzählweise

„Ich bin dann zum ersten Mal seit meiner Schulzeit wieder hingefahren. Das hat so was Archaisches, ganz einfach und klar, obwohl es so verwoben und verwinkelt ist. Fand ick toll.“ Kirchner, ein wuchtiger Mann mit angegrautem Bürstenhaar, der in seinem Johnny-Cash-mäßigen Schwarz selbst ein bisschen archaisch wirkt, hat in seinem Kommissar ein Figur gezeichnet, die ihm sehr nahe ist. „Im Sinne von abwarten, zuhören, hingucken, nicht so viel von sich preisgeben.“

Thomas Kirchner ist Jahrgang 61, in Prenzlauer Berg aufgewachsen, woraus sich fast von selbst ergibt, dass seine Biografie ein paar Kurven nimmt. Ursprünglich hat er Außenhandelskaufmann gelernt und dann für die DDR Pumpen verkauft. Das war nicht seine Welt, so dass er noch mal von vorn anfing. Er begann als Kulissenschieber am Maxim-Gorki-Theater, steigerte sich zum Schnürmeister und wurde dort schließlich Regieassistent. Der Schauspieler Uwe Kockisch, ein Freund von ihm, hat ihn vor vielen Jahren ermuntert, es mit dem Schreiben zu versuchen. Seitdem ist er Drehbuchautor. Für seine Adaption von Uwe Tellkamps Epochenroman „Der Turm“ wurde er mit dem Grimme-Preis geehrt.

Sein Hauptwerk aber, so sieht er das selbst, ist der Spreewaldkrimi. Er hat eine Erzählweise gefunden, die einzigartig für das deutsche Fernsehen ist, wo schon eine kleine Rückblende als Wagnis gilt. Seine Geschichten blenden ständig zurück, halten inne, blicken voraus, manchmal berühren sich Gestern und Vorgestern und Heute in ein und der derselben Szene. Dieses labyrinthische Erzählen ergebe sich aus dem Geist der Landschaft, sagt Thomas Kirchner. „Man muss dort ja auch von einem Abzweig zum nächsten, übers Wehr und durch die Schleuse, um voranzukommen.“

Die passende Sage im Kopf

So verschlungen wie die Fließe sind die Kriminalfälle. „Ich versuche immer, etwas zu finden, was in dieser Region verwurzelt ist, was mit den Mythen zu tun hat und mit den Problemen der Leute, wie sie sich so nur dort offenbaren können.“

In der Sage vom Schlangenkönig geht es um Betrug und unverhofften Reichtum, Kirchner hat daraus ein Drama um DDR-Grundstücke und deren Rückübertragung entwickelt. Es gibt etliche solcher offenen Fälle im Spreewald. „Wenn ich heute eine Geschichte höre, habe ich die passende Sage dazu im Kopf“, sagt er. „Beides zu verbinden, ist mein Job.“

Betrachtet man den Spreewald als lebendiges Organ, was er ja auch ist, erinnert er an den Herzmuskel, der von Adern und Äderchen durchzogen wird. Wo es stockt, erlauben Bypässe den Durchfluss. Mit Hunderten von Flutgräben und Staustufen ist das eiszeitlich entstandene Binnendelta heute ein künstlich erhaltenes Naturphänomen, das auf jede Belastung sensibel reagiert. Auf seinem iPad zeigt Kirchner Fotos, die er vor zwei Jahren aufgenommen hat, als die sogenannte Verockerung der Spree für Schlagzeilen sorgte: Tonnen von Eisenschlamm aus alten Tagebauen verwandelten das Gewässer damals in braune Brühe. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, aber er wird das Thema wohl noch mal aufgreifen.

Ein, zwei Mal im Jahr fährt er in die Gegend. „Ich sitze am Fluss und warte, bis die Geschichte buchstäblich aus dem Wasser kriecht. Das tut sie auch, wenn man Geduld hat.“

Andreas Krüger sitzt gleichfalls am Fluss, er wartet dort aber nicht auf Geschichten, sondern auf Gäste für seinen Bootsverleih. Geschichten kann er selber erzählen. Schlepzig, einige Kilometer flussabwärts von Lübbenau, liegt im Unterspreewald, wo in der Woche vom touristischen Trubel nicht so viel zu merken ist. Gut für den Paddler, schlecht fürs Geschäft. „Manchmal ist das schon fast wie auf der Reeperbahn“, sagt Krüger, „wir belauern uns gegenseitig wie die Zuhälter.“ Er ist 49 Jahre alt, von Beruf Fleischermeister. Aber Zeit seines Lebens fährt er auch Kahn, erst nebenher, später dann, als das Westgeld kam, professionell. „Ich war lange die Nummer 1 hier“, sagt Krüger. Das ist nun vorbei.

„Da kommen unsere Spreewalddamen“, sagt Krüger. Er beäugt zwei Frauen, die in sorbischer Tracht mit ihren gut besetzten Kähnen vorbeistaken. Die Tracht gehöre gar nicht hierher; im Dorf trügen sie blaue Schürzen. Und Sorbinnen seien die beiden auch nicht. „Aber im Internet werben.“ Er ist nicht amüsiert.

Die Szene könnte nun wirklich aus dem Spreewaldkrimi stammen. „Dieses scheiß Folkloregetue ist doch eh nur für die Touris“, sagt im Film ein Fährmann, der sich über den Missbrauch des Brauchtums aufregt. Kurz darauf ist er tot. Die Spreewalddamen leben noch, wie sich später am Telefon herausstellt. Nein, sie sei „gebürtig keine Sorbin“, sagt Yvonne Huber. Und das Kleid? Niedersorbische Festtagstracht. Die Dinge im Delta sind vielschichtig.