Die Berliner Philharmonie.
Foto: imago images/Stefan Zeitz

BerlinPhilharmonie also. Ein knappes Jahr ist der letzte Besuch in den heiligen Hallen des Klanges her. Um ein Haar fahren wir eine Stunde zu spät los. Man ist es ja nicht mehr gewöhnt, noch mal den Beginn einer Veranstaltung zu checken. Um ein Haar vergessen wir auch die Masken. Hechten zur Tram, die aber erst zehn Minuten später kommt. Fahrplan falsch gelesen. Wir Anfänger.

An Scharouns Muschelbau angekommen, leitet uns ein Farbsystem. Rang links und rechts und Parkett sind Begriffe von gestern. Auf unseren Tickets steht: Eingang lila. Gelb, grün und blau lassen wir also links liegen und damit auch die wesentlich längere, von Abständen durchlöcherte Schlange. Das Foyer gähnt uns gespenstisch an. Auch die Garderobe liegt verlassen da, nur große Gepäckstücke darf man abgeben. Snacks werden nicht angeboten. Das Vorgeklingel früherer Konzerte, das festliche Gläserklirren, fehlt. Alle eilen sofort zu ihren Plätzen. Die Ränge wirken wie die in einem Handball-Drittliga-Spiel. Oder wie ein Mund, dem die meisten Zähne fehlen. Hier zwei, da zwei, Abstand, Lücke, leere Reihe. Vertraut ist einzig das vorfreudige Wibbeln vor dem ersten Ton. Das vereinzelte Hüsteln. Die stumm und erwartungsvoll herabhängenden Mikrofone. Das schwächer werdende Licht.

Die ersten Töne in die Stille hinein lassen alles vergessen. Das ganze 2020. „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ steht im Programmheft zur Sonate Nr. 27, doch Levit sind die klangvollen Anweisungen einerlei. Er spielt SEINEN Beethoven und warum auch nicht. Der Mann ist lange tot. Er spielt ihn, als spiele er nur für sich, innig, versunken, null auf Affekt bedacht, und lässt uns daran teilhaben. Millionen Menschen tröstete er auf diese Weise durch die große Stille, durch Angst und Einsamkeit. Wenigstens eine halbe Stunde am Tag. Saß er in seinem Wohnzimmer und spielte in Socken auf Twitter. Und die Welt hörte zu.

Auch wir Verstreuselten im großen Saal erleben eine Intimität, die mich für einen Moment überlegen lässt, ob Levit Schuhe trägt. Und kurz sause ich zurück in die Zeit der weinenden Kinder am Fenster, des Musizierens auf den Balkonen, der allgegenwärtigen Bildschirme. Aber nur kurz. Zu wertvoll ist der Augenblick, das lang vermisste gemeinsame Erleben großer Kunst. Womöglich gibt es doch eine Zeit nach Corona.

Draußen ist alles wie immer, außer dass sich die Besucher mit einem Seufzen die Masken vom Gesicht reißen und die frühe Abendluft atmen, als wäre es ihr letzter Zug. Man steht noch in Grüppchen beisammen, mehr oder weniger benommen. Nestelt am Kragen und ordnet die Frisur. Die Männer erklären den Frauen mit wichtigem Gesicht, was sie eben gehört und wie sie es zu finden haben. Die Frauen lächeln dünn und nicken. Unter den feinen Schuhen knurpsen Eicheln, die auf der Wiese vor der Philharmonie liegen. Auf dieses kleine Geräusch konzentriere ich mich, um die Monologe der Herren auszublenden. Der Verkehr rauscht. Ein Spatz piept. Polizisten warten auf Demonstranten. Die S-Bahn fährt ein.