Sonderzüge nach Berlin: Berlin-Touristen kommen mit Kreuzfahrtschiffen

Berlin – das ist lange her. „Als ich 1991 das letzte Mal da war, sah es an vielen Stellen noch so aus wie früher, zu DDR-Zeiten. Wahrscheinlich ist der Osten jetzt etwas farbiger“, sagt Tom Bertrand. „So viel erfährt man bei uns nicht über Berlin“, er will wissen, was daraus geworden ist. Wenige Stunden zuvor ist der US-Amerikaner aus Washington D.C. mit seiner Frau Amanda und Sohn Henry auf der „Eurodam“ in Warnemünde angekommen. Nun sitzt die Familie im Sonderzug nach Berlin – mit 380 anderen Touristen. Kreuzfahrer-Züge: Das ist eine Facette des boomenden Berlin-Tourismus’, die immer wichtiger wird.

Kurz nach sieben Uhr ist der Sonderzug 13290 in Warnemünde abgefahren, nur wenige Schritte von dem hochhaushohen Kreuzfahrtschiff der Holland America Line entfernt. Jetzt jagt die rote Elektrolok mit den elf Wagen durch die Weiten Mecklenburgs. Grit Ziolkowski, Zugbegleiterin der Deutschen Bahn (DB), hat Zeit zu verschnaufen. „Seit zehn Jahren begleite ich diese Züge schon“, sagt die 44-jährige Rostockerin. „Das sind begehrte Dienste, mit angenehmen Fahrgästen.“

Kein Stress wie mit Fußballfans. Keine Fragen zu Anschlüssen und Tarifen, weil die Kreuzfahrer von Hostessen einer Agentur betreut werden. Auch betrieblich sei es angenehm: „Der Sonderzug hat bei der Transportleitung Priorität.“ Er fuhr auch, als fast alle Lokführer streikten und der reguläre Verkehr größtenteils eingestellt werden musste. In der Tat, es ist ein besonderer Zug.

Erst 47, dann 55, bald 70

Das liegt daran, dass sich mit ihm Geld verdienen lässt. Die „Kreuzliner“ sind lukrativ. Für den Tagesausflug zahlen die Kreuzfahrer ihren Reiseveranstaltern jeweils eine dreistellige Summe, neue Fahrzeuge musste die Bahn nicht anschaffen. Meist reisen die Touristen in nicht mehr taufrischen, unklimatisierten Wagen, die von den 1990er-Jahren an als Interregio unterwegs waren.

DB Regio Nordost, inzwischen allein auf diesem Markt tätig, bekommt immer mehr Aufträge. „Im vergangenen Jahr gab es 47 Züge, in diesem Jahr werden es 55 sein. Perspektive für das kommende Jahr sind 70 Züge“, berichtet Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Nicht selten legen extrem große Schiffe in Warnemünde an, wie die Royal Princess für 3600 Passagiere, erzählte er. Dann setzt die Bahn schon mal zwei Züge ein, die insgesamt 700 bis 750 Kreuzfahrer nach Berlin befördern.

Für den Fall, dass es Fahrgästen nicht gut geht, reisen zwei Rollstühle mit. Und nicht für alle Sitzplätze werden Fahrkarten verkauft. Die Kreuzfahrer sollen nicht eng auf eng sitzen – auch das ist ein Unterschied zum Bahnalltag. Aus demselben Grund bleiben ein oder zwei Wagen leer. Nur in besonderen Situationen werden sie genutzt: „Einmal gab es Streit zwischen einigen Spaniern und Mexikanern“, sagt Zilkowski. Da war es gut, dass ein Extra-Wagen zur Verfügung stand, um die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Auch Rainer Herden reist mit, als Qualitätsprüfer. Er war 37 Jahre Lokführer und ist jetzt im Ruhestand. „Wenn etwas nicht funktioniert, kümmere ich mich sofort darum“, so der 66-Jährige. Am Nachmittag wird er auf dem Bahnhof Gesundbrunnen für einen weiteren Extra-Service zuständig sein. Dort wird Herden dafür sorgen, dass eine Rolltreppe ihre Richtung wechselt und ausnahmsweise abwärts fährt – damit die oft älteren Kreuzfahrer bequem auf den Bahnsteig gelangen, von dem der Zug zurückfährt. Normalerweise hat die Bahn nur aufwärts fahrende Rolltreppen. Abwärts-Fahrtreppen, die am Ostkreuz anfangs vorgesehen waren, werden nicht gebaut.

In Oranienburg steigen viele Kreuzfahrer aus, um die Gedenkstätte Sachsenhausen zu besuchen. Gegen 9.45 Uhr rollt der Sonderzug dann in den Ostbahnhof ein. Davor stehen schon die Busse, mit denen die Touristen durch Berlin fahren werden – zum Neuen Museum, zum Alliierten-Museum, zum Einkaufen. Auch Familie Bertrand macht sich zum Aussteigen bereit.

„Europa ist interessant: Alle paar hundert Meilen wechselt die Sprache“, sagt Amanda Bertrand. Ihr Ehemann hat früher mal in Deutschland gearbeitet. In den USA sieht man das Land als „industrielle Supermacht“. „Ich mag deutsche Autos, ich fahre einen BMW.“ Nun also Berlin – ein Tag im Schnelldurchlauf: „Wir sind gespannt“, sagt der Amerikaner. Auf dem Bahnsteig warten schon die Reiseführer.