„Schlimmer als eine Tüte Mücken“, sagte ein Freund damals immer. Als die Kinder noch klein waren, ebenso kleine Freunde hatten und, wenn mehrere von ihnen aufeinander trafen, sich gebärdeten, als hätten sie kiloweise Traubenzucker gegessen. Schlimmer als eine Tüte Mücken ist auch eine Fußballmannschaft morgens um acht, denke ich.

Aufgekratzt schwirren sie auf ihren dünnen Beinen und in zu großen Trikots über den Platz und tun alles, außer auf den Trainer zu hören. Anpfiff ist um neun, Treffpunkt immer eine Stunde vorher. Die braucht es auch, um die Mücken in die Tüte zu kriegen, sehe ich auf’s Neue ein. Trotzdem murre ich morgens. Es ist schließlich Wochenende.

Dabei habe ich es ja recht komfortabel. Die in Vereinsheimen übliche Plörre namens Kaffee schmeckt zwar nicht, ist aber mit Liebe gemacht und wärmt von innen. Das müde Gesicht übernimmt die Aprilsonne. Vögel zwitschern, klar, und auch das Gespräch mit den anderen Eltern klingelt nett. Und um die Mücken – kümmert sich der Trainer.

Auch Mücken foulen

Und um die Zuspätkommer. Und um die Anrufe derer, deren Kinder nun doch nicht kommen können. Weil sie krank sind. Oder weil sie keine Lust haben. Gerade, das war so ein Anruf, man sieht es an der Miene des sonst freundlichen Mannes. „Dann lasst es doch gleich ganz bleiben“, murmelt er vor sich hin. Mehr nicht. Denn jetzt gilt es durchzuzählen und, je nach Ergebnis, noch Spieler zu organisieren.

Nicht nur Profis foulen, auch Mücken. Oder stolpern über die langen Enden heillos verknoteter Schuhbänder. Hier eine Schramme, da eine Beule oder einfach Erschöpfung: Ohne Ersatz wird das Spiel eine Qual, ganz egal, wie es ausgeht.

Der spezielle Gegner des Fußballtrainers

Apropos Profis: Wenn das Spiel dann läuft, hat der Trainer einen ganz speziellen Gegner. Es ist derselbe wie in der Bundesliga und im Weltfußball, nämlich die Öffentlichkeit. Auf den Berliner Fußballplätzen besteht die – zumindest in den Anfängerligen – in der Regel aus ein paar Eltern.

Die meisten quatschen, feuern an und freuen sich, dass jemand anderes sich um die Mücken kümmert. Aber manche werden sehr unfreundlich, wenn das Spiel nicht so läuft wie gewünscht. Gegenüber den Kindern, den Gegnerkindern, dem Schiedsrichter natürlich und gegen den Trainer. Der ist nämlich vor allem schuld. Wie der Bundestrainer oder der von Hamburg oder Köln.

Trainern geht es wie Politikern

Nichts-dafür-können oder gar Fehler machen, ist in diesem Beruf nicht vorgesehen, da geht es den Trainern wie Politikern. Aber die Buhmänner im Hauptberuf bekommen wenigstens Geld dafür und, wenn sie Glück haben, auch mal Lob oder sogar ein bisschen Ruhm.

Die Männer und seltener Frauen, die Sonnabendfrüh und in der Woche mehrmals den Kindern Fußballspielen beibringen, ihre Schuhbänder entwirren, Streit schlichten, Tränen trocknen und Spielern hinterhertelefonieren, bekommen dieselbe Plörre wie die Eltern. Wenn sie vor lauter Mücken einfangen überhaupt zum Kaffeetrinken kommen. Sie machen das aus Freude. Aus Ehre. Man sollte sie ihnen erweisen. Auch wenn es mal nicht so läuft. Und auch frühmorgens am Wochenende.