Die Berliner waschen sich öfter die Hände.
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BerlinHändewaschen gilt als oberste Bürgerpflicht in diesen Zeiten – zusammen mit dem Abstand-Halten. Gegen Coronaviren empfiehlt nicht nur das Robert-Koch-Institut, sich regelmäßig die Hände zu waschen. Lieber einmal zu oft als zu wenig. Und auch länger. Kinder sollen dabei zwei Mal das Lied singen „Happy Birthday liebe Hände“ singen, damit der Waschgang nicht zu kurz ist.

Differenzierte Umsatzzahlen zur Seife hat die Branche noch nicht vorgelegt, aber die seit Wochen meist leeren Supermarktregale für Handwaschmittel belegten eine große Nachfrage.

Und eine aktuelle Umfrage des Industrieverbandes Körperpflege und Waschmittel ergab, dass 41 Prozent der Bundesbürger sagen, sie würden wegen des vielen Händewaschens nun mehr Zeit im Bad verbringen.

Doch wer öfter Hände wäscht, macht auch mehr Dreck: Gemeint ist das mit reichlich Seifenlauge angereicherte Abwasser, das in die Kanalisation fließt. Außerdem erzählen Hausmeister nun, dass es auch mehr Rohrverstopfungen gibt, weil einzelne Mieter sich die Hände nun auch zu Hause mit Papierhandtüchern oder Papier von den Küchenrollen abtrocknen.

Der Grund: Sie glauben, Coronaviren könnten sich in Stoffhandtüchern einnisten. Das Papier fliegt bei einigen dann auch in die Toilette. Da stellt sich die Frage: Sorgt das alles für Probleme in den sechs Klärwerken der Stadt Berlin?

Mikrofaserpapiere als Problem

Bei den Berliner Wasserbetrieben heißt es: Aufs Klo gehört nur der Po, und ins Klo gehört nur Klopapier. „Klassisches Klopapier löst sich auf dem Weg in die Kläranlagen im Abwasser praktisch auf“, sagt Stephan Natz, der Sprecher der Wasserbetriebe. Ganz wichtig: Alle festeren Papiersorten gehören in Mülleimer. „Für echte Probleme sorgt das feuchte Toilettenpapier und ähnliches“, betont Natz.

Aber Klopapier wird wegen Corona doch nicht häufiger benutzt, oder? „Das nicht, aber es gibt inzwischen eine Menge anderer dieser Mikrofaserpapiere“, so Natz. Gemeint sind Tücher mit Kunststoffen zum Händewaschen für unterwegs oder zum Desinfizieren. „Als am Anfang der Corona-Zeit viele Leute klassisches Klopapier gehamstert haben, und es ausverkauft war, haben auch viele zu Ersatzprodukten gegriffen.“

Das Problem: Solche Mikrofaserpapiere verbinden sich in den Abwasserkanälen zu großen langen Zöpfen, die sogar so dick wie Oberschenkel werden können. Diese können in den Kläranlagen sogar Pumpen blockieren.

Das Problem wird in kleinen Orten besonders offensichtlich. Das erzählt Roland Meinusch von der Wasserwirtschaftsgesellschaft im Brandenburgischen Treuenbrietzen. „Es gibt kleine Ortslagen mit 300 Einwohnern, wenn dort zu viele Leute Feuchttücher benutzen, gibt es schnell Verstopfungen.“ Das Abwasser werde von Pumpen angesaugt. Wenn dort am Ansaugstutzen ein festes Tuch hängenbleibt, dreht sich mit und es werden immer mehr. „An den Überwachungsanlagen sehen wir, dass dort mehr Strom gezogen wird und eine Verstopfung droht.“

Wenig Regen gut für Klärwerke

Und warum belastet das Mehr an Seife die Klärwerke nicht zusätzlich? „Mit Sicherheit waschen sich die Leute öfter die Hände“, meint Natz, „aber die Seifenreste stellen derzeit kein zusätzliches Problem dar.“ Denn es gab bislang mehrere sich überlagernde Effekte, die auch positive Auswirkungen hatten.

Neben dem vorhandenen Mehrverbrauch in den Privathaushalten fällt insgesamt weniger Abwasser an, weil viele Betriebe ihre Arbeit heruntergefahren haben. Außerdem ist der Tourismus praktisch auf Null gesunken.

Zugleich sind viele Leute nun zu Hause, räumen auch mehr auf, um die viele freie Zeit zu überbrücken und intensivieren den Frühjahrsputz. Entscheidend für die Wassermenge in den Klärwerken war aber der wenige Regen im April.

Das hängt folgendermaßen zusammen: Außerhalb des S-Bahn-Rings sind in Berlin Abwasser und Regenwasser getrennt – und nur das Abwasser fließt in die Klärwerke. Doch innerhalb des Rings wird das Abwasser der Berliner zusammen mit dem Regenwasser in die Reinigungsanlagen geleitet. Da es im April lang sehr trocken war, musste auch weniger Wasser gereinigt werden. „Die Trockenheit ist nicht gut für die Bäume der Stadt, aber gut für Klärwerke“, erläutert Natz.

Berlin schläft länger

  • Aufstehen: Es gibt keine Umfragen, die es belegen, aber die Berliner stehen in der Corona-Zeit später auf. Das zeigen Zahlen der Wasserbetriebe. Es wurde der „Morgen-Peak“ verglichen, also wann morgen die meisten duschen. An einem Februar-Donnerstag vor Corona war dies um 7.30 Uhr, im März gegen 9 Uhr.
  • Mozart für Mikroben: In der Kläranlage im brandenburgischen Treuenbrietzen wurde auch mit klassischer Musik experimentiert. Ab 2010  wurde über den Klärbecken Mozart vom Band abgespielt, um die Bakterien zu motivieren, mehr Dreck aus dem Abwasser zu „fressen“. Zwei Jahre lang fiel wirklich weniger Klärschlamm an.
  • Die Idee: Die Musik im Klärwerk lief noch bis 2015. Dann wurden die Boxen beim Umbau der Kläranlage abgebaut. Klassische Musik setzen auch manche Landwirte ein – in den allermeisten Fällen Mozart. Es werden Ställe beschallt, damit die Kühe mehr Milch geben oder die legendären Kobe-Rinder besseres Fleisch ansetzen.