Berlin - Der ungewöhnlich viele Schnee dieses Winters taut nun weg, aber es war lange bitterkalt. Da hat der Laie gleich ein beängstigendes Bild vor Augen: Die Massen an Schmelzwasser versickern nicht im gefrorenen Boden und überfluten die Kanalisation. Ein Gespräch mit Stephan Natz, dem Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, über das Verhältnis von schmelzendem Schnee und Sommergewittern sowie über Bakterien, die sich über das kalte Schmelzwasser ärgern.

Herr Natz, ist mit dem vielen Schmelzwasser eine Überlastung der Kanalisation zu befürchten?

Nein, denn grundsätzlich wirkt Schnee wie eine Isomatte, und unter dichtem Schnee ist der Boden meist gar nicht tief gefroren, wenn er es überhaupt ist.

Das heißt: Das Schmelzwasser fließt nicht ungenutzt in die Kanalisation und kommt tatsächlich den Pflanzen zugute nach drei Dürrejahren?

Ja, in weiten Teilen Berlins wird das Schmelzwasser einfach versickern. Berlin ist nun mal eine sehr grüne Stadt. Etwa ein Viertel ist bedeckt von großen Waldgebieten, von Parks und den ausgedehnte Grünflächen. Dort versickert das Wasser sehr zum Nutzen der Pflanzenwelt. Und auch in den meisten Einfamilienhaussiedlungen gibt es gar keine Regenwasserkanalisation, bestenfalls unter den Hauptstraßen. Dort profitiert die Natur ebenfalls.

Foto: Berliner Wasserbetriebe
Stephan Natz (56), Sprecher der Berliner Wasserbetriebe.

Wie viel Wasser bindet der Schnee eigentlich?

Schnee und Wasser sind ein großer Unterschied. Ich habe vorhin extra mal nachgemessen: Ich habe einen Zwölf-Liter-Eimer genommen und ihn mit Schnee aus dem Garten vollgestopft. Der war nicht frisch, sondern schon ganz schön verdichtet. Dann habe ich das Ganze auf dem Küchenherd aufgetaut – das Ergebnis: Aus 12 Litern Schnee wurden 4,5 Liter Wasser. Es ist also deutlich weniger geworden.

Aber gleichzeitig ist Berlin doch sehr groß. Kommt da nicht eine ganze Menge Schmelzwasser zusammen?

Berlin misst knapp 890 Quadratkilometer, etwa ein Zehntel sind Flüsse, Seen und Kanäle. Nur etwas mehr als die Hälfte sind Siedlungsfläche. Das klingt immer noch viel, aber wenn man den Schnee, so wie es üblich ist, auf die Niederschlagsmenge pro Quadratmeter umrechnet, ist das gar nicht mehr so viel. Bei mir im Garten liegen im Schatten neun Zentimeter Schnee. Wenn die Wassermenge etwa ein Drittel ist, kommen wir auf etwa 35 Liter Regen pro Quadratmeter. Das ist etwa so viel, wie bei einem richtig ordentlichen Sommergewitter auch schon mal innerhalb einer halben Stunde runterkommen kann. Es sind also keine extremen Wassermassen.

Und wie sieht es in der zubetonierten Innenstadt aus?

Innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings fließt das Schmelzwasser von den Dächern, Straßen und Fußwegen in die Mischkanalisation, da gibt es nur eine Kanalisation für alles. Aber es dauert ja auch mindestens zwei Tage, bis aller Schnee weg ist. Das ist kein Problem. Trotzdem: Eigentlich ist jeder Tropfen, der nicht in die Kanalisation kommt, ein guter Tropfen.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Graben am Berliner Klärwerk Wassmannsdorf.

Wie meinen Sie das?

Alles, was in die Kanalisation muss, fließt nach der Reinigung in ein Gewässer, bleibt also nicht hier in der Natur, ist verloren für die Verbesserung des Stadtklimas. Es versickert nicht und füllt nicht die Grundwasserspeicher. Das ist nicht gut nach drei trockenen Jahren.

Sorgt das Schmelzwasser für irgendwelche Probleme in den Klärwerken?

Gewisse Probleme sind durchaus zu erwarten. Aber die sind beherrschbar. Normalerweise hat das Abwasser, das über die Kanalisation in die Klärwerke fließ, im Winter eine Temperatur von 12 bis 13 Grad. Doch wenn es ganz plötzlich taut oder ein ordentlicher Regen auf kalten Boden fällt, sinkt die Abwassertemperatur.

Und wen stört das?

Die Mikroorganismen in den Klärwerken, also unsere wichtigsten Mitarbeiter dort. Die ärgern sich, denn sie verstoffwechseln den Schmutz im Wasser, vom Stickstoff bis zum Phosphat. Und diese Organismen lieben es nun mal, wenn bei der Arbeit gleichbleibende Bedingungen herrschen. Die Bakterien sind quasi auch nur Menschen: Wenn das Wasser kalt ist, verlangsamt sich ihr Stoffwechsel und damit auch die Leistung der Klärwerke. Aber das ist jedes Jahr so. Und wenn jetzt nicht massenhaft Regen fällt, ist das kein echtes Problem. Und Starkregen ist ja nicht angekündigt.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.