Eines der seltsamsten Häuser Berlins steht an einem idyllischen Hof in Kreuzberg: Der Nachbau des einst wegen seiner Dekors aus Ziegelsteinen und Terrakotta berühmten Feilner-Hauses in der Feilnerstraße. Es war nach den Plänen von Karl Friedrich Schinkel errichtet worden, im Krieg ausgebrannt und wurde dann 1962 abgeräumt.

Die neue, 1982 nach den Plänen des Luxemburgers Rob Krier entstandene Fassade am „Schinkelplatz“ aber ist vage klassizistisch verputzt. Dahinter befindet sich kein großbürgerliches Wohnhaus, sondern Sozialwohnungen.

Heute wäre ein derartiger Umgang mit der Erinnerung an Schinkel, den zum Mythos stilisierten Übervater der Berliner Architekturgeschichte, wohl ausgeschlossen. Aber gerade diese heitere Inanspruchnahme der Geschichte markiert den Beginn einer auch sozialpolitisch noch immer inspirierenden Wiederentdeckung der Innenstadt.

Postmoderne Neubewertung

Man kann es sich kaum noch vorstellen: Aber nach der Trümmerbeseitigung in den späten 1940ern war das, was man gemeinhin als „Südliche Friedrichstadt“ bezeichnet, Stadtrandlage des damaligen West-Berlin geworden. Neben einigen Wohnhäusern aus den 1950er-Jahren, dem goldenen Turm des Springer-Verlags und der kaum zugänglichen Blumengroßmarkthalle prägten Parkplätze, Lager- und Transportbetriebe den Raum.

Das änderte sich erst in Folge der postmodernen Neubewertung der alten Städte Europas und Amerikas, ihrer sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Dichte seit den späten 1960er-Jahren. Lewis Mumford, Leonardo Benevolo oder Aldo Rossi fochten gegen die Trennung des Wohnens vom Arbeiten und Leben, für die Renaissance der gemischten alten Städte.

Fehlende soziale Durchmischung

In Berlin war der erste Schritt zur Wiedergewinnung der südlichen Friedrichstadt der Bau des Viertels rund um den Mehringplatz, das zwischen 1968 und 1975 nach dem Generalplan von Werner Düttmann entstand. Hohe Wohnscheiben und zwei niedriger bebaute Ringe mit Wohnungen und Geschäften um den alten „Belle Alliance-Platz“, eine ruhige, grüne Wohnanlage.

Es war die fehlende soziale Durchmischung, die hier Probleme schuf, nicht die Architektur. Aber erstmals im Berlin der Nachkriegszeit wurde ein historischer Platz in der Grundform wiedergewonnen – als Teil des sozialen Wohnungsbaus.

Ein Viertel aus drei Teilen

Diese Vorgeschichte muss man im Hinterkopf haben, um die Neubauten, die in den späten 1970ern und mittleren 1980ern an der Ritterstraße entstanden, einzuordnen. Das Viertel besteht im Wesentlichen aus drei Teilen: Dem Wohnpark am Berlin-Museum, in dem etwa der später zu großem Ruhm aufgestiegene Architekt Hans Kollhoff mit Arthur Ovaska den langen, zum Park des Jüdischen Museums gerichteten Riegel an der Brandwand der einstigen Victoria-Versicherung plante. Unverkennbar ist das niederländische Vorbild.

Nördlich der Ritterstraße rund um den neuen „Schinkelplatz“ übernahm Rob Krier die Gesamtplanung, hier prägen viergeschossige, um luftige Höfe angelegte Bauten die Stadt. Und südlich der Ritterstraße entstanden, schon im Vorlauf zur West-Berliner Internationalen Bauausstellung noch stärker von postmoderner Vielfalt geprägte Bauten, etwa von Kriers, Hielschers und Mügges.

Vor allem ein sozialer Wohnungsbau

Immer noch ist dies Viertel, gerade in seiner postmodernen Vielfalt, topaktuell: Verglichen mit jüngeren Investorenbauten, die jeden Quadratzentimeter eines Grundstücks ausnutzen, wird viel Licht, Luft, Grün und Sonne in die Häuser gelassen. Die Grundrisse sind oft vorzüglich effizient.

Die Idee der 1990er, durch blanke Platzverschwendung Nutzungsflexibilität herzustellen, konnte im engen und ziemlich armen West-Berlin kaum reüssieren. Es ist aber vor allem ein sozialer Wohnungsbau gewesen, der nicht in den Fehler der ökonomisierenden Superstandardisierung verfiel, der derzeit wieder gemacht wird.