Berlin - Berliner Schüler sollen an ihren Schulen künftig nicht mehr nach ihrer Herkunft erfasst werden. Das fordern Politiker und Eltern. Bisher müssen Eltern auf dem Schulanmeldungsbogen angeben, was für eine Sprache ihr Kind vornehmlich zu Hause spricht. Häufig geben Eltern dann Türkisch, Arabisch oder Polnisch an. Ein solches Kind ist dann nichtdeutscher Herkunftssprache, schulbürokratisch abgekürzt ndH.

Überprüft wird die Richtigkeit der Angaben nur sporadisch von den Schulsekretärinnen. Sind mehr als 40 Prozent solcher Kinder vertreten, erhält eine Klasse erheblich mehr Lehrerstunden. Berlinweit sind es um die 500 Lehrerstellen, was mehr als 30 Millionen Euro jährlich kostet. Dadurch entsteht in vielen Berliner Schulklassen eine paradoxe Situation: Fast alle Kinder in einer Klasse haben einen deutschen Pass, dennoch beträgt der Anteil der Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache nahezu 100 Prozent.

Soziale Benachteilung

Nun gibt es die Überlegung, all das Geld dafür zu verwenden, allein die soziale Benachteiligung eines Schülers zu messen und durch zusätzliche Lehrerstunden auszugleichen. „Es geht hier in erster Linie um ein Unterschichten-Problem“, sagte Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu. Wenn Eltern zu Hause keine Bücher hätten, seien die Kinder benachteiligt und könnten schlechter lesen.

Das betreffe urdeutsche Eltern genauso wie türkischstämmige. Tatsächlich hapert es auch bei vielen deutschstämmigen Kindern an der Lesekompetenz. „Die bisherige Erfassung nach nichtdeutscher Herkunftssprache greift zu kurz, in vielen Migrantenfamilien der dritten Generation wird sehr wohl Deutsch gesprochen“, sagte auch Ilkin Özisik, schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.

Seit 2008 wird immerhin neben der Herkunftssprache auch erfasst, ob die Familie eines Schülers von der Lernmittelzuzahlung befreit ist, also Sozialhilfen bezieht. Auch dafür gibt es zusätzliche Lehrerstunden in ähnlicher Größenordnung. Ein solches Kriterium könnte aber noch wesentlich stärker gewichtet werden, meinen Experten.

Inge Hirschmann vom Grundschulverband verweist auf Hamburg, wo der soziale Hintergrund eines Schülers detaillierter erfasst werde als in Berlin. Günter Peiritsch vom Landeselternausschuss fordert, die bisherige Praxis wissenschaftlich prüfen zu lassen.

Quote wird auf Homepage veröffentlicht

Ausgelöst wurde die Debatte durch die Kreuzberger Lenau-Grundschule. Dort hatte die Schulleiterin Erstklässler nichtdeutscher Herkunftssprache, aber mit deutschen Pass in einer Klasse gesammelt.

In einer anderen Klasse waren nur Kinder zu finden, die bei der Anmeldung als deutschsprachig erfasst worden waren. Dabei hatten auch deren Eltern nicht selten einen Migrationshintergrund. Nach Protesten widerrief die Schulleiterin ihre Entscheidung. „Wir sollten aufhören von Deutschen und Ausländern zu sprechen“, sagte Elternvertreterin Barbara Hauer.

Es gibt ein weiteres Problem mit der Erfassung. Die ndH-Quote einer Schule wird auf der Homepage der Senatsverwaltung veröffentlicht. Bildungsorientierte Eltern schauen sich dies im Internet an und meiden dann oft diese Schulen. „Dadurch werden Schulen stigmatisiert“, sagte Grünen-Politiker Mutlu.

Auch die Bildungsverwaltung hat das Problem erkannt. Staatssekretär Mark Rackles (SPD) habe das auf seiner Agenda, hieß es. Schulleiter fürchten, dass es am Ende zu Mittelkürzungen kommen könnte. Denn die Schulverwaltung braucht Geld, damit behinderte Schüler den Unterricht an regulären Schulen besuchen können.