Eine neue Sozialstudie zeigt, dass sich in einigen Berliner Stadtteilen die soziale Lage verbessert, während sie sich in anderen immer weiter verschlimmert. Wir haben einen Ab- und einen Aufsteiger porträtiert.

Der Absteiger: Paul-Hertz-Siedlung

Das hier war die Vorzeigesiedlung. Was ist bloß daraus geworden?“ , sagt Else, eine Rentnerin, die seit 1962 hier in der Charlottenburger Paul-Hertz-Siedlung wohnt. Dass ihr Kiez im aktuellen Armutsbericht als einer der gravierenden Absteiger aufscheint, wundert die 80-Jährige wenig. Ihr Nachname soll nicht in der Zeitung stehen. „In den letzten Jahren wurde hier alles schlechter“, sagt sie resigniert. Sie habe keine Ahnung warum, aber die Nachbarschaft habe sich verändert. „Als wir 1962 als Erste hier einzogen, gab es hier guten Mittelstand. Beamte, Architekten. “ Das hat sich geändert. Nicht nur in dem sechsstöckigen Mehrparteienhaus, in dem sie lebt. Nur noch drei von 16 Parteien sind „Alteingesessene“.

Das trifft scheinbar auf viele der Wohnblöcke zu. In der Paul-Hertz-Siedlung leben rund 7 600 Menschen. 12,7 Prozent davon waren 2014 arbeitslos, knapp fünf Prozent sogar langzeitarbeitslos. Alarmierend auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 15, die von Sozialleistungen lebt: 55,9 Prozent. Dass es so schlimm ist, hätte die Rentnerin nicht gedacht.

Müll ist eines der großen Streitthemen

Auch Jennifer König (21) ist überrascht von der hohen Arbeitslosigkeit in ihrer Siedlung. Sie selbst kümmert sich derzeit um Sohn Damon (9 Monate) und Tochter Avelynn (3) – und hat eine Ausbildung zur Gärtnerin in Aussicht. Aufstocken müsse sie aber nicht: „Mein Mann arbeitet für Vater Staat.“ Anders als die Langzeitbewohner hat Jennifer König an ihrer Umgebung wenig auszusetzen. „Es ist schön grün hier – und ruhig.“ Außerdem sei die Miete niedrig. 624 Euro warm für drei Zimmer, mit Wohnberechtigungsschein. Den braucht man in der Hertz-Siedlung für viele Wohnungen.

Bei vielen Alten ist eine Art Resignation spürbar. „Viele sind gestorben. Die Kinder sind weggezogen“, heißt es oft. Mit den neuen Mietern gibt es vor allem ein Streitthema: Müll. Das wundert auf den ersten Blick, denn die Straßen sind nicht dreckiger als sonst wo. Aber die Müllplätze. Die Neuen würden den Müll nicht trennen, alles versauen, heißt es. Der Vermieter Gewobag versucht gegenzusteuern, mit Info-Tafeln in Türkisch, Russisch, Polnisch.

Ansonsten würde nichts gemacht, hört man überall. Das sieht man bei der Gewobag anders. „Wir sind seit vielen Jahren sehr engagiert in der Paul-Hertz-Siedlung. Vor allem fördern und unterstützen wir gute Nachbarschaften“, sagt eine Gewobag-Sprecherin.

Als konkrete Beispiele nennt sie den Mieterbeirat vor Ort, Unterstützung für den Nachbarschaftstreff der AWO, aktive Zusammenarbeit mit dem Stadtteilzentrum und dem angrenzenden Jugendclub. Warum die Hertz-Siedlung gerade jetzt sozial so abgestürzt ist, dafür hat auch die Gewobag keine Erklärung. Das Quartier sei nachgefragt bei allen Bevölkerungsgruppen. Es kämen junge Familien, Singles, und viele alte Menschen leben dort. „Problematisch ist die Gegend weniger wegen einer schwierigen Mieterschaft, sondern wegen des Umfeldes. Der Jakob-Kaiser-Platz zum Beispiel ist leider durch Drogenhandel belastet“, so die Gewobag-Sprecherin. Außerdem verweist man auf die Nachbarschaft: Häuser, die früher der GSW gehörten und an „Heuschrecken“ verscherbelt worden seien. „Und die haben an guter Nachbarschaft kein Interesse.“

Von der Umgebung abgeschnitten

Allerdings fällt beim Besuch auf, dass die Hertz-Siedlung wie eine Insel von der Umgebung abgeschnitten ist, durch viele große, laute Straßen. Im Norden der Heckerdamm, im Westen und Süden die Stadtautobahn und der Kurt-Schumacher-Damm. Nur im Osten ist es anders, dort bilden Kleingartensiedlungen die Grenze. Richtiges Kiez-Leben gibt es nicht, und auch das Einkaufsangebot ist sehr beschränkt. Es gibt einen Supermarkt, eine Bäckerei und eine Kneipe – den „Brinks Treff“. Dort sitzt Uwe Wollscheid (37) am Tresen. Es ist 11.45 Uhr, im Hintergrund blinken zwei Spielautomaten. Wollscheid hat keine Arbeit. Seine Miete steigt, sagt er. 1998 waren es 420 Euro warm, jetzt seien es 456 Euro. Wollscheid ist sauer. Auf die Polen und Russen, die in den letzten Jahren „extrem hierher gekommen sind“. Jeder Deutsche hier kämpfe ums Überleben. Am Tresen wird ihm beigepflichtet. Man arbeite, doch es reiche nicht, sie müssten aufstocken. „Das geht doch nicht!“ Dass es noch einmal besser wird, glaubt hier keiner.