Rad in Amsterdam. 
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AmsterdamSeit einem guten Dreivierteljahr schreibe ich an dieser Stelle nun schon aus Amsterdam diese Kolumne über alles, was ich an Holland seltsam finde (das ist zumindest die Arbeitshypothese, die ich im Kopf habe). Und um ein Thema habe ich bislang einen großen Bogen gemacht, obwohl es so naheliegend ist: das Fahrradfahren. Wobei ich sagen muss, so besonders seltsam finde ich Fahrradfahren eigentlich gar nicht, ich tue es bloß selbst nicht. Seltsam finde ich dann aber, mit welch missionarischem Eifer all meine niederländischen Freunde mich davon überzeugen wollen, der U-Bahn und Tram die Treue zu brechen und mir endlich ein ordentliches Fiets zuzulegen, so heißen Fahrräder hier. „Respektiert unsere kulturellen Unterschiede“, fordere ich sie dann auf. „Integration ja, Assimilation nein!“ Es ist ja nicht unbedingt verrückt, dass in einem Land ohne Automobilindustrie und -lobby das Fahrrad das bessere Statussymbol ist. Selbst Premier Mark Rutte lässt sich regelmäßig dabei filmen, wie er zu Parlamentssitzungen im Haager Binnenhof radelt.

Es stimmt auch gar nicht, dass fietsen mir so kulturfremd sei: 18 Jahre lang habe ich bei und in Oldenburg gelebt, das seit Anfang Juni den Titel der fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands (und den der zweitfreundlichsten Europas, hinter Utrecht) trägt. Zu Recht, die Oldenburger sind Virtuosen auf zwei Rädern: Eine damalige Freundin hat mal einen gesamten Umzug in Oldenburg auf ihrem Fahrrad bewerkstelligt. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie freihändig radfahrend ein paar Jahre später zum Beispiel ihre eigenen Drillinge per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hätte.

So eine oftmals humorlose Liebe für das Fahrrad, wie sie all die Werbeagenturmenschen und Kulturschaffenden ausleben, die üblicherweise in denselben Stadtvierteln wohnen wie ich und bei jeder Critical-Mass-Fahrraddemo am Start sind, hätte vielleicht auch zu mir gepasst. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich habe den Wert der Tram erst richtig zu schätzen gelernt, als ich in Rotterdam auf dem Weg zur Arbeit bei einem Fahrradunfall mal fast meine Schneidezähne verloren hätte. Mich würde es  auch stören, als Radler sommers wie winters überall durchgeschwitzt anzukommen. Um dann aber, noch köchelnd im eigenen Sud, jedem anwesenden ÖPNV-Nutzer vorzuwerfen, dass er sich ebenso gut zweimal täglich in eine Wanne warmer Fäkalien setzen könnte, wenn er mit dem Plebs die U-Bahn teile. Auch eine Schwebetanz-Veranstaltung ansteckender Grippe- und Corona-Aerosole vermute ich eher in den schnoddrigen und schwer atmenden Radfahrerkolonnen auf den Amsterdamer Ausfallstraßen als in meinem leeren U-Bahnabteil mit selbst öffnenden Türen. Aber was weiß ich schon.

Dass aber auch eine spät entdeckte Liebe zum Fahrrad heiß und innig sein kann, beweist in diesen Tagen Berlin, dessen Pop-up-Radwege – hier in Holland nennt man sie übrigens schlicht „Wege“ – sogar in den hiesigen Nachrichten für Furore sorgen, zumindest wenn man eine Meldung auf verkeersnet.nl als Furore durchgehen lässt. In die zehn eigentlich provisorischen Streckenabschnitte haben sich die Berlinerinnen so Hals über Kopf verliebt, dass die „Uffpopp-Radwege“ (ich nehme an, dass sie im Volksmund nun so heißen, denn was der Berliner liebt, benennt er um) nun dauerhaft den Berliner Stadtplan entschleunigen sollen. Wenn ich mal wieder in Berlin bin, schaue ich mir die fahrradfreundliche Skalitzer Straße dann auch mal an, versprochen – aus der vorbeifahrenden U1.