Da, wo am Tag zuvor Studenten mit Bier in der Hand ein Buch lasen und Rentner ihren Kaffee schlürften, da ist jetzt – nichts. Noch am Donnerstag standen vor Semra Görgülüs Spätkauf auf der Skalitzer Straße Tische und Stühle, auf denen die Kreuzberger in Blickweite des Görlitzer Bahnhofs die Abendsonne genossen.

Am Abend hat die Besitzerin des From Dusk Till Dawn zum letzten Mal ihre Außenmöbel im Lager verstaut. Am Freitagmorgen ist nicht nur die Sonne weg, sondern auch die Möbel sind verschwunden. Das Ordnungsamt hat der 53-Jährigen die Erlaubnis entzogen, Tische und Bänke vor dem beliebten Späti aufzustellen. Der Grund: Unfallgefahr.

Beliebter Treffpunkt

Der Abschnitt der Skalitzer Straße, an dem Görgülüs Laden liegt, ist ein Fußgänger-Hotspot. Vor allem am Wochenende schieben sich hier die partywilligen Touristen in Massen den Bürgersteig entlang. Die Sitzgarnituren des Spätis machen den Gehweg schmal. Das allein wäre noch kein Problem.

Es ist der an den Bürgersteig angrenzende Fahrradweg, der den Abschnitt der Skalitzer Straße zwischen Manteuffelstraße und Lausitzer Platz gefährlich macht. Denn wenn kein Platz mehr auf dem Gehsteig ist, müssen die Fußgänger auf die Fahrradspur ausweichen. Das ist laut Ordnungsamt zu gefährlich – und deshalb müssen Görgülü und auch die benachbarten Restaurants auf Tische und Bänke vor ihren Läden verzichten.

Für die Kleinunternehmerin ist die Entscheidung des Ordnungsamts eine wirtschaftliche Katastrophe. Sie rechnet mit Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent. Denn das From Dusk Till Dawn lebt nicht nur von der Laufkundschaft, sondern vor allem auch von denen, die einen Ort zum Verweilen suchen. Dafür braucht es Sitzgelegenheiten. Görgülü, die jeden duzt, ist in Kreuzberg aufgewachsen und kennt ihre Stammkunden alle persönlich. Abends sei es häufig so voll, dass man sich vor und im Laden kaum bewegen könne. „Das Draußensitzen ist ein Stück Kreuzberger Kiezkultur“, sagt die Späti-Besitzerin.

Ein Stück Kiezkultur, das sich die Kunden des From Dusk Till Dawn nicht nehmen lassen wollen. Ein treuer Stammgast hat eine Petition aufgesetzt. Mehr als 500 Kiezbewohner haben bereits für Semra Görgülüs Recht unterschrieben, weiter Sitzmöbel vor ihrem Spätkauf aufstellen zu dürfen. Die Unterschriften will die Deutsch-Türkin der Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann (Die Grünen) übergeben. Einen Termin dafür gibt es aber noch nicht.

Wenige Meter vom From Dusk Till Dawn entfernt hat Türkan Köse einen anderen Weg eingeschlagen. Die Besitzerin des Yeni Adana Grillhauses darf ebenfalls keine Sitzmöbel rausstellen. Im Gegensatz zu Görgülü will sie die Auflagen des Ordnungsamts aber nicht umsetzen und hat einen Anwalt eingeschaltet. Auch sie sieht sich in ihrer Existenz gefährdet.

„Wenn es im Sommer heiß ist, wollen die Leute draußen sitzen“, sagt die 53-Jährige. „Wenn wir ihnen das nicht ermöglichen, gehen die einfach woanders hin.“ Auch sie rechnet mit schwerwiegenden Umsatzeinbußen. „Wenn wir wirklich keine Tische mehr draußen aufstellen dürfen, kann ich in drei Monaten meine Angestellten nicht mehr bezahlen.“

Lösung möglich

Der für das Ordnungsamt zuständige Kreuzberger Stadtrat Peter Beckers zeigt für die Probleme der Geschäftsleute Verständnis. „Ich weiß, das ist bitter für die Gewerbetreibenden, aber das Gefahrenpotenzial ist einfach zu groß“, begründet er das Verbot. Bei der jetzigen Verkehrsführung auf der Skalitzer Straße sieht Beckers keine Möglichkeit für die Ladeninhaber, eine Genehmigung zum Aufstellen der Sitzmöbel zu erhalten. Doch könnte es irgendwann eine andere Lösung geben.

Der Stadtrat will sich an die zuständige Verkehrslenkung wenden, um auszuloten, ob man den Fahrradweg nicht auf die Fahrbahn verlegen könnte. Einen Zeitplan dafür gibt es aber nicht. Bis dahin wird es bei Semra Görgülü das Bier nur noch zum Mitnehmen geben.