Berlin - Die Gerichtsentscheidung zur verpflichtenden Sonntagsschließung für sogenannte Späti-Läden sorgt vor allem in Berlin für Ängste. Auch wenn Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) inzwischen Unterstützung ankündigte. In keiner anderen Stadt gibt es eine solche Dichte und Vielfalt der Anbieter, die meist Familienbetriebe sind. Wie der von Hüseyin Aslan im Berliner Stadtteil Adlershof.

„Der Sonntag ist für mein Geschäft lebenswichtig. Ohne würde es sich nicht lohnen“, sagt Aslan. Der 45 Jahre alte Familienvater lebt seit 24 Jahren in Deutschland. Er stammt aus Erzurum in der Osttürkei, wo er zunächst Koch lernte. Später arbeitete er sich peu à peu in das Gastronomiegewerbe ein und brachte es vor fünf Jahren zum Eigentümer des etwa 70 Quadratmeter großen Ladens. Verwandte führen ein ähnliches Geschäft direkt am Mehringdamm in Kreuzberg.

Ein ungewöhnlicher Stadtteil

Der Späti in Adlershof liegt strategisch günstig. Genau vor der Haustür verläuft das Adlergestell - eine „Einflugschneise“ von der Autobahn A113 über Treptow zur City-Ost. In der Gegenrichtung wird die Magistrale von Pendlern genutzt, die zum Beispiel nach Grünau wollen. Gegenüber befindet sich die S-Bahn-Trasse mit einem Halt.

Die Trasse teilt einen ungewöhnlichen Stadtteil: Auf einer Seite befindet sich der größte Wissenschafts- und Technologiepark Deutschlands. Zu DDR-Zeiten machte dort Angela Merkel an der Akademie der Wissenschaften ihre ersten beruflichen Schritte. Heute sitzen auf dem Areal elf außeruniversitäre Forschungsinstitute. Tausende Studenten der Humboldt-Universität kommen hier vorbei. Nebenan befindet sich der größte Medienstandort Berlins.

Feste Öffnungszeiten ohne Ausnahme

Auf der anderen Bahnseite finden sich typische Kiezstrukturen. Die soziale Mischung ist noch intakt. Auch baulich herrscht Abwechslung: Alte Klinkerbauten stehen neben Mietskasernen aus der Gründerzeit, ostdeutsche Genossenschaftsbauten und denkmalgerecht sanierte Häuser aus der Bauhaus-Zeit bilden Karrees. Es gibt ein Studiokino. Die Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983) hat mal um die Ecke gelebt. Ihre Wohnung ist heute ein Museum.

Beide Hälften des Stadtteils sind Einzugsgebiet für Aslan. „Aber ich muss die gesamte Woche aufhaben, rund um die Uhr. Nur nachts machen wir zwei Stunden lang sauber.“ Feste Öffnungszeiten ohne Ausnahme sind zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Sie böten den Kunden Berechenbarkeit, sagt Aslan.

Drei Läden in einem

Dem Türken zur Seite steht unter anderen der neunjährige Banan. Obwohl er natürlich noch nicht arbeiten darf, geht er seinem Vater täglich zur Hand, füllt Regale auf, wischt Tische ab. Zu tun ist meistens genug. Denn Aslans Späti ist eigentlich ein Drei-in-eins-Laden. Im Mittelpunkt befindet sich die Bäckerei, die für ständig frische Brötchen sorgt. Die türkischen Backwaren sind mit dem reichhaltigen Angebot deutscher Bäcker zwar nicht vergleichbar, gehen aber gerade am Wochenende weg wie „warme Semmeln“, weil sie billig sind. Daneben ein kleines Bistro. Es gibt Kaffee, Würstchen und Bier. An Tischen - auch vor der Tür - sitzen Leute beim Schwatz.
Und dann jene Abteilung, die einen Späti erst zu dem macht, was er ist: der Mini-Supermarkt. Vom Toastbrot über die Butter bis zur Fischkonserve gibt es alles. Auch Knabberzeug und Telefonkarten sind im Angebot. Vor allem aber gibt es eine große Auswahl an Bier und Wein. Denn ein echter Späti ist auch eine soziale Einrichtung. Hier her kommen einsame Seelen oder auch Menschen, die noch einen Absacker mit nach Hause nehmen. Ein paar Spielautomaten gibt es auch.

Entlassungen drohen bei Sonntagsschließung

Den kleinen Banan nicht mitgezählt bietet Hüseyin Aslan fünf Leuten einen Arbeitsplatz. „Wenn das Gesetz zur Sonntagsschließung durchkäme, wären einige davon arbeitslos. Will der deutsche Staat das?“, fragt er. Darüber hinaus fürchtet Aslan Einbrüche, müsste er einen ganzen Tag schließen, das Geschäft hat große Glasfronten.
Auch Banan will, dass der Laden sonntags aufbleibt. Er ist so etwas wie sein Spielplatz und zweites Zuhause. Später möchte er den Späti einmal übernehmen - aber nur, wenn sein Vater sich einen anderen Laden suche. (dapd)