Eine schmale Straße am Stadtrand von Berlin führt zu einem Ort, an dem Menschen verschwinden. Links dürre Birken, rechts reihen sich Gartenparzellen mit Sträuchern und Tannen auf, statt eines Gehsteigs nur ein sandiger Pfad. In die Jahre gekommene Straßenlaternen beleuchten abends die Abgeschiedenheit an der Grenze zum Spandauer Forst.

Zwischen einem Mischwäldchen zeichnen sich kantige Gebäude ab. In einem davon liegt Susanne Bertram* im zweiten Stockwerk in ihrem Einzelzimmer mit hellbraunem Holzbett. Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Nach einer zwölfjährigen Irrfahrt gestrandet in der Abteilung für geistig Behinderte, in einem Pflegeheim für Alte und Demente.

Susanne Bertram ist 44 Jahre alt. Und glaubt man einem Gutachten der Charité, ist sie auch nicht geistig behindert. Trotzdem unterstützt der Sozialpsychiatrische Dienst (SpD) in Spandau die geschlossene Unterbringung in der Abteilung für geistig Behinderte. Seit fünf Jahren lebt Susanne Bertram hier, harrt in der falschen Abteilung und der falschen Einrichtung aus.

Denn junge und förderwürdige psychisch Kranke gehören nicht in das System der Pflege, sondern in das der Wiedereingliederung. Hier gelten andere Stellenschlüssel und andere Ziele. Hier geht es darum, Menschen Teilhabe zu ermöglichen, damit sie aktiv bleiben. Susanne Bertram aber liegt vorwiegend. Sie ist bettlägerig. Mit 44 Jahren.

Er starrt ins Leere

Senatoren und Bezirksräte kennen den Fall. Sie schauen weg. Sie tragen aktiv mit ihren Behörden dazu bei, Susanne Bertram in der Abteilung für geistig Behinderte festzuhalten − und gefährden dabei ihr Leben.

Ein Pfeil weist zum Empfang. Die Tür öffnet mit einem Surren. Ein Vorraum mit geflochtenem Tisch und Stühlen. Das Pflegeheim erinnert an ein Krankenhaus. Ein öffentlicher Aushang informiert über die Seniorenvertretung. Ein Anruf: „Sagt Ihr mal der Susanne Bescheid?“

Sie trägt ein tiefblaues Sweatshirt und eine schwarze Jogginghose. Im Treppenhaus hallen Schreie. In der Demenz-Station im ersten Stock sitzt ein älterer Herr im gefliesten Vorraum in Unterhose auf einem Sofa und hält sich an den Griffen seines Rollators fest.

Er starrt ins Leere. Zweite Etage. Zwei geistig behinderte Frauen sitzen im Foyer auf einer hellen Kunstledercouch. Einen Gang entlang, in dem sich ein Mann in einem Rollstuhl verkrümmt, an dem ein Tablett befestigt ist. An der Wand steht: „Nehmt uns so, wie wir sind.“ Da hängt auch ein Foto von Susanne Bertram. In der Pflegestation für geistig Behinderte.

Gemalte und ausgeschnittene Papierschmetterlinge an der Wand ihres Zimmers. Ein kleiner Schreibtisch, eine Vitrine. Susanne lässt sich auf das Bett fallen, streift die Schuhe mit den Füßen ab.

Wie geht es Ihnen?

„Weiß nicht.“

Möchten Sie wieder raus?

„Ich möchte raus, ich möchte wieder laufen können.“

Auf dem Fensterbrett steht eine Grünpflanze, das Fenster im Flur ist geöffnet. Susannes Mutter schrieb viele Briefe deswegen, seit Jahren. Sie fürchtet, ihre Tochter könnte aus dem Fenster springen.

Alte und Demente brauchen andere Sicherheitsvorkehrungen. Der Systemfehler einer geschlossenen Unterbringung von jüngeren psychisch Kranken in einem Pflegeheim wird hier deutlich.

Der Fall Bertram beleuchtet ein schattiges Berliner Biotop der sozialen Hilfe. Ärzte, Sozialpsychiatrischer Dienst und Heimbetreibern entscheiden intransparent. Persönliche Beziehungen spielen eine Rolle.

Üblicherweise überwachen so genannte Steuerungsgremien die Hilfeplanung und Wiedereingliederung. Vertreter der Bezirke arbeiten hier mit den Trägern und den Sozialpsychiatrischen Diensten daran, eine angemessene Behandlung zu gewährleisten.

Pflegeheime als Geschäftsideen

Doch nicht immer. Denn es existiert ein grauer Markt für Menschen wie Susanne Bertram. Sein Mechanismus greift, wenn Richter eine geschlossene Unterbringung nach § 1906 BGB anordnen. Wer so einen Beschluss erhält, kann nicht mehr selbst entscheiden. Familienangehörige bestimmen nun, oder: Berufsbetreuer wie bei Susanne Bertram.

Ärzte in Kliniken, Berufsbetreuer und Heimbetreiber manövrieren diese Menschen an den vorgesehenen „Steuerungsgremien“ vorbei in das System der Pflege. Nicht in Einzelfällen, sondern systematisch. Und auf diesem Weg verschwinden diese Menschen auch aus der Statistik.

In Berlin weiß heute keine öffentliche Stelle, wie viele dieser schwer Kranken in Pflegeheimen wohnen. Niemand weiß, wie lange sie dort geschlossen untergebracht bleiben. In Berlin existiert überhaupt keine Einrichtung der Wiedereingliederung, die psychisch Kranke mit Unterbringungsbeschluss nach § 1906 unterbringen könnte.

Auf dem Markt der geschlossenen Unterbringung gibt es deswegen keine Wohnheime, sondern nur Pflegeheime. Anbieter werben mit besonders „geschützten Bereichen“ und erarbeiten daraus Konzepte als Geschäftsidee. Doch in der Pflege gelten weiter niedrigere Qualifikationen, andere Stellenschlüssel und Kostenträger.