Berlin - Es ist kurz nach halb zehn an einem Mittwochmorgen, und es geht um die Frage, ob es „dir“ heißen muss oder „dich“. Um Dativ oder Akkusativ. „Ich wollte dir anrufen. Gibt es da nicht ein Problem? “, fragt der Lehrer. „Dich“, sagt der Schüler mit dunklen Locken ganz vorne rechts. Er ist 28 und heißt Francisco Ruiz Bravo. Ein Spanier aus Malaga. Malaga liegt in Andalusien, an der Costa del Sol. Die Stadt ist seit jeher ein Anziehungspunkt für Touristen.

Selbst im November scheint hier noch die Sonne, doch Francisco Ruiz Bravo ist gerade, zusammen mit seiner Freundin Patricia, in das Land mit den trüben Wintertagen gezogen. Seit vier Monaten sind die beiden hier. „In Spanien gibt es keine Arbeit“, sagt Francisco Ruiz Bravo. Die Arbeitslosenrate liegt bei 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 45 Prozent.

Francisco Ruiz Bravo ist einer von vielen jungen Leuten, die die Krise aus ihren Ländern vertrieben hat. Sie kommen aus Spanien, aus Italien und Griechenland, und es werden immer mehr. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind fast 80 Prozent mehr Griechen gekommen und 53 Prozent mehr Spanier als im zweiten Halbjahr 2011.

Zuerst zum Deutschkurs

Carolina Proano Wexmann spürt diesen Anstieg. Sie betreibt die Webseite „Berlinenespanol“, Berlin auf Spanisch, die sich an Spanier richtet, die gerade nach Berlin gezogen sind oder vorhaben, das zu tun. Ihnen wird erklärt, wie man sich seinen spanischen Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lässt oder was man gegen die Winterdepression tun kann. Ein Eintrag beschäftigt sich mit Mülltrennung. Eine Flasche in die falschen Mülltonne zu werfen, kann deine Nachbarn verärgern, heißt es dort. Ein anderer hat den Titel „El Anmeldung“. Ihre Website werde viermal so oft aufgerufen wie noch vor einem halben Jahr, sagt Carolina Proano Wexmann. Rund 15 000 Aufrufe hat sie allein in diesem Monat gehabt. Viele der E-Mail-Anzeigen auf der Seite haben den gleichen Inhalt: „Busco trabajo, busco habitacion – suche Arbeit, suche ein Zimmer. „ Und sehr oft steht noch ein Wort dabei. „Urgentemente – dringend.“ „Ja, die Verzweiflung wächst“, sagt Carolina Proano Wexmann.

Francisco Ruiz Bravo hat Maschinenbau studiert. Seit zwei Jahren ist er fertig und hat in Spanien als Nachhilfelehrer für Mathematik und Physik gearbeitet. „Aber dafür habe ich nicht studiert“, sagt er. Wenn es gut lief mit der Nachhilfe, hat er 600 Euro im Monat verdient. Aber manchmal war es auch fast gar nichts. An eine eigene Wohnung war nicht zu denken. Bis zu dem Julitag, an dem er in das Flugzeug nach Berlin stieg, hat er in seinem Kinderzimmer bei den Eltern gelebt, genau wie seine Freundin.

Nun wohnen die beiden zur Untermiete in Friedenau. Warum Berlin? „Weil es billig ist“, sagen sie. Sie teilen sich ein möbliertes Zimmer, das ihnen die Sprachschule vermittelt hat. An einer Wand hängen Fotos von den Freunden in Malaga. Über einen kleinen Schrank haben sie die blauweiß gestreifte Fahne des FC Malaga gehängt. Sie war ein Abschiedsgeschenk von Franciscos Familie. Alle haben darauf unterschrieben.

An sich selbst denken

Francisco Ruiz Bravo sagt, er finde es verrückt, dass Spanien gut ausgebildete Leute wie ihn gehen lässt. „Das Land verliert das Geld, das es in uns investiert hat.“ Aber er muss an sich denken. In Deutschland hatte er schon zwei Vorstellungsgespräche, eins in Görlitz und eins in Stuttgart. Er bekam Absagen, aber wenn er das erzählt, klingt es wie eine Erfolgsgeschichte. Zwei Vorstellungsgespräche! „In Spanien hatte ich zwei Jahre lang kein einziges.“ Und sie haben ihm gesagt, dass es hätte klappen können mit einer Anstellung, wenn sein Deutsch besser wäre. Deshalb kommt Francisco Ruiz Bravo an vier Tagen der Woche, von neun bis zwölf, in die kleine Sprachschule am Alexanderplatz, die es erst seit vier Monaten gibt, die aber von zwei Klassenzimmern schon auf fünf aufgestockt hat, weil die Nachfrage nach Deutschkursen so groß ist.

Zwei Kilometern entfernt vom Alexanderplatz, in der Revaler Straße in Friedrichshain, sitzt Borga Betancourt. Er arbeitet bei 9flats, einem Start-up, das Privatzimmer in der ganzen Welt an Touristen vermittelt. Im Flur stehen zwei Rennräder, ein paar leere Pappkartons, im Gemeinschaftsraum gibt es einen Kühlschrank und Tischfußball. Borga Betancourt ist groß, er hat einen Vollbart, sein dunkelblondes Haar trägt er aus der Stirn gegelt. Er spricht schnell und er lächelt oft.

Borja Betancourt kommt aus Gran Canaria, einer der kanarischen Inseln. Er öffnet eine Tür und zeigt auf die vier Leute, die vor ihren Bildschirmen sitzen. „Mein Team.“ Sie kommen aus Italien, Australien oder Frankreich. Und keiner sieht aus, als sei er über 30. Borja Betancourt spricht sehr gut Deutsch, auch wenn er es für seine Arbeit kaum braucht. Er ist für die Kunden aus Spanien und Südamerika zuständig. Drei Jahre ist er schon in Berlin, davor war er als Erasmus-Student in Leipzig. Er hat Journalismus studiert. Damals habe er sich bei einem Ausflug nach Berlin in die Stadt verliebt. „Berlin schmeckt nach Freiheit, das passt zu mir.“ Aber deutsche Freunde hat er fast keine.

Er glaubt, dass er ihnen zu laut ist. Und er wiederum findet, dass es den Deutschen an Lebensfreude fehlt. Vielleicht interessierten sie sich auch deshalb nicht für ihn, weil sie denken, dass er ohnehin bald wieder weg ist. Aber er ist auf die Deutschen nicht angewiesen, es gibt genug Spanier in Berlin. Und dass er hier für zehn Euro in die Oper kann, die U-Bahn die ganze Nacht fährt, dass die Stadt voller junger Leute ist, und jeder herumlaufen kann wie er möchte, das schätzt er. „Madrid ist so alt und so konservativ“, sagt er. Bei 9flats hat er einen unbefristeten Vertrag. „Das wäre in Spanien unmöglich.“ Auch allein in einem Studio zu wohnen, wie er es in Kreuzberg tut, sei in Madrid oder Barcelona ausgeschlossen. Selbst wenn er Arbeit hätte, könnte er sich dort höchstens ein WG-Zimmer leisten. „Der Euro ist in Berlin mehr wert als in Spanien.“

Perspektive Polen

Für Mireia Segura ist Borja Betancourt einer, der es geschafft hat in Deutschland. Wenn sie von ihm spricht, hört man Bewunderung in ihrer Stimme. Sie selbst hat gerade die Kündigung bekommen von dem Callcenter in Potsdam, in dem sie seit zwei Jahren arbeitet. Ihre Qualifikation dort war ihre Muttersprache, sie hat spanischsprachigen Kunden Flüge verkauft, Stornierungen oder Umbuchungen entgegengenommen. Am 3. Dezember ist ihr letzter Arbeitstag. Ihre Arbeitsplätze werden nach Polen verlegt. Mireia Segura sagt, dass es dort auch viele junge Spanier gibt. Ehemalige Erasmus-Studenten, die nach dem Ablauf des Stipendiums nicht zurückgegangen seien. Und dass die Gehälter in Polen viel niedriger seien als in Deutschland.

Mireia Segura ist 23, sie kommt aus der Stadt Reus in Katalonien, trägt einen kurzen Jeansrock, aus ihren Stiefeletten gucken Wollstrümpfe. An diesem Abend hat sie sich mit ihrer Kollegin Sonia aus dem Callcenter im Café Colectivo getroffen. Sie kommt auch aus Spanien und heißt Sonia. Das Café liegt in Friedrichshain und ist eine Art öffentliches Wohnzimmer der spanischen Szene in Berlin. An einer Wand hängt ein Stierkopf aus Plüsch, es gibt Albondigas, also Hackfleischbällchen, und Espresso mit einem Schuss Brandy. In Spanien nennen sie das Carajillo. Die Fliesen an der Theke haben ein andalusisches Muster. Dimitri, der Cafébesitzer aus Barcelona, sagt, dass er sie als Restposten in einem Fliesenmarkt in Charlottenburg gefunden hat.

Ein neues spanisches Sprichwort

Mireia Segura und ihre Freundin stellen ihre Rotweingläser auf den Holztisch und drehen sich Zigaretten. „A congelarnos““, ruft Sonia. „Lass uns erfrieren!“ Dann zieht Mireia Segura ihre schwarze Daunenjacke über, die Freundin ihren braunen Wollmantel, und die beiden gehen vor die Tür zum Rauchen. Sonia sagt, dass es in Spanien ein neues Sprichwort gebe, von den drei Möglichkeiten, Karriere zu machen - der Meerweg, der Luftweg oder der Seeweg. Die Freundinnen haben sich daran gehalten. In ihr Heimatland Spanien wollen die beiden nun auch nicht mehr zurück. Sie werden in Berlin bleiben und neue Arbeit suchen. “Dafür sind wir hier“, sagt Mireia Segura.