Menschen, die in der Corona-Krise dringend Geld verdienen müssen, melden sich in diesen Zeiten zum Spargelstechen.
Foto: dpa/Patrick Seeger

KlaistowDieser Platz ist groß, staubig und leer. Und dieser Platz erzählt eigentlich schon fast die ganze Geschichte. Er befindet sich nicht weit entfernt von einer Autobahnabfahrt zwischen Potsdam und Werder, er liegt zwischen Brandenburger Kiefernwäldern und weiten Feldern und hinter mächtigen Scheunen, Lagerhallen, Verkaufsständen und einem riesigen Restaurant. Er nimmt den größten Teil dieses Bauernhofs ein. Es ist der Parkplatz des größten Betriebs im größten zusammenhängenden Spargelanbaugebiet der Bundesrepublik.

Willkommen bei Buschmann und Winkelmann im Dörfchen Klaistow, einem winzigen Ortsteil der brandenburgischen Spargelstadt Beelitz. Auf diesem Parkplatz können 3500 Fahrzeuge abgestellt werden. An diesem Tag stehen genau 16 Autos hier.

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Wie ein großes Volksfest

Normalweise wäre der Platz selbst an einem Wochentag ganz ordentlich gefüllt. Am Osterwochenende wäre er brechend voll gewesen. Jedenfalls bei diesem absoluten Traumwetter zum Start in die Spargelsaison. Doch Ostern 2020 blieb dieser Parkplatz leer. Es sind besondere Zeiten. Corona-Zeiten.

Die Schlagworte dieses Frühjahrs lauten: Ausgangsbeschränkungen, soziale Distanz, Abstand halten. Restaurants sind geschlossen, Volksfeste verboten. Und wenn dieser Bauernhof hier an einem Wochenende voll ist, ist das so etwas wie ein großes Volksfest.

„Für uns alle wird es ein Morgen geben“

Doch nun ist alles anders. „Eigentlich sind wir ein richtiger Erlebnishof“, sagt Ernst-August Winkelmann, einer der beiden Chefs.„Doch derzeit sind wir nur noch ein Hof.“ Er zeigt eine Broschüre, die auf 36 Seiten die 196 Veranstaltungen dieses Jahres auflistet: vom Familienflohmarkt im März über das Spargelfest zum 30. Geburtstag des Hofes im April über das Heidelbeerfestival im Juli bis zur größten Kürbisausstellung in Brandenburg im Herbst. Der Hof hat eine Verkaufsscheune und viele Stände, eine Streichelwiese, ein Wildgehege, einen Kletterwald, Wanderwege, Heidelbeerplantagen zum Selbstpflücken, Erdbeerfelder, ein Restaurant mit 800 Plätzen, eine Bühne. Alles leer, alles verwaist.

Ernst-August Winkelmann, 56 Jahre alt, ist ein stämmiger Mann, der nicht zum Pathos neigt, ein bodenständiger Westfale. Wenn er jetzt durch die menschenleeren Hallen und durch das leere Restaurant geht, schüttelt er immer wieder den Kopf. Und spricht sich Mut zu. „Ich habe meinen Leuten gesagt: Es ist keine Atombombe gefallen. Für uns alle wird es ein Morgen geben. Und denkt immer dran: Es gibt Branchen, die viel schlechter dran sind.“

Spargel ist nur ein Gemüse, allerdings ein besonderes. Goethe bezeichnete ihn als „königliches Gemüse“, andere sprechen vom weißen Gold der Felder. Dieses Edelgemüse ist das erste kulinarische Highlight des Frühlings. Etwas, das sich viele Leute gern gönnen, auch wenn es teurer ist.

Erntezeit richtet sich nach der Natur

Der Spargel ist kein Grundnahrungsmittel, weil er aber so früh geerntet wird, kann man exemplarisch erkennen, unter welchen Zwängen die hiesige Landwirtschaft steht – Zwänge, die sich durch die Corona-Krise zusätzlich verschärft haben. Die Saison beginnt eigentlich im April und endet immer am 24. Juni. Das sind zwölf Wochen, in denen Spargelbauern den Jahresumsatz einfahren müssen. Die höchsten Gewinne erzielen sie zu Beginn der Saison, wenn die Leute gern auch noch etwas mehr ausgeben für Spargel, den Frühlingsboten.

Doch in diesem Jahr sind alle Restaurants dicht, auch die Kantinen, die Schulküchen, viele Caterer. Fast alle Wirtschaftsbereiche sind von der Corona-Krise betroffen. Überall Kurzarbeit, Homeoffice, Entlassungen. Die Waschmaschinenbauer werden ihre Geräte wohl ein paar Wochen später wieder verkaufen können. Aber in der Landwirtschaft richtet sich die Erntezeit nach der Natur, nicht nach den Vorschlägen von Virologen.

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Hofläden dürfen geöffnet werden

„Die Lieferungen an die Gastronomie zum Beispiel in Berlin machen bei uns 15 Prozent des Umsatzes aus“, sagt Winkelmann. „Dazu kommen zehn Prozent, die wir in der eigenen Gastronomie verkaufen und im Hofladen.“

Die Hofküche muss nun geschlossen bleiben, Bäckerei und Hofladen haben geöffnet. Der Verkauf auf den Äckern läuft, und Winkelmann wird 150 Verkaufsstände in den Dörfern und in Berlin öffnen. Der Potsdamer Agrarminister hat durchgesetzt, dass Hofläden und Stände geöffnet werden dürfen. Der größte Teil des Spargels geht an den Lebensmittelhandel. „Immerhin kaufen die Leute unseren Spargel im Laden wirklich gut“, sagt Winkelmann.

Ideale Ausgangsbedingungen

Spargelbauern feiern kein Erntedankfest, sondern den Saisonstart. Hunderte Gäste reisen in normalen Zeiten zu einem der Dutzend Höfe des Beelitzer Spargelvereins: Minister aus Potsdam, der Landrat, Bürgermeister, Unternehmer, Vereinschefs, Prominente, geladene Gäste, Schaulustige. Es werden Hunderte Teller voller Spargel, Kartoffeln, Schnitzel und Lachs serviert, es werden Reden gehalten, es wird Bier getrunken und auf eine gute Saison angestoßen.
Als Gründonnerstag nun die Feier anstand, trafen sich nur die Hofchefs und die diesjährige Spargelkönigin. Es war kein rauschendes Fest, eher eine Trauerfeier.

„Eigentlich waren die Ausgangsbedingungen dieses Jahr geradezu ideal“, sagt Winkelmann. „Der Winter war mild, der Frühling kam früh.“ Es gab Jahre, da war es so kalt, dass kaum etwas wuchs, dass die wenigen Stangen über Tage gesammelt und gekühlt werden mussten, um wenigstens die Festgäste bewirten zu können. „Dieses Jahr wollte der Spargel ganz früh wachsen“, sagt Winkelmann. „Und dann kam Corona.“

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Exporte bis nach Singapur

Beelitzer Spargel ist einerseits eine regionale Ware für Berlin und Brandenburg. Doch er hat auch eine globalisierte Seite. Einige Bauern schicken ihren markengeschützten Beelitzer Spargel in Luxusrestaurants nach Singapur. Auch Winkelmann exportiert nach Skandinavien, England, die Schweiz und Österreich. „Eigentlich“, sagt er. „Aber das fällt im Moment auch aus.“

Der Verkauf ist das eine, die Ernte das andere. Auch dort zeigt sich die Globalisierung. In Brandenburg werden „im Spargel“ 8000 Saisonarbeiter gebraucht, 800 allein bei Winkelmann. Meist sind es Polen, Rumänen und Bulgaren. Sie erledigen den Knochenjob, den Deutsche scheuen. Nicht nur, weil die Arbeit auf den Rücken geht, sondern weil auf dem Acker trotz Mindestlohn nicht üppig verdient wird – denn in Deutschland müssen Lebensmittel vor allem eines sein: billig.

Ein Akt der Solidarität

Auf den Feldern ist derzeit einiges anders als in früheren Jahren. Dort wird nun auch Deutsch gesprochen. „Das hat es seit 15 Jahren nicht mehr gegeben“, sagt Dirk Johl. Im Hauptberuf betreibt er eine Personalagentur mit dem schönen Namen „Landstreicher“ und vermittelt Arbeitslose als Saisonkräfte in die Landwirtschaft. So sollen sie wieder in den Arbeitsmarkt finden. Nun lernt er die Freiwilligen an, die sich gemeldet haben.

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Winkelmann erzählt, dass es Leute gibt – Stammgäste des Hofes –, die aushelfen wollten, wenn nicht genügend osteuropäische Saisonarbeiter hätten einreisen dürfen. Ein Akt der Solidarität. Doch das ist eine Minderheit unter den deutschen Spargelstechern.
Auf dem Feld wird klar, dass es vor allem Leute sind, die dringend Geld verdienen müssen. Da ist eine Heimkehrerin aus Australien, da ist ein freischaffender Künstler, der bislang auf einem Kreuzfahrtschiff gut verdient hat, nun aber bis Ende des Jahres dort keinen Cent bekommt.

Spargelstechen statt Gastronomie

Und da ist Maik Jansohn – lang gewachsen und schmal, moderner Bart, Zopf, cooler Typ. Das passt zum bisherigen Job des 28-Jährigen. „Ich war auf Rügen Küchenchef in einer Restaurant-Bar“, sagt er.
Dort gab es eine ideale Kombination: Die benachbarte Surfschule bot Kurse an, und die Teilnehmer wohnten im nahen Hostel und wurden tagsüber im Restaurant verpflegt und saßen abends in der Bar.

„Jährlich hatten wir Gruppen von insgesamt etwa 5000 Leuten – und noch mal genauso viel Laufkundschaft“, sagt er. „Es lief bestens.“
Ab 1. April wollten sie ein paar Umbauarbeiten in der Bar machen, weil Ostern die ersten Gruppen angemeldet waren. „Dann wurden die Ostseeinseln dichtgemacht. Kein Tourismus mehr“, sagt er. „Nun stehe ich hier auf dem Feld.“

Er geht an einer der 300 Meter langen Spargelreihe entlang, hebt die große Plane vom Damm und schaut nach, wo sich ein Spargelkopf durch den Sand schiebt. Wenn er einen sieht, gräbt er mit den Fingern ringsum vorsichtig den Sand weg, schiebt ein langes Stecheisen neben dem Spargel in die Tiefe und schneidet die Stange so weit wie möglich unten ab. Dann hält er eine weiße, daumendicke Stange hoch. 1a Qualität.

Jansohn ist in Nordrhein-Westfalen geboren, hat Koch in einem Hotel im Sauerland gelernt, dann Meeresbiologie in Kiel studiert und auf Rügen als Restaurantchef gearbeitet. „Nun bekomme ich Kurzarbeitergeld, das sind mehr als 60 Prozent“, sagt er. „Doch hier darf ich bis auf 100 Prozent meines Ursprungslohns aufstocken, weil Landwirtschaft eine systemrelevante Branche ist.“

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„Es macht Spaß, aber es tut auch weh“

Zuvor habe er verzweifelt nach einem Job gesucht, hat sich in Supermärkten beworben, bei Lieferdiensten für Nahrungsmittel oder als Ranger in einem Naturpark mit Wisenten. „Derzeit stellt keiner jemanden ein“, sagt er. Nun will er die nächsten Wochen Spargel stechen. „Es ist ehrliche Arbeit und schön unter freiem Himmel.“ Er bückt sich, sticht die nächste Stange. Bücken, graben, stechen. Bücken, graben, stechen. Hunderte Male am Tag. „Es macht Spaß, aber es tut auch weh.“ Es ist sein erster Tag.

Dirk Johl, der Mann von der Personalagentur „Landstreicher“, geht über dass Feld und motiviert die Leute auf seine ehrliche Art: „Das ist erst der Anfang. Es wird noch härter. Es wird noch mehr weh tun. Aber nach fünf Tagen ist der Muskelkater vorbei. Dann läuft es richtig gut. Versprochen.“

Saisonarbeiter kamen früher

Hofchef Winkelmann erzählt, dass er etwa 100 Deutsche auf dem Feld haben wird. Dazu fast 600 Ausländer, „Ohne die geht rein gar nichts“, sagt er. „Genauso wenig wie in vielen Krankenhäusern und Altenheimen. Diese fleißigen Osteuropäer sind in vielen Bereichen längst das Rückgrat, machen Arbeiten, die sonst keiner machen würde.“

Und weil er diese Leute braucht, reagierte Winkelmann früh. Als sich das Ausmaß der Corona-Krise in Italien abzeichnete und über Grenzschließungen für Saisonarbeiter debattiert wurde, ließ er seine Leute in Polen und Rumänien anrufen und fragen, ob sie nicht zwei Wochen früher kommen wollen. 70 Prozent kamen – kurz, bevor die Grenzen dicht waren. Sie gingen erst einmal zwei Wochen in freiwillige Quarantäne. „Nun arbeiten sie in 20er-Gruppen, die untereinander keinen Kontakt haben und sich nicht anstecken können“, sagt Winkelmann.

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Verkauf im Drive-in

Er lässt bereits eine große Halle so umdekorieren, dass sie als erweitertes Restaurant genutzt werden kann, wenn es erlaubt würde. „Wir sind auf jede Abstandsregel vorbereitet“, sagt er. Natürlich hätte er sich gewünscht, dass Kanzlerin Merkel am Mittwoch Lockerungen für die Gastronomie verkündet. „Denn eins ist klar: Es wird mit Sicherheit unser wirtschaftlich schwierigstes Jahr.“

Winkelmann hat immerhin eine Lösung für sein geschlossenes Restaurant gefunden, wenn auch nur eine kleine. Gleich hinter der Einfahrt zum Hof ist nun ein Spargel-Drive-in. Die Leute kommen mit dem Auto, fahren zu einem zwölf Meter langen Foodtruck, bestellen eines der drei Spargelgerichte, bekommen es warm eingepackt und kontaktfrei in einer Tüte ausgehändigt und können zu Hause essen. „Ostern haben wir am Tag etwa 1000 Essen verkauft“, sagt er. Das sind zwar nur so viele, wie an Spitzentagen im Restaurant in etwa zwei Stunden verkauft werden. Aber immerhin. „Und die Sache ist richtig gut“, sagt er. „Das machen wir jetzt immer. Das ist unsere Corona-Idee.“