Schäpe - Es war ein klein wenig so, als würde der Münchener Oberbürgermeister das erste Fass beim Oktoberfest anstechen und kein Bier wäre drin. Am Donnerstag wurde in Schäpe bei Beelitz (Potsdam-Mittelmark) die diesjährige Spargelsaison eröffnet, aber das einzige, was wirklich Mangelware war, war Beelitzer Spargel.

„Der Winter war einfach zu lang“, sagt Spargelbauer Josef Jakobs, auf dessen Hof der traditionelle Anstich mit etwa 400 Gästen stattfand. „Die Sonne muss eine Woche richtig auf die Spargeldämme scheinen, dann kann die Ernte beginnen.“ Doch das Frühjahr kommt bis jetzt auf gerade einmal vier oder fünf sonnige Tage.

Noch sind die Felder unberührt

Den Saisonstart im größten zusammenhängenden deutschen Spargelgebiet übernimmt traditionell die Spargelkönigin. In den vergangenen Jahren hat der Klimawandel meist für frühe Frühjahre gesorgt, deshalb wurde meist schon zwei Wochen vor dem offiziellen Start der erste Spargel gestochen. Das ist durchaus gut so, denn die ersten Stangen sind manchmal etwas zu würzig oder gar bitter. Da ist es vorteilhaft, wenn die allerbeste Qualität genau dann wächst, wenn der Verkauf richtig los geht.

Doch diesmal sind die Felder noch unberührt. Die Folien sind fast überall noch straff über die Spargeldämme gespannt. Spargelkönigin Michaela musste eine Weile im Sand buddeln, bis sie die erste Stange für den Anstich fand. „Aber die sah dann ganz stattlich aus“, sagt sie.

Die 15 Spargelbauern der Beelitzer Anbauregion – dort werden immerhin drei Viertel der Brandenburger Jahresproduktion geerntet – wollten den Anstich nicht verschieben. „Es war eine echte Zitterpartie“, sagt Spargelbauer Josef Jakobs. „Aber die Sonne kam ja dann doch.“ Alle befragten Bauern versicherten, dass sie am Mittwochmittag – also nicht mal 24 Stunden vor dem Start – die ersten Stangen gestochen haben. „Wir legen jetzt los, so dass es am Wochenende, wenn die ersten Berliner in unser Hofläden kommen, auch Spargel gibt“, sagt Ernst-August Winkelmann vom Spargelhof Klaistow. „Aber dann heißt es: Nur, so lange der Vorrat reicht.“ Diesmal wird der Startpreis pro Kilogramm nicht bei 9 Euro, sondern bei zwölf Euro liegen.

Bei den Höfen mit viel Publikumsverkehr gilt die Regel: Die ersten Stangen gehen nicht an Berliner Luxusrestaurants, sondern in die eigenen Hofläden. Trotzdem werden wohl am Wochenende nur die ersten Kunden Glück haben. Wer also sicher Spargel bekommen will, sollte vorher anrufen oder noch ein Woche warten.

„Dass der Spargel so spät sprießt, hat es lange nicht gegeben“, sagt der Chef des Beelitzer Spargelvereins, Manfred Schmidt. „Vor zehn Jahren war es aber so dramatisch, dass wir den Saisonstart auf den 30. April verschieben mussten.“

„Der Frühling ist da, die Sonne scheint“

Es gibt auch Kritik an der diesjährigen Entscheidung für den Zeitpunkt des Spargelanstichs. „Es wäre gut gewesen, den Saisonstart um zwei Wochen zu verschieben“, sagt Dieter Kobusch vom Verein „Brandenburg unter Dampf“, einer Vereinigung von Köchen. „Mit dem offiziellen Start wird den Kunden nun suggeriert, dass es ausreichend Spargel gibt.“ Das würde nun auch die Köche unter Druck setzen, denn bei ihnen würden die Kunden ab dem Wochenende fragen, warum kein Beelitzer Spargel auf der Karte steht.

Kobusch findet das Vorgehen der Bauern sogar kontraproduktiv. „Sie wollen, dass die Berliner und Brandenburger heimische Produkte bevorzugen. Doch wenn es gar keinen Beelitzer gibt, kann es passieren, dass einige Restaurants billigen Importspargel als Beelitzer auf die Karte setzen“, sagt Kobusch.

Die Hofläden sehen derzeit tatsächlich sehr leer aus. Es gibt ein paar Tomaten und Erdbeeren aus Holland. Ansonsten stehen im Laden in Schäpe die Auslagen voll mit schönem Bauerngeschirr. Es gibt aber auch noch echten heimischen Spargel aus dem vergangenen Jahr: verarbeitet zu Beelitzer Spargelsuppe in der Dose.

Die Spargelbauern sehen die Kritik gelassen. „Der Frühling ist da, die Sonne scheint“, sagt Jürgen Jakobs. „In einer Woche wird es so viel Spargel geben, da wird niemand mehr über den Saisonstart reden.“

Doch auch das wird die Bauern nicht rundweg glücklich machen. Zwar können sie am Anfang zwölf Euro verlangen. „Doch wenn es dann ganz schnell ganz viel Spargel gibt, fällt auch der Preis ganz schnell“, sagt Jürgen Jakobs. Ihm wäre es lieber, wenn sich die Saison langsam entwickeln würde. Denn eines steht fest: Am 24. Juni ist grundsätzlich Ernteschluss. In den neun Wochen bis dahin müssen die Bauern mit ihrem teuren Edelgemüse ihren Jahresumsatz einfahren.

Wie der diesjährige Spargel schmeckt, kann an dieser Stelle noch nicht berichtet werden. Beim Anstich gab es zwar schöne bissfeste Stangen, doch sie schmeckten etwas lasch. Auf die Frage, ob die möglicherweise aus Griechenland stammen, hieß es: Der eigene Spargel würde heute bei den vielen Gästen nicht reichen, man habe sich ein wenig behelfen müssen.