Kämpfen gegen Verdrängung: Vanessa Böhm; Kathia Girke und Felicia Uhlig (v.l.n.r.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinWas haben ein Geburtshaus und ein Kino gemeinsam? Das eine bietet Gebärenden eine Atmosphäre abseits klinischer Routine; das andere eine temporäre Flucht aus der Wirklichkeit. Wirtschaftlich leiden die einen an chronischer Unterbesetzung, die anderen unter der Digitalisierung. In Prenzlauer Berg verbindet zwei dieser Einrichtungen die konkrete Frage nach ihrem Erhalt. In beiden Häusern sehen sich die Betroffenen dem Immobilienmarkt ausgeliefert, beide Belegschaften hoffen auf Unterstützung im Kiez.

„Wir sehen, dass diese Verdrängung überall passiert“, sagt Vanessa Böhm, Geschäftsführerin des Geburtshauses Maja am Arnimplatz: „Prenzlauer Berg ist seit Jahren einer der am meisten von Gentrifizierung betroffenen Kieze.“ Allerdings gebe es bislang wenig Vernetzung von Betroffenen. Seit März dieses Jahres wissen die acht Mitarbeiterinnen vom Verkauf des Hauses, in dessen Räumen sie praktizieren. Der neue Eigentümer – Aramid Immobilien – kündigte den Hebammen kurz darauf zum Ende dieses Jahres. Für eine Neuauflage des Vertrags bot die zuständige Verwaltung Core eine Mieterhöhung um fast 100 Prozent an.

Auch im Fall der 40 Beschäftigten des Kino Colosseum in der Schönhauser Allee ist seit März jede Sicherheit verschwunden. Zunächst schlossen die Türen des fast 100 Jahre alten Lichtspielhauses wegen der Corona-Krise. Im Mai meldete der Betrieb dann Insolvenz an, der Einbruch der Einnahmen mache ein Weiterführen unmöglich, so die Begründung des Insolvenzverwalters – die Angestellten stehen seither buchstäblich auf der Straße. Denn jeden Donnerstag halten sie Kundgebungen vor dem Kino ab. Einerseits, weil sie die Räume nicht mehr betreten dürfen. Andererseits, um „Kultur vor dem Colosseum“ zu machen, wie Betriebsrat Martin Rathke erklärt.

„Wir sind weiter vor Ort“, so Rathke, mit Lesungen, Infoständen und Musik. Die Menschen aus der Nachbarschaft „wissen alle, dass das ein Traditionskino ist, die Älteren waren schon als Kinder da“. Bisheriger Betreiber des Kinos war Sammy Brauner, ein Angehöriger des vorherigen Betreibers, Filmproduzenten und Holocaust-Überlebenden Artur Brauner. Das Komplizierte daran: Sammy Brauner gehört auch zur Erbengemeinschaft, an die die Räume zurückgegeben wurden. Aus diesem Grund fordern die Mitarbeiter seit Monaten Gespräche mit den Brauner-Erben: Sie wollen weitermachen, mit neuen Ideen – wie etwa Veranstaltungen neben dem Kinobetrieb, tagsüber. Bisher ging die Erbengemeinschaft auf die Forderung nach einem Gespräch nicht ein.

Ein wenig erfolgreicher verhandelt das Geburtshaus Maja, nur wenige Gehminuten vom Kino entfernt, derzeit mit seiner neuen Hausverwaltung. „Die neue Miete könnten wir sogar stemmen, da wir uns auch dann noch eher im unteren Bereich des Gewerbemietspiegels befänden“, berichtet Böhm. Das Problem: Der zuerst angebotene „Knebelvertrag“ sei tückisch in Bezug auf versteckte Kosten. Durch eine Staffelmiete von drei Prozent und Aufschlägen im Fall von Modernisierungen berge der Vertrag „Risiken und Unsicherheiten“, die eine „langfristige Perspektive an diesem Standort“ unmöglich machten, so Böhm.

So macht auch das Geburtshaus mit einer Demonstration und der Online-Kampagne #Majableibt im Stadtteil auf seine Situation aufmerksam. Inzwischen sei die zuständige Verwaltung den Mieterinnen bezüglich der Staffelmiete entgegengekommen, sie soll erst ab dem vierten Jahr einsetzen. Doch das reicht den kämpferischen Hebammen nicht, der Kompromiss „verschafft nur Zeit“, so Böhm. Sie befürchte Modernisierungsmaßnahmen und nichtkalkulierbare Aufschläge.

Das seit 1992 bestehende Geburtshaus ist nur eines von sechs in Berlin. Wegen Hebammenmangel müsste sie rund die Hälfte der Schwangeren ablehnen, schätzt Böhm. Laut Netzwerk der Geburtshäuser geht es so allen sechs Einrichtungen. Daher sieht auch das Maja sich als einen von vielen Fällen, in denen die Politik versagt habe. Der Bezirk hätte bereits vor dem Verkauf des Hauses einschreiten müssen. In Milieuschutzgebieten kann er etwa zugunsten einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft per Vorkaufsrecht eingreifen – oder eine Abwendungsvereinbarung von den neuen Eigentümern verlangen. Die verpflichtet dann etwa dazu, für eine bestimmte Zeit nicht zu sanieren.

Die Hebammen wenden sich also an die Politik: „Soziale Einrichtungen müssen geschützt werden. Wir machen hier nicht dicke Kohle. Wir sorgen dafür, dass freiberufliche Hebammen gut arbeiten können“, so Böhm. Die Probleme hießen in beiden Fällen Entmietung und Gentrifizierung, findet auch Rathke vom Colosseum. „Es ist nicht nur ein Standort bedroht. Das kann man sich nicht gefallen lassen“, so Rathke.