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Der riesige Mann hinter dem Stehpult ist wütend. Da ist nichts gespielt, auch wenn er auf einer Bühne steht. Sein Bauch wölbt sich unter dem hellblauen Hemd, sein Kopf mit den kurzen Bart- und Haarstoppeln ist gerötet, die Ärmel hat er hochgekrempelt. Er hält das Mikrofon etwas dichter vor den Mund. „Das lasse ich nicht mit mir machen“, sagt er mit kratziger Stimme.

Der wütende Mann heißt Jan Stöß. In Berlin kennen ihn wenige, hier im Saal kennen ihn alle. Es ist die Aula des Kant-Gymnasiums in Spandau, ein achteckiger Raum, mit samtbespanntem Gestühl für mehrere Hundert Gäste. Gekommen sind an die 70 Sozialdemokraten. Meist ältere Genossinnen und Genossen, Männer mit beigefarbenen Westen, Frauen mit bunten Blusen, aber auch ein paar Jüngere in T-Shirts.

Stöß, 38, ist heute hier, an diesem Abend Ende Mai, weil er Parteivorsitzender der Berliner SPD werden will. Seinen Satz hat er einem Mann entgegen geschleudert, der ein paar Meter von ihm entfernt an einem schmalen Tisch sitzt – und das verhindern möchte. Michael Müller trägt einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd. Den Schlips hat abgenommen. Nur seine Manschettenknöpfe, die nicht recht in die Schulaula passen, erinnern daran, dass der Stadtentwicklungssenator heute schon andere repräsentative Termine hatte. Er kritzelt in seinen Notizen.

Michael Müller, 47, ist seit acht Jahren Parteivorsitzender der Berliner SPD, fast so lange, wie Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister ist. Und Müller will es bleiben. Vor ein paar Minuten, als er selbst am Pult stand, hat er gesagt, dass die Kandidatur von Stöß nur eines zum Ziel habe: „Wowereit und Müller sollen im Senat abgeräumt werden. Das ist der eigentliche Punkt.“

„Der beste Bürgermeister seit Brandt“

Es ist das erste Mal seit Jahren, dass es zwei Kandidaten für den Vorsitz gibt. Von einer Rebellion ist die Rede. Von einem Machtkampf, der die Partei zu spalten droht. Die Wahl ist am Sonnabend. Bis dahin treffen die Kontrahenten mehr als ein Dutzend Mal aufeinander, um für sich zu werben.

„Es geht nicht gegen Klaus“, ruft Stöß in den Saal. Er wolle die Partei anders führen als bisher. Dass behauptet werde, er habe vor, mit seiner Kandidatur Wowereit zu stürzen, den „besten Regierenden Bürgermeister seit Willy Brandt“, sei eine falsche Unterstellung. Dann zögert er einen Moment – und sagt noch einen Satz, der für ein paar hämische Lacher im Saal sorgen wird. „Es mag jetzt schmerzlich sein für dich, Michael – aber du bist nicht Klaus Wowereit.“

In diesem Satz steckt schon die ganze Geschichte.

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Man kann ja durchaus fragen, warum hier ein Trupp junger Leute, die meisten davon Männer unter 40 Jahren, aufbricht, die Hauptstadt-SPD zu erobern. Warum tun sie das? Ist nicht eigentlich alles in Ordnung? Oder, anders gefragt: Kann man mehr verlangen als Sozialdemokrat? Die Berliner SPD hat im Herbst 2011 die dritte Wahl in Folge gewonnen.

Etliche SPD-Posten – Staatssekretäre, Senatoren, die Fraktionsspitze – wurden neu besetzt und zwar aus den eigenen Reihen. Das ist wichtig für das Selbstbewusstsein und die Stimmung einer klassisch strukturierten Partei, in der es um die Honorierung von Verdiensten geht.

Auch Klaus Wowereit ist, sieht man einmal großzügig von der Blamage mit der Flughafen-Verzögerung ab, unangefochtener Senatschef seit mehr als einem Jahrzehnt. Nach Kurt Beck in Rheinland-Pfalz ist Wowereit, der im nächsten Jahr sechzig wird, der dienstälteste Ministerpräsident.

Wowereit hat auch schwierige Zeiten überstanden, besonders nach der Bundestagswahl 2009, als die Sozialdemokraten im Bund aus der Regierung gewählt wurden. Die Grünen wurden immer stärker, gerade in Berlin. Lange Zeit lagen sie in Umfragen vor der SPD. Manche dachten, ein Regierungswechsel sei nur noch Formsache.

Aber Wowereit, der damals häufig lustlos bis genervt wirkte, kam wieder, zeigte, dass er kämpfen kann. Er stellte sich überall in die Stadt, ließ sich anfassen, besuchte die Kieze, verteilte Autogrammkarten, berlinerte mit den Berlinern. Am Ende besiegte er Renate Künast von den Grünen und führte die SPD fast allein zum Wahlerfolg. Auf den Wahlplakaten war in der Schlussphase nur noch Klaus Wowereit zu sehen. Nicht einmal sein Name stand mehr darauf, nur sein Porträt und der SPD-Schriftzug. Klaus Wowereit ist die SPD, sollte das heißen.

Aber eigentlich hieß das: Die SPD ist nichts, Wowereit alles.

Als er vor fast genau einem Jahr, länger ist es noch nicht her, auf einer triumphal inszenierten Parteitagsfeier nach US-Vorbild als Spitzenkandidat nominiert wurde, da schnarrte Wowereit den versammelten Sozialdemokraten in einer Mischung aus Wahlkampfstolz und Egomanie entgegen, wie unentbehrlich er doch sei: „Ich glaube, die SPD hat viele andere – aber nicht so einen Guten wie mich, liebe Genossinnen und Genossen.“ Was Müller wohl gedacht haben mag, als er das hörte?

Michael Müller war immer schon der unauffällige Macher hinter Wowereit. Beide kommen aus Tempelhof, einem kleinbürgerlich geprägten Stadtteil im Westen der Stadt. Beide gehören keinem der mächtigen Parteiflügel an, die die Sozialdemokraten immer mal wieder in Konflikte gestürzt, aber auch für intensive Debatten und politische Schlagkraft gesorgt haben.