Berlin - Es soll sein erstes Meisterstück als SPD-Chef werden. Ein Jahr, nachdem Jan Stöß seinem Vorgänger Michael Müller das Amt des Landesvorsitzenden entrissen hat, stellen die Berliner Sozialdemokraten an diesem Sonnabend ihre Kandidatenliste für die Bundestagswahl auf. Dabei wird sich auch zeigen, ob Stöß sein Versprechen aus dem Juni 2012 einlösen und die SPD nach ihrem langen, erbitterten Machtkampf um den Parteivorsitz wieder befrieden kann.

Das ist schon deshalb kompliziert, weil nur wenige aussichtsreiche Listenplätze zu vergeben sind. Zurzeit steht die SPD in Umfragen kaum besser da als vor vier Jahren. 2009 kam sie auf 20,2 Prozent der Stimmen, nur fünf Kandidaten landeten am Ende im Bundestag. Zwei gewannen ein Direktmandat, drei zogen über die Landesliste ein. Wirklich Hoffnung machen können sich also nur jene, die beim Parteitreffen an diesem Sonnabend einen der vorderen fünf Plätze ergattern.

Heikel ist die Wahl der Landesliste auch deshalb, weil der neue Vorsitzende bei Genossen im Wort steht. Mehrere SPD-Flügel und Kreisverbände sollen Stöß im Kampf gegen Müller nur unterstützt haben, weil er einer Frau oder einem Mann aus ihrem Lager den Einzug in den Bundestag versprochen hat. Doch je weniger Posten zu vergeben sind, desto mehr Sozialdemokraten dürften nach diesem Wochenende enttäuscht zurückbleiben.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Parteichef seine Pläne so lange wie möglich unter Verschluss hielt. Erst Ende vergangener Woche wurde bekannt, dass Stöß den Delegierten ein eigenes Personalkonzept für die vorderen Listenplätze vorlegen will. Und weil er damit Gefahr läuft, einen oder mehrere seiner Kandidaten vielleicht nicht durchzusetzen, lud er für Mittwoch kurzfristig zu einer außerordentlichen Sitzung des SPD-Vorstands ein, um sich das Konzept absegnen zu lassen – wohl mit dem Hintergedanken, mögliche Niederlagen nicht allein angelastet zu bekommen. Mit dem Beschluss, der am Abend erwartungsgemäß mit großer Mehrheit gefällt wurde, will Stöß die Geschlossenheit der Parteispitze demonstrieren.

Eva Högl soll Spitzenkandidatin werden

Die Bundestagsabgeordnete Eva Högl aus Mitte soll demnach neue Spitzenkandidatin werden. Sie löst Wolfgang Thierse ab, der die Entmachtung von Bausenator Michael Müller offen kritisiert hatte und nach 23 Jahren im Bundestag nicht wieder kandidiert. Für Platz zwei schlägt Stöß den Spandauer Abgeordneten Swen Schulz vor, der seit 2002 im Bundestag sitzt und zum Kreisverband des einflussreichen SPD-Fraktionschefs Raed Saleh gehört.

Auf dem dritten Listenplatz soll ebenfalls eine der bisherigen Abgeordneten stehen. Wenn sie am Sonnabend gewählt wird, zieht also auch Mechthild Rawert aus Tempelhof-Schöneberg wieder in den Bundestag ein. Anders als Högl und Schulz wird sie aber wohl eine Gegenkandidatin bekommen. Dem Vernehmen nach will auch Fraktions-Vize Ülker Radziwill (46) um Platz drei kämpfen. Für die Direktkandidatin aus Charlottenburg-Wilmersdorf hat Stöß nur den aussichtslosen Platz neun reserviert.

Für die Plätze vier, fünf und sechs sieht die SPD-Spitze drei Neulinge vor: den Pankower Kommunalpolitiker Klaus Mindrup, Cansel Kiziltepe, die wie der Parteichef aus dem Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg kommt, und Fritz Felgentreu aus Neukölln. Der soll aber mit Platz sechs unzufrieden sein und könnte bereits auf Platz vier antreten. Das brächte das Konzept von Stöß erheblich durcheinander.

Wahrscheinlich ist auch, dass Jörg Stroedter aus Reinickendorf noch um einen vorderen Platz kämpfen will. Die SPD Steglitz-Zehlendorf wiederum will seine Direktkandidatin Ute Finckh-Krämer ins Rennen schicken – vermutlich gegen die Stöß-Vertraute Kiziltepe. Sicher sind diese Kampfkandidaturen aber noch nicht. Parteiintern wird der Vorstandsbeschluss noch einige Kungelrunden nach sich ziehen.