Eine U-Bahn der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG).
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BerlinNicht nur oben drüber, sondern auch unten durch! Die SPD macht Druck, damit das Berliner U-Bahn-Netz erweitert wird. Damit nach langer Pause die Planung neuer Strecken in Angriff genommen werden kann, sollen im kommenden Doppelhaushalt 20 Millionen Euro bereitgestellt werden – jeweils zehn Millionen Euro in den nächsten beiden Jahren.

Doch die Koalitionspartner lehnen es ab, die Planungsmittel vorzusehen, berichtete der stadtentwicklungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Daniel Buchholz. „Jetzt wird das Thema bei den Schlussberatungen noch einmal zur Sprache gebracht.“ Eine Entscheidung über den Haushalt wird bis spätestens Mitte Dezember erwartet. Es ist also an der Zeit, nochmals die Argumente pro und kontra U-Bahn-Ausbau zu sichten. Dazu lud die SPD am Mittwochabend zu einem verkehrspolitischen Dialog ein.

Der langjährige Chef der Berliner U-Bahn war sichtlich aufgebracht. „Es ist ganz schlimm, was in Berlin passiert. Wir müssen die Ideologisierung beenden“, rief Hans-Christian Kaiser im Saal 311 des Abgeordnetenhauses und erntete Applaus. Seit Jahren werde in Berlin immer wieder diskutiert, ob erst einmal nur das Straßenbahn-Netz erweitert werden sollte – oder ob auch neue U-Bahn-Strecken gebaut werden sollen. Ein Ende des Streits ist nicht in Sicht.

In Hamburg und München wird gebaut

Auf der einen Seite stehen die Skeptiker, die sich entnervt fragen, warum selbst relativ kleine Neubauprojekte bei der Straßenbahn in Berlin so viel Zeit brauchen und sich trotzdem weiter verzögern. Die Lage verschärfe sich sogar, denn Planer sind Mangelware, und auch bei der Bauwirtschaft sind die Kapazitäten ausgereizt. Wie, heißt es vor allem bei den Grünen und der Linken, könnte unter diesen Umständen der Ausbau des U-Bahn-Netzes vorangetrieben werden? Sollte man die mageren Kapazitäten nicht konzentrieren – auf die Erweiterung der Straßenbahn?

Auf der anderen Seite steht unter anderem die SPD, aber auch Diskutanten wie die Betriebesenatorin Ramona Pop und der frühere Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (beide von den Grünen). „Der Ausbau der U-Bahn ist eine Chance für die Verkehrswende“, bekräftigte die Vize-Fraktionsvorsitzender der SPD, Ülker Radziwill, am Mittwochabend. „Eine wachsende Stadt braucht eine wachsende Infrastruktur.“ Berlin müsse jetzt anfangen zu planen.

U-Bahn – ja oder nein? Dass diese Diskussion in Berlin ziemlich einzigartig ist, erfuhren die Besucher der SPD-Veranstaltung von den geladenen Experten aus zwei anderen großen Städten. Dort heißt es: U-Bahn – na klar! „Bei uns ist der U-Bahn-Bau im Moment kein Streitthema“, sagte Michael Heidrich, Bereichsleiter Systementwicklung und Angebotsplanung bei der Hamburger Hochbahn.

Nachdem die U4 in die Hafen-City verlängert worden ist, begann man in der Freien und Hansestadt mit der Vorbereitung weiterer Neubauvorhaben. Dazu zählt die fahrerlose fast 17 Kilometer lange U5 Mitte, die eine zusätzliche Innenstadtquerung darstellen wird. Für die knapp sechs Kilometer lange U5 Ost ist schon ein Baubeginn in Sicht: 2021.

Nur 150 Einwendungen von Anwohnern

Alle Fraktionen in der Hamburgischen Bürgerschaft unterstützen diesen Kurs, so der Hochbahn-Planer. Und auch Anwohner halten sich offensichtlich mit Kritik zurück: Wo sich anderswo Einwendungen zu Zehntausenden stapeln, gab es im Falle eines Hamburger U-Bahn-Projekts gerade mal 150 solcher Briefe, hieß es. „Das Ganze läuft in ruhigen Bahnen“, stellte Heidrich zufrieden fest. Was allerdings, wie später festgestellt wurde, auch daran liegt, dass die Wiedereinführung der Straßenbahn für den Senat seit einigen Jahren keine Option mehr ist.

Ähnlich läuft es in München, berichtete Horst Mentz, der in der Landeshauptstadt lange die Verkehrsplanung leitete. In München sei ebenfalls Konsens, dass das städtische Schienennetz ausgebaut werden muss – sowohl die Straßenbahn als auch die U-Bahn. Und auch in der bayerischen Landeshauptstadt werde eine neue Linie quer durch die Stadt projektiert, sagte Mentz. Bestehende Strecken sollen in neue Wohngebiete verlängert werden. „Uns ist klar: Die U-Bahn-Struktur muss ergänzt werden.“ Außerdem werde geprüft, ob im Münchener Norden eine acht Kilometer lange Seilbahn sinnvoll wäre, so Mentz.

Angesichts der Berichte aus Hamburg und München wirkte der Berliner SPD-Verkehrspolitiker Tino Schopf fast schon etwas neidisch. „Berlin wächst, der Schienenverkehr muss mitwachsen“, bekräftigte der Pankower Abgeordnete. „Wenn wir noch mehr Menschen überzeugen wollen, das Auto stehen zu lassen, brauchen wir beides: neue Straßenbahn-, aber auch neue U-Bahn-Strecken.“

SPD fordern Verlängerungen der U2, U3 und U8

Die Sozialdemokraten halten drei U-Bahn-Projekte für vorrangig, sagte Schopf: den Weiterbau der U3 von Krumme Lanke zum Mexikoplatz, die Fortführung der U8 über Wittenau hinaus ins Märkische Viertel sowie die Verlängerung der U2 von Pankow nach Pankow Kirche – mit einer Option, die Strecke später in eines der geplanten großen Wohngebiete im Nordosten zu erweitern.

„Wir wären froh, wenn es mit dem U-Bahn-Bau weiterginge“, sagte Jörg Seegers. Er ist Technik-Chef der Projektrealisierungsgesellschaft U5, die von 2020 an BVG Projekt GmbH heißen wird. „Beim Lückenschluss der U5 in Mitte haben wir gezeigt, dass es auch in Berlin möglich ist, große Verkehrsprojekte im Zeit- und Kostenplan fertig zu stellen.“

Er bekräftigte, dass die U5 ab Dezember 2020 über den Alexanderplatz hinaus zum Hauptbahnhof fahren wird – allerdings wie berichtet vorerst ohne Halt im U-Bahnhof Museumsinsel, dessen Bau kompliziert ist. Wenn es um die Kosten geht, sei der Bau von zwei 1 620 Meter langen Tunnelröhren und drei Stationen aber nicht repräsentativ. Dass für die U5-Verlängerung zuletzt 525 Millionen Euro veranschlagt wurden, liege an den schwierigen Bedingungen in der Innenstadt und daran, dass die Bahnhöfe „exorbitant“ aufwendig ausgestattet seien, erklärte Seegers. „Mit anderen Lösungen kommen andere Preise ’raus.“ Klar sei aber, dass die Vorbereitungen und Planungen in jedem Fall lange dauern werden: „Wer in zehn Jahren eine neue U-Bahn-Strecke in Berlin haben will, muss das Projekt jetzt beschließen“, mahnte der Geologe.

Kritik an "Stummeln" im Untergrund

Doch manch einem im Raum war nicht nach einem solchen Beschluss zumute. „Ich habe Finanzsenator Kollatz so verstanden, dass Berlin bald wieder weniger Geld hat“, sagte Uwe Hiksch von den Naturfreunden. Schon jetzt mangele es an Planungskapazitäten. Deshalb sollte sich Berlin auf den Ausbau des Straßenbahn-Netzes konzentrieren. Die von der SPD vorgeschlagene Erweiterung des U-Bahn-Netzes liefe auf „drei winzige Stummel“ heraus, spottete Hiksch. „Ich frage mich, was die zur gewünschten Verkehrswende beitragen sollen.“

Bevor Berlin neue teure U-Bahn-Tunnel grabe, sollten bestehende Strecken saniert und Engpässe im Schienennetz beseitigt werden, pflichtete Oswald Richter von Pro Bahn bei. „Noch immer gibt es bei der S-Bahn eingleisige Strecken“ – etwa entlang der S25 oder nach Potsdam.

Arvid Krüger von der Universität Kassel zeigte sich skeptisch. In Berlin gelinge es nicht einmal, „das Notwendige zu tun“ – zum Beispiel, überlastete Buslinien wie die M41 und M48 durch Straßenbahnstrecken zu ersetzen. „Wie sollen wir dann das Traumhafte schaffen, etwa die Verlängerung der U3?“ Die Stadt müsse Prioritäten setzen, sagte er.

Er habe nichts dagegen, wenn nun die vorgeschlagenen Verlängerungen der U2 und U3 geplant werden, meinte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. „Ich hoffe, dass Ihr es wirklich ehrlich meint und auch die Straßenbahn ausbauen wollt“, sagte er mit Blick auf die SPD-Politiker im Raum. Doch er forderte auch, „wesentlich komplexer zu denken“ – und den Ausbau des S-Bahn- und Regionalverkehrs stärker in den Blick zu nehmen.

Karl Holst aus Karow forderte, die U2 über Pankow hinaus bis Buch zu verlängern. „Bevor Wohngebiete gebaut werden, muss die Verkehrslösung da sein“, sagte er. Die Straßenbahn wäre dort nicht sinnvoll.

„Die Straßenbahn ist tot“, rief dagegen ein Diskutant, der sich als Martin aus Weißensee vorstellte. „U-Bahn und Elektrobus – das ist die Zukunft.“ Es sieht so aus, als ob die Berliner Diskussion noch lange nicht zu Ende ist.