Der Mann ist zu bedauern. Martin Schulz, vor grade mal zwei Wochen zum Kanzlerkandidaten der SPD ausgerufen, wird von Umfragewerten erschlagen. Nun weiß zwar jeder, und das schreiben auch alle Journalisten, dies sei eine Momentaufnahme, sie habe nichts zu bedeuten, man müsse abwarten. Am Ende wird aber dann doch die Kurve gezeigt. 31 Prozent, das war dieser Tage sein Spitzenergebnis. Ein Institut sah ihn gar schon ein Prozent vor der Kanzlerpartei.

Das ist fatal. Denn der Begeisterung fehlt es ja derzeit völlig an Substanz. Die Genossen sind begeistert von Schulz, Schulz ist begeistert von sich selbst und alle zusammen begeistern sich plötzlich für die SPD. Aber warum? Für Schulz kann es von diesem Gipfel aus gesehen jetzt fast nur noch abwärtsgehen. Wenn er Glück hat, und mit ihm die SPD, wird es kein Absturz.

Und wenn jetzt schon begeisterungsbesoffen von einer Wechselstimmung im Land die Rede ist, dann wird es ganz und gar verrückt. Denn leider ist es ja so, dass wir in Deutschland derzeit so etwas wie eine Wechselstimmung erleben – aber die ist nicht auf der gesellschaftlichen Linken auszumachen, sondern entgegengesetzt, am rechten Rand.

Einen politischen Wechsel mit Stimmung wollen derzeit die radikalen Rechten und sind damit – nicht nur in Umfragen – erfolgreich. Man kann deshalb vor dem Wunsch nach Wechselstimmungen nur warnen. Sie führen in die ganz und gar falsche Richtung. Stimmung auf der Linken macht aber leider auch die Linkspartei mit Sahra Wagenknecht.

Schulz ist eine Art populärer Anti-Populist

Diese sinnfreie Ja-wo-leben-wir-denn-Rhetorik, die ihre Reden durchzieht, ihre Anleihen am rechten Rand, stoßen ja Gott sei Dank alle  ab, die ein wenig nachdenken. Und sollte dann doch neben rechts auch links eine gesellschaftliche Stimmung entstehen, werden womöglich diejenigen profitieren, die Stetigkeit, Verlässlichkeit, Sicherheit ausstrahlen. Sie wissen schon, wen ich meine. Die Kanzlerin und ihren Seehofer. Was wäre also damit aus Sicht der SPD gewonnen?

Schulz ist zu Gute zu halten, dass er zwar eine Stimmung erzeugt hat, zumindest in der SPD, aber nicht Stimmung macht. Schulz ist eine Art populärer Anti-Populist. Seine Reden sind und bleiben hoffentlich frei von Empörungsrhetorik. Das erhöht die Chance darauf, dass sein Erfolg – sicher auf niedrigerem Niveau als es derzeit die Umfragen hergeben – bei den Wählern darauf gründet, dass sie ihm zuhören und einsichtig sind. Und das wäre dann verlässlicher als jede Stimmung.

Vielleicht wird in der historischen Rückschau Martin Schulz der erste Kanzlerkandidat der SPD sein, der ohne den Makel der Agenda-Politik von Gerhard Schröder agieren kann. Nicht, weil er ein Gegner dieser Politik gewesen wäre, sondern schlicht, weil genug Zeit vergangen ist. Seit zwölf Jahren arbeitet sich die Partei an den damaligen Reformen ab. Zwölf Jahre haben die Sozialdemokraten und ihre Anhänger gelitten, sich abgewandt, sich bemitleidet, an sich selbst gezweifelt. Sie haben das Trauma in allen Facetten durchlebt. Sie sind ins Lager der Nicht-Wähler gewandert, haben Linke gewählt, mit der AfD sympathisiert und sind nicht froh geworden. In diese Erschöpfung hinein kommt Schulz. Einer, den man nicht so genau kennt. Mal sehen, ob die Genossen ihre Chance ergreifen.